Sie haben gestritten, sich vertragen, sich wieder gestritten. Sie haben einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt. Jetzt schreiben sie sich E-Mails – der Sohn an den Vater, der Vater an den Sohn. In unserer zehnteiligen Kolumne "Apfel an Stamm".

Vater, bin ich wie Du?

Ich wurde geboren, weil Mutter sich bückte, um das Erbrochene Deines besten Freundes aufzuwischen. Dieser Freund war sehr betrunken, Mutter war sehr schwanger. Bückbedingt setzten die Wehen ein. Immerhin, es war nicht Dein Erbrochenes. Du warst gar nicht da. So fing das also an mit uns, mit Dir und mir, die ganze Sache.

Heute verstehe ich. Andere Zeiten, andere Sitten, zumal in der DDR. Ich werfe Dir nichts vor. Ich trage nichts nach. Ich will nur wissen: Was macht es mit dem Sohn, wenn der Vater ist wie du? Immer auf der Pirsch. Nach Spaß, Geld, Frauen, Party. Okay, die Frauen sind weniger geworden, es gibt nur noch eine, und die ist fantastisch. Aber der Rest, der ist geblieben.

Neulich waren wir auf der Reeperbahn, kleine Kneipentour, großer Exzess. Ich vertrage mittlerweile mehr als Du, aber Du bleibst trotzdem länger. Ich bin um drei Uhr gegangen, Deine Spur verlor sich in der Nacht. Am nächsten Morgen hatte ich etliche SMS Deiner Frau, der einen, auf dem Handy: Wo ist er? Ich wusste es nicht.

Zeigen, wie ich es nicht machen soll, das war Deine Erziehungsdoktrin

Diese Warnung kommt vielleicht zu spät, aber das hier soll keine therapeutische Sitzung werden, kein Beichtstuhl und kein Kummerkasten. Wäre ja auch sinnlos, zu ähnlich bin ich Dir geraten. Pathologische Typen, alle beide. Wesensverwandt. Gleiches Gemüt. Wenn ich gesagt bekomme, ich sei genau wie Du, weiß ich nicht, ob das lobend oder tadelnd gemeint ist. Vermutlich beides.

Wir können nicht sparen. Wir trinken zu viel. Wir sind unvernünftig. Aber es geht mir ganz gut. Ich frage mich also: Bin ich, wie ich bin, obwohl oder weil Du warst, wie Du warst? Hab ich Dir nachgeeifert, weil mir immer wieder gesagt wurde: Werd nicht wie Dein Vater! Sogar von Dir. Zeigen, wie ich es nicht machen soll, das war Deine Erziehungsdoktrin.

Moritz Herrmann, Jahrgang 1987, aus Hamburg. Freier Reporter für DIE ZEIT, "Neon", "Dummy", "11Freunde" und andere. Herrmann schreibt Reportagen und Porträts, aber auch ausgesprochen gern über sich selbst. © privat

Damals, als wir uns nur alle zwei Wochen gesehen haben, hast Du das Ampelspiel erfunden. Auf der Tour von Mama zu Deiner Bude versuchten wir, so viele gelbe Ampeln wie möglich zu kriegen. Rote Ampeln zählten doppelt. Als ich, Jahre später, noch in der Probezeit eine mit Blitzanlage versehene Kreuzung nahm, 35 Stundenkilometer zu schnell, hast Du den Idiotentest bezahlt. Damals war ich erleichtert. Heute frage ich mich, ob auch Du den Verdacht hast, dass ich so bin, wie ich bin, weil Du warst, wie Du warst.

Zu meiner Geburt in den Kreißsaal hast Du es dann noch geschafft. Als ich rauskam, war mein Kopf blau angelaufen, ich hatte mir die Nabelschnur zweimal um den Hals gewickelt. Sie saß fest. Es sah aus, so hat man mir gesagt, als wollte sich dieses Kind erdrosseln. Aber das muss wirklich nichts bedeuten.

Jeder hat seine Sicht auf die Realität.

Was denkst Du, Vater? War es so?

Oder war alles ganz anders?