Es passierte unverhofft, wenn auch pünktlich nach Ablauf der Garantie und unmittelbar vor der nächsten Deadline: Mein Laptop erwachte nicht mehr aus seinem Standby-Schlaf. Angeblich hatten ihn die vielen Vorschaubilder auf dem Desktop ins Burn-out getrieben. "Wenn das System haufenweise Icons verarbeiten muss, macht es eben irgendwann schlapp", hatte der Techniker erklärt, während er versuchte, meine Daten zu retten – und irgendwie habe ich mich meinem Laptop verbunden gefühlt: Manchmal stresst mich das Durcheinander auf dem Schreibtisch ja auch.

Jeden Morgen betrete ich einen virtuellen Raum, dessen analoges Äquivalent ein sicherer Fall für den Trödeltrupp wäre. Anstelle von Altpapier, Teddys oder Autoteilen horte ich Ideen: Textdateien, To-do-Listen, Lesezeichen, Screenshots, Fotos. Neben aktuellen Projekten liegt da zum Beispiel ein Ordner mit Bildschirmfotos besonders skurriler Spam-Mails (267 Objekte). Einer mit Instagram-Posts, die mit #lifeisgood-Hashtags markiert sind, obwohl das Leben darauf gar nicht gut aussieht (396 Objekte). Oder einer mit gescreenshotteten Google-Books-Seiten, bei denen Hände mitgescannt wurden (28 Objekte). Außerdem allerlei Undefinierbares, das ich aus den unterschiedlichsten Gründen irgendwann mal bemerkenswert, beziehungsweise merkenswert, fand (14.987 Objekte).

Schon die Surrealisten haben seltsames, mitunter sinnloses Zeug gesammelt und im Grunde ist mein Computer ein digitales Kuriositätenkabinett. Doch die Grenze zwischen kreativem Sammeln und irrem Horten ist fließend. Wäre der Chaos Computer Club (CCC) kein Hackerverein, sondern eine Selbsthilfegruppe für digitale Messies, wie es der Name vermuten lässt – ich wäre ihm vielleicht längst beigetreten.

Das Messie-Syndrom im Digitalen

Das digitale Messie-Syndrom wurde 2015 erstmals von einer Gruppe niederländischer Wissenschaftler um Martine J. van Bennekom beschrieben. Ihnen war ein Patient aufgefallen, der in seinem Amsterdamer Apartment Festplatten mit unzähligen Digitalfotos samt mehrfachen Backups angehäuft hatte. Der Mann fotografierte vor allem Landschaften und konnte keines seiner Bilder löschen, auch wenn viele zum Verwechseln ähnlich aussahen. Der Studie zufolge bereitete ihm der Zwang, all seine Bilder zu archivieren, ernsthafte Probleme, weil es ihn davon abhielt, andere Dinge zu tun – zum Beispiel zu putzen, rauszugehen oder zu schlafen.

Ich gehe regelmäßig raus und schlafe recht gut. Aber wenn das analoge und digitale Horten verwandte Beweggründe haben, wie van Bennekom und Kollegen vermuten, bin ich familiär vorbelastet.

Mein Großvater war ein zwanghafter Kistensammler. Immer wenn irgendwas in einem Pappkarton gekauft oder geliefert wurde, musste er ihn behalten. Weihnachten sei nicht weit, sagte er, und Geschenke müssten ja nun mal verpackt werden. Im Frühling verwies er auf einen bevorstehenden Bücherflohmarkt, den Rest des Jahres darauf, dass doch ständig Dinge im Keller zu verstauen seien. Auf seiner Küchenanrichte standen mehrere kleine Kisten, in denen er Abfall vorsortierte, um sich nicht für jede Kartoffelschale zum Mülleimer hinabbeugen zu müssen – er nannte sie "Vorfluter". Meine Mutter zitierte diesen der Hydrotechnik entliehenen Begriff bei jeder Gelegenheit, sie belächelte seine Marotte. Und manchmal lächelte er selbst ein bisschen, wenn er Karton für Karton wegstapelte, um Besuchern eine Schneise zu räumen.

Über Screenshots stolpert man nicht

Über Screenshots stolpert man nicht. Sollten Psychologen ihren Patienten raten, auf "digital" umzusatteln, wäre das also nachvollziehbar. Während unser Wohnraum begrenzt ist, scheint der freie Platz auf unseren Festplatten heute schier unerschöpflich.

Als Kind habe ich das Horten als etwas durchweg Gutes gesehen. Ich dachte, der Name der Kaufhauskette käme daher. Es waren die achtziger Jahre, eine Hochphase von Kommerz und Konsum. Mit dem Erwachsenwerden kam der sogenannte gute Geschmack, der Minimalismus, später dann Wohnblogs mit ihren unendlichen Weitwinkelweiten unverstellter Altbauwohnungen. Ein Entrümpelungsratgeber nach dem anderen wurde zum Bestseller, das Ausmisten zur Askese erhoben, und bald galt es vor allem mobil zu bleiben, also beim Umzug kaum etwas einpacken zu müssen.

Ich bin Teil einer Generation, die zwar pausenlos konsumiert, aber panisch auf Plunder reagiert, und so tut, als müsse das ganze Leben in einen Rollkoffer passen. Doch umso minimaler wir wohnen, desto stärker verlagern wir unser inneres Messietum auf fantastisch flache Laptops.