Es gibt beim Liegen, wie bei fast allem im Leben, Vorlieben und Abneigungen. Manche liegen gern auf dem Bauch, andere ausschließlich auf dem Rücken, die Seitenlieger nicht zu vergessen. Beim Hinlegen von Smartphones dagegen ist der Trend eindeutig: Display nach unten. Das Handy liegt – schauen Sie sich um, im Büro, im Café – auf dem Bauch.

Zunächst muss man feststellen, dass es sich um ein relativ junges Phänomen handelt. Früher konnte man Telefone in genau eine Position bringen, ohne sich lächerlich zu machen. Ein Telefon, das war ein recht schwerer, meist grauer Apparat mit Füßen; ein Telefon stand, und das mit einer gewissen Würde. Liegen konnte höchstens der an einer Kabellocke hängende Hörer, aber dann war besetzt. Genauso war es mit den koffergroßen Autotelefonen, euphemistisch Mobiltelefone genannt, die in den 1980ern auftauchten. Erst mit dem Handy, in dem Apparat und Hörer zu einer Einheit verschmolzen, stellte sich (wenn man es nicht in einem kunstledernen Halter am Gürtel tragen wollte) die Frage: Wie hinlegen? 

Anfangs gab es sogar noch die Möglichkeit, ein Handy auf die Seite zu legen, so dick waren die Dinger. Noch heute findet man sie so in Kartons und Schubladen, all die 3310s und 5110s, aufgereiht in Löffelchenstellung, Technikgeschichte in Pastelltönen. Die Smartphones schließlich waren so flach, dass es auf die binäre Entscheidung Bauch- oder Rückenlage hinauslief, womit wir endlich beim Thema wären. Warum also legen die meisten Menschen ihr Smartphone auf den Bauch?

Die kurze Antwort lautet: nsfw, not safe for work. Menschen schicken sich Nacktfotos und andere intime Inhalte, die nichts auf einem Konferenztisch zu suchen haben. Ebenso wenig wie die SMS-Kaskaden überbesorgter Mütter, für die sich vor allem Männer schämen. Nun kann natürlich jeder tricksen und die Mutter unter "Jürgen" oder "Leon" abspeichern. Doch Vorsicht! Dann schreibt zum Beispiel Jürgen: "Habe deine alten Kuscheltiere gewaschen. Schnurri und Knurri duften ganz toll nach Weichspüler. Wann kommst du denn mal wieder?" Besser: Display gen Tischplatte.

Auch zu Hause ist das Display not safe: Es soll ja alte Bekannte geben, die nach drei Gläsern Wein auf die Idee kommen, Nachrichten zu schicken, die so formuliert sind, dass es keiner Spitzfindigkeiten bedarf, um eine Ehekrise auszulösen. 

Die Impulskontrolle versagt

Die Bauchlage kann aber auch eine Geste sein, ein unausgesprochener Hinweis an den Gesprächspartner: Das Display konkurriert nicht mit dir. SMS, Notifications, Eilmeldungen, all das ist für den Augenblick egal. Vorausgesetzt natürlich, man dreht das Ding nicht jedes Mal um, wenn es vibriert, um nachzuschauen, was da gerade nicht wichtig ist. Die Bauchlage entspricht einem zugezogenen Vorhang vor dem Fenster zum Internet. Ein höflicher Versuch, der Omnipräsenz des Netzes zu begegnen.

Für die amerikanische Soziologin Sherry Turkle, die sich schon lange mit den gesellschaftlichen Konsequenzen des Smartphonegebrauchs auseinandersetzt, ist das Handy auf dem Tisch eine ständige Bedrohung zwischenmenschlicher Kommunikation: Es bindet die Aufmerksamkeit und wird als Alternative zum Hier und Jetzt gesehen, in die man sich jederzeit flüchten kann. 

Beim Smartphone versagt die Impulskontrolle. Man greift nach ihm, ohne zu wissen, warum. Und wenn man es mal in der Hand hält, kann man auch kurz ins Netz gehen. Irgendetwas wird schon los sein auf der Welt. Wer das durchschaut hat, legt sein Handy womöglich ganz bewusst gar nicht erst auf den Tisch, sondern lässt es in der Tasche.

Leider reicht es wohl nicht, das Gerät aus dem Sichtfeld zu nehmen, um den Bann zu brechen. Eine aktuelle Studie der Universität Chicago kommt zu dem Schluss, dass das eigene Smartphone die kognitiven Fähigkeiten negativ beeinflusst, solange es griffbereit ist. Auch ungenutzt übe es "eine Anziehungskraft auf die Orientierung der Aufmerksamkeit aus", schreiben die Wissenschaftler.

Ihre Aussage stützen sie auf ein Experiment, in dem Probanden sich Buchstaben merken mussten, während sie simple Matheaufgaben lösten. Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen unterteilt. Am besten schnitten die ab, die ihr Handy in einem anderen Raum lassen mussten. Es folgten jene, die es in ihre Tasche gesteckt hatten. Die meisten Fehler beging, wer sein Handy vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Bevor Sie fragen, die Versuchsanleitung war dabei eindeutig: Display nach unten!