Vor ein paar Jahren habe ich einen Bekannten besucht, der für ein Jahr nach Tokio gegangen war, um dort seinen Doktor zu machen. Dass ich ihn kaum wiedererkannte, wäre übertrieben, aber er hatte sich verändert: Sein Bauch war flacher, seine Augenringe waren tiefer. Er sitze seit Monaten praktisch ununterbrochen im Büro oder im Labor, erzählte er. Ganz egal ob er etwas zu tun habe oder nicht. In Japan ist Arbeit – auch die geistige – eine sehr körperliche Angelegenheit. Es herrscht dort ein Diktat der physischen Präsenz, das an Freiheitsberaubung grenzt. Abwesenheit ist ein Luxus, den sich nur der Chef leisten kann. Es ging meinem Bekannten nicht gut und ich litt in Gedanken mit ihm.

Die westliche Gegenthese zum japanischen Arbeitsethos ist der Versuch, die Arbeitszeit so kurz wie möglich zu halten. Die IG Metall etwa fordert die Einführung der 28-Stunden-Woche. Gemessen an der verbreiteten 40-Stunden-Woche (die man als Maßstab natürlich kritisieren kann) entspricht das dreieinhalb Arbeitstagen wöchentlich. Klingt gut und ist vor allem jenen absolut zu gönnen, die körperlich hart schuften müssen. Deren Muskeln, Sehnen und Knochen leiden, weil sie hämmern, schleppen, heben, schaufeln.

Ich bin trotzdem der Meinung, dass man die Idee der maximalen Arbeitszeitverkürzung hinterfragen muss. Denn sie ist ja nur scheinbar ein Ausbruch aus der maximalen Leistungsgesellschaft. Die Idee selbst entspringt einem rigorosen Leistungsdenken, nämlich dem kapitalistischen Credo, mit geringstem Einsatz das Maximum herauszuholen. Auf die Spitze getrieben haben das jene Silicon-Valley-Gurus, die der hart arbeitenden und schlecht versicherten amerikanischen Gesellschaft erklären, wie sie in 90 Minuten am Tag Millionen verdienen. Das richtige Mindset vorausgesetzt, das sich kurz vor Sonnenaufgang beim Poweryoga am Privatstrand einstellt.

Menschlichkeit braucht Spielraum

Für jene ohne Privatstrand gilt: Wer weniger Zeit hat, muss schneller sein, konzentrierter, präziser. Er muss funktionieren wie ein Roboter, den Kaffee über der Tastatur schlürfen, das Pausenbrot in der Besprechung kauen (ohne den Konferenzraum vollzukrümeln – die Reinigungskräfte kommen nur noch alle zwei Wochen). Und bitte kein Smalltalk, ist ja schon wieder zwei Uhr und da ist noch so viel, das fertig werden muss. Der Produktivitätsdruck steigt.   

Außerdem ist es doch absurd, zu behaupten, jede Arbeit ließe sich so gestalten, dass sie zu einer bestimmten Uhrzeit getan ist oder problemlos unterbrochen werden kann. Arbeit ist Interaktion und allein dadurch multifaktoriell. Wenn wir die Kommunikation auf ein Mindestmaß herunterfahren, auf Zurufe in Twittersteno, dann verliert die Arbeit ihre Menschlichkeit. Jeder macht seins, für alles andere ist keine Zeit. Das klingt nach geistiger Subsistenzwirtschaft, nach Rückschritt.

All die Tischtennisplatten und Kickertische: Abbauen! Die Kantinen konsequenterweise auch, statt Tellerklappern hört man dann nur noch das Summen von Snackautomaten. Nur die Weihnachtsfeiern bleiben, damit man endlich mal seine Kollegen kennenlernt, die sonst wie ferngesteuert um einen herumwuseln.

Die Arbeitszeit so weit wie möglich zusammenstauchen: Wer das propagiert, kann kaum der Meinung sein, dass Arbeit einen Wert an sich hat, dass sie Sinn stiftet. Stattdessen sollten die Bedingungen besser werden, damit möglichst viele Menschen ihre Arbeit lebenswert finden.