In diesem Text geht es um Breather, ein Start-up, das die Grenzen dessen, was wir als privat und was wir als öffentlich ansehen, ein gutes Stück verschieben könnte. Das zumindest glaubt sein Gründer, der Marketing-Guru Julien Smith.

Um klar zu machen, warum Breather derzeit hoch gehandelt wird, ist es am besten, sich zunächst die Geschichte eines anderen Start-ups anzusehen, dessen Gründung archetypisch verlaufen ist. Am Anfang von Third Shelf stehen zwei junge Männer mit einer Idee (ein Programm, das Kundengewohnheiten sammelt), aber ohne Geld. Um ihre Software zu schreiben, reichten Rami Karam und seinem Partner das eigene Sofa in Montreal. Kompliziert wurde es erst, als es darum ging, mit Investoren oder potenziellen Kunden Gespräche zu führen. Denn Konferenzräume in Hotels waren teuer und der Starbucks um die Ecke zu laut und zu voll. Die beiden brauchten einen Raum, nicht mit Bett wie auf Airbnb, sondern mit großem Tisch.

Gut für Karam, dass zur gleichen Zeit ein anderes Start-up in Montreal von sich reden machte: Breather, das auch als "Uber für Büroraum" bezeichnet wird. Das Konzept ist simpel, über eine App sucht man sich einen Büroraum in der Gegend und mietet ihn mit drei Klicks an. Die Mietdauer beginnt bei einer halben Stunde, der Mietpreis bei 15 Dollar.

Raum zum Denken

Third Shelf hat mittlerweile 15 Angestellte und eigene Büros. Ohne Breather wären sie aber vielleicht niemals dorthin gekommen, sagt Karam. "Es war die perfekte Lösung für uns". Zwei bis drei Mal pro Monat mietete er einen Raum an, für Meetings mit Investoren oder Brainstormings mit dem Team. Insgesamt gab er dafür nicht mehr als 200 Dollar monatlich aus. Noch heute nutzt er Breather, etwa wenn er sich für Konferenzen aus dem dicht gedrängten Großraumbüro in der Altstadt von Montreal zurückziehen will.

Für Leute wie Rami Karam ist Breather in den drei Jahren seit der Gründung zum festen Bestandteil ihres Unternehmenskonzepts geworden. Nicht nur aus Kostengründen, wie er sagt: "Die Investoren finden, dass man clever ist, wenn man Breather nutzt."

Mit mehr als 250 Räumen in zehn Städten bietet die Plattform genau das, was die Technologie- und Start-up-Szene braucht: flexibel nutzbaren Arbeitsraum. Die Städte sind nicht zufällig gewählt, es sind die kreativen Hotspots, neben Montreal beispielsweise New York, Palo Alto und Los Angeles. "Ursprünglich hatten wir eigentlich mehr an den urbanen Nomaden gedacht, der von Starbucks die Nase voll hat", sagt Packy McCormick, Geschäftsführer der Breather Dependance in New York. "Doch mittlerweile sind die meisten unserer Kunden Firmen. Wir arbeiten auch mit großen Unternehmen wie Google und Spotify", sagt McCormick.

Palo Alto, Kalifornien: Ob das Fahrrad beim Denken hilft? © Breather

Das Design der Räume, die zwischen 25 und 120 Quadratmeter groß sind, reflektiert ihre ambivalente Funktion zwischen privat und öffentlich. Die weiß getünchten Ziegelwände wirken wie ein Loft aus dem Katalog, clean und doch bewohnt. Im Regal neben dem Sofa liegen Bücher, auf dem Tisch steht eine Designvase, an der Wand hinterm Konferenztisch hängt ein Fixie-Fahrrad. "Man soll entspannt und produktiv zugleich sein", sagt Amy Johnson, die Designmanagerin bei Breather.

Breather-Scouts suchen Berlin ab

Ganz offensichtlich hat Breather einen Nerv getroffen, indem es das Angebot an Arbeitsraum an die Bedürfnisse der Share Economy anpasst. Das wachsende Heer der Selbstständigen hat Zugang zu temporären Arbeitsplätzen und Firmen können sparen, weil sie weniger Raum dauerhaft anmieten müssen. Der Gründer Julien Smith sieht in dem Konzept des Übergangsraums gar eine weitreichende stadtsoziologische Dimension, die sich auch auf den Immobilienmarkt auswirken werde. "Wir denken gewöhnlich, dass das Heim und das Büro unser Privatraum ist und alle anderen Räume öffentlich. Doch was wäre, wenn wir das ändern könnten?"

Einstweilen ist Breather noch ein vergleichsweise kleiner Player, aber das Unternehmen wächst rasant, bald dürfte es Nachahmer geben. Die Firma expandiert bereits nach Übersee, seit Kurzem kann man in London Räume anmieten. Derweil suchen Scouts Berlin und andere europäische Städte nach nutzbaren Flächen ab.