Nicole Santa Cruz ist außer Atem, als sie die museale Eingangshalle der Los Angeles Times betritt. Auf glänzendem Terrazzoboden umrundet sie den angestrahlten Globus, sie nickt der Empfangsdame zu und passiert die Sicherheitsschranke. Sie ist zu spät. "Sorry", sagt sie im Fahrstuhl nach oben, "ich musste noch mal los".

Vor wenigen Minuten saß Santa Cruz einer fassungslosen Frau im Stadtteil Compton gegenüber und sagte einen Satz, den sie schon viel zu oft hat sagen müssen: mein herzliches Beileid. Die Frau hat gerade ihre Tochter verloren, sie wurde erschossen. Es ist das zweite Mal, dass sie um eines ihrer Kinder trauert. Vor zwölf Jahren war ihr Sohn bei einer Schießerei unter verfeindeten Gangs gestorben.

Für Santa Cruz sind Geschichten wie diese Alltag, wobei Alltag hier keine Worthülse ist. In den vergangenen zwölf Monaten wurden im Großraum Los Angeles 620 Menschen getötet, die meisten durch Schusswaffen. Und es war ein eher ruhiges Jahr. Santa Cruz ist verantwortliche Redakteurin für den Homicide Report der Los Angeles Times. Sie und vier Kollegen berichten über alle Tötungsdelikte im Landkreis. Jede Tat wird als roter Punkt auf einer interaktiven Karte verortet. Viel wichtiger aber: Jedes Opfer, jedes einzelne, wird als Individuum sichtbar gemacht, indem es einen eigenen Eintrag bekommt, auch wenn es sich teilweise nur um wenige Sätze handelt.

Bevor es den Homicide Report gab, wurden viele Menschen umgebracht, ohne dass jemand außerhalb ihrer Nachbarschaft Notiz nahm. Ausgenommen der Gerichtsmediziner, der Fremdeinwirken als Todesursache feststellte. Die meisten Toten in L.A. sind junge Männer, vor allem Latinos und im Verhältnis zur Einwohnerzahl überproportional viele Schwarze. Sie stammen fast immer aus armen Gegenden, sie sterben in Gangfehden, bei Raubüberfällen oder weil die Gewalt ohne jeden Anlass eskaliert.

Der Report ist nicht farbenblind

Der Homicide Report wird von rund einer halben Million Leute gelesen. Santa Cruz sagt: "Wir geben den Menschen eine Stimme, die keine Stimme haben." Die Mehrheitsgesellschaft kann natürlich trotzdem weiter die Augen vor der Gewalt in ihrer Stadt verschließen. Aber diese Entscheidung fällt schwer, wenn man den Homicide Report einmal gesehen hat.

Santa Cruz steigt aus dem Fahrstuhl, geht über den Flur und öffnet eine breite Glastür hinter der ein lang gestrecktes Großraumbüro liegt, man sieht nur Trennwände, keine Köpfe, an der Wand hängt ein Poster der Baseballmannschaft L.A. Dodgers. Der Homicide Report gehört zum Datenteam, dahinter sitzen die Kollegen vom Lokalen. Jeder Redakteur hat seine eigene kleine Wabe, in der von Santa Cruz liegt eine lila Yogamatte, an der Wand pinnt eine Valentinstagskarte, daneben eine Liste der städtischen Polizeidezernate. Das dicke Buch auf dem Regalbrett ist das Anwaltsverzeichnis von Los Angeles.  

Der Homicide Report ist nicht farbenblind, er gibt Auskunft darüber, ob ein Opfer schwarz, weiß, asiatisch oder lateinamerikanisch ist. Das sei sehr ungewöhnlich, sagt Santa Cruz, die Redaktion habe sich aber dazu entschlossen, um ein genaues Bild davon zu zeichnen, wer in L.A. ermordet wird. Man kann die Datenbank nach Ethnie filtern und so etwa herausfinden, dass 2005 allein im Stadtteil Compton 38 schwarze Männer umgebrachtwurden. Wohingegen in Bel Air im Norden in den vergangenen 17 Jahren keine einzige weiße Frau getötet wurde.

Die meisten Morde geschehen in den südlichen Stadtteilen von Los Angeles, in Compton, Florence, Hawthorne, Boyle Heights oder Watts. Die Nachbarschaften sind wie ein Code, der Satz "Ich bin aus Compton" bedeutet nichts anderes als "Leg dich nicht mit mir an". Santa Cruz glaubt, dass die Leute die Karte des Homicide Report auch bei der Wohnungssuche benutzen: je weniger rote Punkte, desto besser.