Über dem Rosenthaler Platz türmen sich die Gewitterwolken wie Jengasteine, die schwüle Luft gerät in Wallung, und hinter der Glastheke im St. Oberholz flattert das Butterbrotpapier unter den Grillgemüse-Ciabbattas. Pappelpollen wehen herein, schweben über die Theke, tanzen über Americanogläser, in denen Eiswürfel dümpeln, landen schließlich auf der Macbooktastatur einer jungen Frau mit tätowierten Fingerknöcheln. Mag auch die Nase zuschwellen, die Gedanken, die sind hier frei. So viel Leichtigkeit. 

In diesem St. Oberholz, einem Café in Berlin-Mitte, werden die Kunden seit Kurzem freundlich darauf aufmerksam gemacht, wenn die letzte Bestellung schon ein wenig länger her ist. Die Kellner haben einen neuen Auftrag, sie sollen den Konsum ankurbeln. Das mag erst einmal ähnlich spannend klingen wie dieser Satz: In Chongqing in Zentralchina sind bei einem heftigen Regenguss einige Säcke Reis im Garten der Familie Zhao durchnässt worden. Tatsächlich aber ist es eine Nachricht, vielleicht sogar ein erstes Anzeichen dafür, dass Berlin, wie wir es kennen, verschwindet. 

Das St. Oberholz gilt als deutsches Hauptquartier der digitalen Bohème, jener Menschen, deren Ideen zu scheu sind, um sich im grellen Neonlicht von Büros zu zeigen, zu zart für den kalten Wind klimatisierter Großräume. Ihr Albtraum: 40 Stunden die Woche Warmhalteplattenplörre zu trinken und beim Zurücksetzen des Bürostuhls mit dem Gummibaum zu kollidieren. Und bevor jetzt jemand extraschlau anmerkt, dass moderne Arbeitsplätze gar nicht mehr so aussehen: Die Sitzsäcke, Obstschalen und Espressomaschinen des zeitgemäßen Büros machen den Käfig auch nur goldener. 

Beim Wertschöpfen im Café mögen diese Menschen aussehen wie Urlauber, nur sollten wir uns davon nicht täuschen lassen. Im St. Oberholz, aber das ist jetzt schon Mythos, sollen die tollsten Start Ups erdacht worden sein. Geld ist dabei zunächst einmal egal, das wird später verdient, beim sogenannten Exit, wenn das aus einem Macchiato-Strudel emporgestiegene Geschäftsmodell die halbe Welt erobert hat und der ganze Laden verkauft wird. 

Angetrockneter Spinatstrudel

Der Erfolg derer, die eine solche Idee hatten, fällt nun denen auf die Füße, die noch auf eine Eingebung mit Disruptionspotenzial warten und daher jeden Tag im St. Oberholz sitzen müssen. Früher konnten sie sich den halben Tag lang an ihrem Kaffeebecher mit dem demonstrativen Restschluck festhalten. Jetzt müssen sie in den billigen Backshop gegenüber umziehen, wo sie einen angetrockneten Spinatstrudel vom roten Plastiktablett essen. Die Bohème hat mal wieder das getan, was sie am besten kann: sich selbst verdrängen.

Büro? Niemals! © STPP/Imago

Auch anderswo wird die Hauptstadt immer teurer. Jedes Jahr ein neuer Übernachtungsrekord, jedes Jahr ein höherer Mietspiegel: Gesamtberlin ist eine Erfolgsgeschichte. Man muss aber immer dazu sagen, dass die Attraktivität bislang an den Zusatz "günstig" gekoppelt war. Berlin war der Discounter unter den westeuropäischen Metropolen, das Preisleistungsverhältnis berühmter als der Fernsehturm. Motzende Taxifahrer und apathische Kellner nahm man hin, genauso wie man sich beim Aldi ohne zu murren nach der 29 Cent-Milch zur Europalette hinab bückte. Jetzt zieht halt ein Bioladen ein, schön für die, die es sich leisten können.

So viel Cheesecake

Und auch, wenn sie sich im St. Oberholz große Mühe geben, so auszusehen: Es haben ja nicht alle Stammkunden reiche Eltern, die ihnen zum letzten Geburtstag einen Mini Sportsmann unter den Balkon ihrer Eigentumswohnung gestellt haben. Viele, die ihr Büro jeden Morgen im Fjällräven-Rucksack ins Café tragen, können sich all die New York Cheesecakes gar nicht leisten, die sie nun essen müssen, um ihre Arbeitstage hier verbringen zu dürfen. Für sie ist die Aufkündigung des Konsumier-was-du-willst-Vertrags ein mittleres Desaster.

Man kann nur hoffen, dass die Verzweifelten nicht auf die Idee kommen, einen Studienkredit aufzunehmen, den sie in Flat Whites umsetzen. Stattdessen sollten sie die anregende Atmosphäre im St. Oberholz ein letztes Mal nutzen, um eine geniale Bewerbung zu verfassen. Sie können ja wiederkommen, in ihrer 30minütigen Mittagspause.