Sie haben gestritten, sich vertragen, sich wieder gestritten. Sie haben einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt. Jetzt schreiben sie sich E-Mails – der Sohn an den Vater, der Vater an den Sohn. In unserer zehnteiligen Kolumne "Apfel an Stamm".

Vater, es wird jetzt wehtun

Es soll diesmal um Fußball gehen, in jeder Vater-Sohn-Beziehung geht es irgendwann um Fußball, und Fußball tut weh. Bei uns ganz besonders. Du warst es, der mich, fünf Jahre erst, im Verein angemeldet hat. VfL 93, Grandplatz, die Meerweinstraße. Erinnerst Du Dich?

In einem Punktspiel kurz darauf wurde ich von meinem Gegenspieler böse weggegrätscht. Muss Winter gewesen sein, die Asche, auf der ich zu liegen kam, war gefroren. Über mir: Rufen, Fluchen, Tumulte. Als ich aufschaute, sah ich Dich im Anstoßkreis mit dem Schiedsrichter ringen. Vorher hattest Du hinter unserem Tor gestanden, das weiß ich noch genau. Du bist über den halben Platz gesprintet, um mich, den Gefoulten, von selbigem zu tragen. Mir war das ziemlich peinlich.

Ich konnte weiterkicken, ein blutiges Knie, sonst nichts. Der Schiedsrichter hat Dich der Anlage verwiesen, die verbleibenden Minuten hast Du aus der Garageneinfahrt verfolgt, durch den Zaun. Ich habe einige Erinnerungen an den Fußball, aber das ist die erste. Ein Vater, der sich für seinen Sohn sogar prügelt. Eigentlich eine coole Sache. Eigentlich.

Moritz Herrmann, Jahrgang 1987, aus Hamburg. Freier Reporter für DIE ZEIT, Neon, Dummy, 11Freunde und andere. Herrmann schreibt Reportagen und Porträts, aber auch ausgesprochen gern über sich selbst. © privat

Heute glaube ich, dass Du ein schlechtes Gewissen hattest. Dass mein Fußball für Dich mehr war als ein Spiel. Die Sache mit Mama war damals fast durch, Du hattest sie und mich verlassen. Die Seitenlinie wurde Dir zur Gelegenheit, zu verfolgen, wie es mir so geht. Ich habe Fußball gespielt und Du hast Vater gespielt. Hast mich bei meinem ersten Verein angefeuert und bei meinem zweiten. Hast gesehen, wie ich als Stürmer anfing, dann Libero wurde, dann Spielmacher, zuletzt wieder Stürmer.

Immer nur Samstag, für knappe zwei Stunden

Versteh mich nicht falsch, ich fand es gut, dass Du immer am Platz warst. Noch besser hätte ich es allerdings gefunden, wenn Du auch sonst da gewesen wärst. Nicht nur Samstag, für knappe zwei Stunden. Fußball ist ein einfacher Sport, Vater, das wusste schon Gary Lineker. 22 Männer, in meinem Fall noch Buben, jagen dem Ball hinterher und am Ende gewinnt am besten immer Dein Sohn. Du hast es Dir einfach gemacht.

Standest an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, Schattentrainerblick, und wenn ich vorbeigetrabt kam, murmeltest Du mir taktische Anweisungen zu: den Gegner umlaufen! In die Mitte ziehen! Häufiger schießen! Nicht so häufig schießen! Mit der Rhetorik des notorischen Besserwissers hast Du geflüstert. Müsste Marcel Reif diese Szenen kommentieren, er würde rufen: "Und da, liebe Leute, holt sich der junge Herrmann letzte Instruktionen an der Seitenlinie. Kann er der Partie noch mal eine Wende geben?" So habe ich mir das jedenfalls vorgestellt. Und jede Order befolgt, immer auf Dich gehört, mehr als auf meinen Trainer. Es war mir sehr egal, wenn Deine Empfehlungen seinen Befehlen zuwiderliefen. Ich wollte ein guter Spieler sein, aber mehr noch ein guter Sohn. Wir hatten ja nur diese 90 Minuten. Aus dem Support wurde ein Ritual und aus dem Ritual ein Spleen.

Und heute? Habe ich mit dem Fußball aufgehört. Keine Zeit, zu anstrengend. Hin und wieder schaffe ich es zum Tennis. Auch dort bist Du zugegen, gibst mir aber keine Anweisungen mehr. Wieso solltest Du auch. Wir spielen schließlich gegeneinander.