Für eine Ernährung ohne tierische Produkte interessieren sich immer mehr Leute, in deutschen Großstädten eröffnen regelmäßig vegane Supermärkte. Es gibt gute Argumente dafür, rein pflanzlich zu essen, sowohl ethische als auch pragmatische. Wir haben uns mit zwei Menschen an einen Tisch gesetzt, die für eine Welt streiten, in der keine Tiere mehr genutzt oder geschlachtet werden. In ihrem Ziel sind sie sich einig, im Weg dorthin nicht.

ZEIT ONLINE: Millionen Deutsche bezeichnen sich als Flexitarier, das heißt, sie essen nur selten Fleisch und wenn, dann aus biologischer Landwirtschaft. Gut oder schlecht?

Sebastian Joy: Gut, denn viele Leute haben im wahrsten Sinne des Wortes eingefleischte Ernährungsgewohnheiten. Da ist schon etwas gewonnen, wenn jemand seinen Fleischkonsum reduziert. Ich würde sogar sagen, dass es vor allem die Flexitarier sind, die die Bewegung momentan vorantreiben. Weil es immer mehr von ihnen gibt, sorgen sie dafür, dass es in den Supermärkten mehr fleischlose Angebote gibt.

Friederike Schmitz: Je mehr Menschen ihren Fleischkonsum reduzieren, desto besser. Ich halte es allerdings für problematisch, wenn man sagt, wir wollen möglichst viele Menschen zu Flexitariern machen. Auf diese Weise ändern wir nichts an den generellen Produktionsbedingungen. Es genügt eben nicht zu sagen: Esst weniger Fleisch. Wir sollten die Menschen auch dazu auffordern, sich mit der Grundsatzfrage auseinanderzusetzen: Wollen wir Tiere weiterhin ausnutzen und als bloße Ware betrachten?

Sebastian Joy ist Geschäftsführer des Vegetarierbundes (VEBU), Europas größter vegetarisch-veganer Interessenvertretung. Er ist Referent, Autor und Erfinder einer mit Vitamin B12 angereicherten Zahnpasta, die einem Mangel bei Veganern vorbeugen soll. © Björn Fehl/VEBU

Joy: Ich glaube, dass viele von denen, die sich jetzt als Flexitarier bezeichnen, irgendwann den nächsten Schritt gehen und ganz von Tierprodukten absehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass diese Leute feststellen, dass es einfacher und leckerer ist, sich fleischlos zu ernähren, als sie zunächst dachten.

ZEIT ONLINE: Man könnte den Konsumenten die Entscheidung erleichtern und Schockbilder von Massentierhaltung auf Fleischverpackungen drucken – analog zu den Bildern auf Zigarettenschachteln.

Joy: Ich fände das im Sinne des aufgeklärten Konsumenten nicht verkehrt. Dass Tiere leiden, damit wir sie essen können, ist doch die Wahrheit. Beim Fleisch wäre es sogar ehrlicher als bei den Extrembeispielen auf Zigarettenschachteln, denn es heißt ja nicht, dass jeder Raucher irgendwann derart krank wird. Während man auf Fleischverpackungen nur einen Standardstall zeigen müsste, um viele Verbraucher abzuschrecken.

Schmitz: Die Idee ist nicht uninteressant. Aber so eine Kennzeichnung hieße ja, dass wir die Entscheidung für oder gegen Grausamkeit an die Supermarktkasse verlegen – da gehört sie eigentlich nicht hin. Stattdessen sollten wir uns vorher im politischen Prozess darauf einigen, dass wir Tierleid überhaupt nicht wollen.

Friederike Schmitz ist promovierte Philosophin und engagiert sich in verschiedenen Tierrechtsgruppen. Zum Beispiel geht sie zusammen mit Anwohnern gegen den Bau neuer Mastanlagen in Ostdeutschland auf die Straße. © privat

ZEIT ONLINE: Es gibt Leute, die einmal selbst ein Tier töten und ausnehmen, weil sie begreifen wollen, was das eigentlich bedeutet. Sie propagieren das als ehrliche Alternative zum abgepackten Supermarktfleisch. Können Sie das nachvollziehen?

Schmitz: Das ist eine Reaktion auf die wahrgenommene Entfremdung zwischen Produktion und Konsum. Meiner Meinung nach ist diese Distanz mitverantwortlich für die furchtbaren Verhältnisse in den Mastanlagen und Schlachthäusern. Das eigenhändige Schlachten hilft da aber auch nicht. Es wird ja so dargestellt, als würde man dadurch endlich die Verbindung zur Natur wieder herstellen. Aber man romantisiert den Prozess, sagt sich: Die Tiere hatten ein schönes Leben und sind letztlich dazu da, geschlachtet und gegessen zu werden. Damit folgt man der Interpretation der Fleischindustrie, Tiere seien per se Nutztiere.

Joy: Wenn Menschen selbst schlachten müssten, würden sie sehen, was damit alles zusammenhängt. Und vielleicht würden dann viele lieber ganz auf Fleisch verzichten.

ZEIT ONLINE: Sie sehen das eher pragmatisch, Herr Joy. Glauben Sie, der Vegetarierbund (VEBU) verlöre Unterstützer, wenn er so moralisch argumentierte wie Frau Schmitz?