Nackte Beine im Sand, ein kunstvoll drapiertes Dessert, die Skyline von Toronto, New York oder Hongkong. Und natürlich überall fröhliche Gesichter, niedliche Tiere, Sonnenuntergänge. Die Fotostreams von Menschen, prominent oder völlig unbekannt, reißen nicht ab. Auf Instagram wird mit perfekt inszenierten Fotos um Aufmerksamkeit gebuhlt, bei Facebook und Twitter sieht es ähnlich aus: Im Sekundentakt prasseln neue Informationen auf die Nutzer ein – ganz gleich, ob wichtig oder nicht.

"Ich selbst bleibe auf der Strecke, mir wird das alles zu viel. Ich lebe ein offenbar elendig langweiliges Leben. Ich konsumiere all die Timelines und Feeds, um mitreden zu können. Aufhören fällt schwer, ist fast unmöglich. Ich scrolle phlegmatisch weiter, erste Selbstzweifel machen sich breit. Ständig im Nacken sitzt mir die Angst, eine Information zu verpassen. Was mache ich eigentlich falsch, dass ich immer der bin, der vor dem Bildschirm hockt, während alle anderen ihren Spaß haben?"

Erkennen Sie sich in diesen Gedanken wieder? Dann leiden Sie vielleicht an Fomo - Fear of missing out. Die Angst, etwas zu verpassen – das ist ein altbekanntes Phänomen. Als soziale Wesen möchten wir mitreden können, uns einer Gruppe zugehörig fühlen. Dabei wiegen wir stets ab, was für ein harmonisches und glückliches Zusammenleben wichtig ist. Doch wie gehen wir damit um, wenn das mal nicht funktioniert? Parallel zur wachsenden Informationsflut der sozialen Netzwerke wächst sich diese Sorge aus zur Verunsicherung. Wer unter Fomo leidet, hinterfragt übermäßig häufig die eigenen Entscheidungen und fühlt sich gezwungen, stets auf dem neuesten Informationsstand, also online und aufnahmebereit zu sein.

Besonders häufig von FOomo betroffen sind die Digital Natives, also junge Erwachsene, die mit dem Internet aufgewachsen sind und die Nutzung sozialer Netzwerke selbstverständlich in ihren Tagesablauf integriert haben. So outete sich etwa Bianca Bosker, die das Technologie-Resort der US-amerikanischen Huffington Post leitete, als Fomo-Betroffene. Sie berichtete von Symptomen wie Schweißausbrüchen, Juckreiz, innerer Unruhe und zwanghaftem Aktualisieren des eigenen Twitter-Feeds. Irgendwann wusste sie, dass sie gegensteuern musste.

Wieso legen wir nicht einfach das Handy aus der Hand?

Was in der Theorie simpel klingt, kostet in der Praxis viel Überwindung. Ob man nun freiwillig immer erreichbar sein möchte oder weil der Arbeitgeber es verlangt, vielleicht sogar weil man sich schlicht dran gewöhnt hat: Die Internetnutzung ist bei vielen Menschen fester Bestandteil des Privat- und Berufslebens. Das belegen die Zahlen der aktuellen ARD/ZDF-Online-Studie. Die Studie besagt, dass 83 Prozent der Deutschen in diesem Jahr "zumindest selten" das Internet nutzen – dieser Prozentsatz steigt seit 20 Jahren stetig an. Ebenfalls weiterhin Zulauf verzeichnen soziale Netzwerke wie Instagram und Facebook: Rund 25 Prozent der Befragten zwischen 14 und 29 Jahren benutzen Instagram mindestens einmal täglich, doppelt so viele loggen sich mindestens einmal am Tag bei Facebook ein.

Diese Entwicklung kommt natürlich nicht überraschend. Seit Jahren warnen Technologie-Kritiker wie der Informatiker Alexander Markowetz oder der Psychologe Manfred Spitzer vor den Gefahren des Digitalen. Letzterer lieferte sich in der Talkshow von Anne Will ein hitziges Wortgefecht mit dem Digitalexperten Sascha Lobo über die schädlichen Auswirkungen des Internets. "Kinder müssen vor dem Netz beschützt werden", lautet eine seiner Thesen. Sogar die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, setzt sich mit dem Thema auseinander. Mortler plädiert dafür, dass Ärzte bei Früherkennungsuntersuchungen verstärkt den Faktor "Medienabhängigkeit" überprüfen und Aufklärung betreiben sollten. Fomo könnte somit früh erkannt und behandelt werden.