Sie haben gestritten, sich vertragen, sich wieder gestritten. Sie haben einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt. Jetzt schreiben sie sich E-Mails – der Sohn an den Vater, der Vater an den Sohn. In unserer zehnteiligen Kolumne "Apfel an Stamm".

Vater, ich habe Angst.

In 30 Jahren werde ich ein wenig älter sein als Du jetzt, und Du wirst dich deinem 83. Lebensjahr nähern. Dreiundachtzig. Und damit geht es ja schon los, weil ich, während ich so einen Satz hinschreibe, ihm ein stilles "hoffentlich" hinterherdenke, denken muss, andernfalls würde es ja bedeuten, dass Du – richtig. Beziehungsweise, nein: falsch, ganz falsch.

Ich habe Angst, dass Du alt wirst.

Meine Angst ist nicht bedeutsam, nicht ungewöhnlich, nicht einzigartig. Jedes Kind, egal wie alt, kennt diese Angst. Wenn es darum geht, dass die Eltern altern, fallen wir Kinder in die uns zugedachten Rollen zurück. Aber Du bist ein Sonderfall. Bist nicht wie die anderen Väter, die irgendwann Plauze kriegen und Platte auf dem Kopf, die in Katalogen nach dem neuen Weber-Grill suchen, sonntags Autofelgen polieren und Dinge sagen wie: Fünf Sterne, all inclusive, klar, war ein bisschen teuer, aber dafür muss man sich in der Anlage um nichts kümmern!

Bei Dir ist das Problem ein anderes: Dein Alter ist und war bis jetzt immer nur eine abstrakte Größe, jedenfalls für mich. War eine Kerze mehr auf dem Kuchen, ein weiteres Grillen im Garten im April, mein Geschenk für Dich vielleicht Tickets für ein Leonard-Cohen-Konzert. Mehr nicht. Du hast ein paar Falten bekommen und einen graueren Kopf, aber sonst hat sich nicht viel verändert, die alte Erich-Kästner-Weisheit. Du bist fit. Du machst Sport. Du siehst gut aus. Du klopfst Sprüche. Du feierst. Du glühst.

Verstehst Du, Vater? Du bist gealtert, ohne zu altern.

Es gibt bis jetzt nichts, was mich auf einen greisen, gebrechlichen Vater vorbereiten würde. Du bist kein Mann, der sich pflegen lässt. Oder eine Windel trägt. Zu Dir passt kein Rollator. Wenn ich mir, das ist eine große Anstrengung, Dich in alt vorstelle, dann sehe ich so eine Richard-Branson-Figur vor mir tänzeln. Braungebrannt, das Hemd bis zum dritten Knopf offen, breites Grinsen, ein Lebemannleben. Alles andere scheint unvorstellbar.

Ich habe Angst vor dem Tag, an dem sich das ändert, an dem sich Deine Gebrechen mehren. Der Treppenlift eingebaut wird. Angst, dass mir Deine junge Frau eines morgens aus dem Telefon entgegenweint: Moritz, er ist gestürzt. Es sieht nicht gut aus.

Angst, dass Du doch kein Richard Branson wirst.

Moritz Herrmann, Jahrgang 1987, aus Hamburg. Freier Reporter für DIE ZEIT, "Neon", "Dummy", "11Freunde" und andere. Herrmann schreibt Reportagen und Porträts, aber auch ausgesprochen gern über sich selbst. © privat

Das Problem in 30 Jahren wird nicht sein, dass Du Dir nicht helfen lassen willst. Das Problem wird sein, dass ich nicht weiß, wie ich Dir helfen soll. Weil ich nicht weiß, wie das überhaupt geht: Dir helfen. Ich habe das nicht gelernt, ich musste ja nie.

Nun darf ich einen großen Luxus natürlich nicht verschweigen: Du bist sehr jung Vater geworden und auch deshalb noch immer nicht alt. Ich habe gute Freunde, die suchen ihren Eltern schon Heimplätze und Pflegekräfte. Wir beide waren neulich wieder auf St. Pauli feiern. Das ist ein Unterschied. Du kannst nicht aus dem Leben tröpfeln, intubiert, bettlägerig, mit Katheter. Vater, habe ich mehr Angst, dass Du alt wirst, als Du selbst?

Vielleicht kommt es ja ganz anders. Vielleicht wirst du 107 und ich 83. Dann wären wir gemeinsam alt. Du hast nicht allzu viel dafür getan, gerade deshalb wäre es Dir zuzutrauen. Auch den Sensemann nochmal verarschen, warum denn nicht? Vielleicht sterbe ich sogar vor Dir, Vater. Ich könnte damit leben.