Früher einmal war die Hand der ganze Stolz des Menschen. Er nutzte sie, um Bären oder Büffel zu erlegen, Steine zu Pyramiden aufzutürmen und ungeliebten Mitmenschen den Hals umzudrehen. Heute ist die Hand nur noch das nutzlose Anhängsel des Daumens. Ständig lässt sie das Smartphone fallen. Kaum schreibt man drei Sätze mit einem Füller, entzündet sich die Sehnenscheide. "Sprich zu der Hand", sagte Arnold Schwarzenegger in Terminator 3 und meinte es als Beleidigung. Die Hand hat abgewirtschaftet.

Ähnlich wie beim BER oder dem HSV zeigt sich das Ausmaß der Krise im zugehörigen Krisenmanagement: Design- und Fashionblogs haben 2016 zum Jahr der Handarbeit erklärt. Man macht wieder was! Töpfern, Ausmalbücher für Erwachsene und Filofaxing – die individuelle Gestaltung eines Ringbuchkalenders – sind Trend. Und es gibt Macramé: eine orientalische Knüpftechnik, die von den Kreuzrittern nach Europa eingeschleppt wurde, ihre Blütezeit jedoch erst als Wandteppich, Tischdeckchen oder Raumtrenner in deutschen Hippie-WGs der siebziger Jahre erlebte.

Nun ist Macramé wieder angesagt. Wobei die erwähnten Blogs versichern, diesmal seien alle total unhippiemäßig drauf, und mit den Freundschaftsbändchen, die "wir alle" in der fünften Klasse für unseren Sitznachbarn mit der großen Brille knüpfen mussten, habe das auch nichts mehr zu tun. Stattdessen gefragt im postmodernen Macramé: neonfarbene Wolle, steile Materialmixe, kunstvoll verworrene Schnürsenkel. Alles kann ein Knoten sein, und viele Knoten ergeben eine Blumenampel. Oder ganz viele Blumenampeln.

Endlich alles mit der Hand: Knoten ist das neue Hobby.

Wo hängt's? Zum Beispiel in Berliner Coffeeshops, die nicht mehr ganz auf der Höhe sind. In Boutiquehotelketten über den Kingsize-Betten. Und immer häufiger auf Mottohochzeiten, wegen "tie the knot", na klar. Die Stars der Szene halten Workshops ab und ermutigen ihr Publikum zu eigenen Verknotungen. Man kann die Arbeit aber auch asiatischen Kindern überlassen und fertige Blumenampeln bei Ikea kaufen. Dort ist schließlich noch jeder Dekotrend vor die Hunde gegangen.

Wo hängt's also wirklich? Schon wieder an greifbaren, handfesten Alternativen zum durchdigitalisierten Alltag? Womöglich an der Sehnsucht des Menschen nach Dingen, die er selbst fertigen und im Falle einer Tobsuchtsattacke von der Wand reißen kann? Wie schon das Ausmalen vorgezeichneter Südseelandschaften ist auch dieses Handarbeitsphänomen ein sehr kleiner Kleinkunstnenner: Macramé ist keine Frage von Zeit, Geld oder Talent. Wer nicht gerade Picassos Guernica fürs Durchgangszimmer nachknoten will, begibt sich auf idiotensicheres Terrain. Im Handumdrehen hat man etwas hängen über dem Europalettentisch, auf der die neue Flow so dekorativ herumliegt.

Knüpfen ist für alle da

In seiner Genügsamkeit unterscheidet sich Macramé von der vergleichsweise raketenwissenschaftlich anmutenden Kunst des Strickens, die sich in den vergangenen Jahren zum erstaunlichen reclamation project auswuchs. Weg von Großmutters AB-Maßnahme, hinein in relevante zeitgenössische Kontexte. Während die subversive Kraft traditionell weiblicher Handarbeit und das Selbstermächtigungspotenzial sogenannter Stitch-'n'-Bitch-Clubs bis heute ungeklärte feministische Streitfälle sind, wird an mancher Universität längst gestrickt, um mathematische Problemstellungen zu veranschaulichen.

Dass sich die Leistungen der Macramé-Community vergleichsweise bescheiden ausnehmen, ist von vornherein Sinn der Sache gewesen. Man klinkt sich aus für einen Ladezyklus des Handyakkus, bindet ein paar Wellen-, Kreuz- und Flechtknoten zusammen und gönnt sich das Gefühl, etwas geleistet zu haben. Die Freizeitbewältigung gleicht sich dabei, ganz im Sinne des Spätkapitalismus, an den Berufsalltag an: Tagsüber knüpft man Kontakte, abends eine hübsche Aufhängung für die Hortensien. Hauptsache Netzwerk.