Dieser Blick! © Tobias Jochheim

In dieser Serie testen wir Dinge, die besonders schlechte Kundenbewertungen bekommen. Denn ob Top oder Flop, das ist manchmal nur eine Frage des Blickwinkels.

Die mit 640 Metern längste Indoor-Skipiste des bekannten Universums steht, nein, nicht in Dubai, sie steht in Bottrop. Dort will ich kritisch überprüfen, ob die ewig mäkelnden Tripadvisor-Nutzer Recht haben, die das Alpincenter unter den von Usern allgemein eher gut bewerteten deutschen Skihallen als die am wenigsten großartige einstufen. 39 Euro kostet ein Rundum-Tagesticket mit Eintritt, Liftpass, Leih-Ski- oder -Board samt Stiefeln sowie Flatrate für Buffet, Softdrinks, Kaffee und Tee. Sogar drei Bier oder Wein pro Nase sind drin, sie werden durchgekreuzt auf Pappkärtchen wie in der Großraumdisco. Na denn.

Beim Blick vom Gipfel-Parkplatz sticht mir die Stirnseite der Skihalle ins Auge: Eine dermaßen achtlos zusammengekloppte Wand aus Beton und Blech, Rost und Radikalverweigerung jeder Ästhetik dürfte im freien Westen einzigartig sein.

Die Oberkante ziert der Überhang eines grünen, selbstredend solarbezellten Stahldachs, unten glänzen Paintball-Plakate. Den Mammutanteil der Mauer macht ein mal klein-, mal großkariertes Ytong-Mörtel-Mosaik mit Lüftungsschächten aus – so ein Rohbau will ja auch atmen können. In Bodennähe vervollständigen aufreizend zentral drapierte Europaletten sowie ein verbeultes Halteverbotsschild das Ensemble – eine pittoreske Deko-Idee, die im Gebäudeinneren mit einem schäbigen Ölfass in der Ecke neben dem Skilift zitiert wird, wie ich später anerkennend notieren werde. Alles in allem erinnert das an den Turmbau zu Babel; nicht bibelfeste Leser seien an einen Baumarkt-Werbespot erinnert oder an frühe Skizzen der Star Trek-Raumstation Deep Space Nine, über Jahrhunderte zusammengestückelt.

Im Westen vielleicht einzigartig © Tobias Jochheim

Auf Halde

Der Berg, auf dem dieses architektonische Kleinod steht, ist kein handelsüblicher Berg, auch nicht das Gegenteil davon, nämlich plattes Land mit großen Stelzen wie etwa bei der Konkurrenz-Skihalle in Neuss. Der Berg ist die Halde Prosperstraße, bestehend aus Abfall-Gestein der Zeche nebenan. Mehr als 30 Hektar groß ist diese in den Achtzigern aufgeschüttete Halde, 57 Meter ragt sie an ihrem höchsten Punkt über den Rest der Gegend.

In der Halle verzichten die Betreiber irritierenderweise auf Selbstbeweihräucherung. Fast verschämt werden bloß ein Modell und ein Luftbild präsentiert, dazu umso sichtbarer ein Sicherungskasten, der geradezu dazu auffordert, der Eingangshalle den Saft abzudrehen. Oder gleich dem ganzen Laden?

Wer nicht auf die Idee gekommen ist, Schneehose und Winterjacke mitzubringen, zahlt je fünf Euro extra, um sie zu leihen. Auch und gerade All-Inclusive hat seine Grenzen. Dass man eigene Handschuhe mitzubringen hat, ist explizit auf der Website aufgeführt. Wer sie trotzdem vergessen hat, könnte sich nun per blinkendem Cosmic-Crane-Greifarm-Automat in der Eingangshalle zwei liebestolle Plüsch-Spongebobs angeln, sie entweiden und über die Hände stülpen. Einen Wintersport-Equipment-Shop gibt es aber selbstredend auch.

Dahinter stehen ein paar hundert Spinde für die Straßenschuhe und den Rest. Die kosten einen Euro Gebühr sowie einen Euro Pfand, sind aber entgegen diverser User-Klagen unendlich oft wiederverschließbar, wenn man nur des Lesens mächtig ist; Wechselautomaten stehen dazu bereit. Tatsächlich fragwürdig ist die Zahl der Umkleidekabinen, derer es vier gibt. Vier Stück. Insgesamt. Wenn zur Hochsaison halb Holland hier ist, avanciert da im Falle unbedingt zu wechselnder Klamotten die Blasenentzündung zur echten Alternative zum Tod durch Altersschwäche in der Warteschlange.

Optimalbedingungen unter Neonlicht

Heute aber, an einem Wochentag im November, ist es leer im Reich der hirschgeweihverzierten Holzgiebel unter Neonlicht. Optimalbedingungen. Fünfzig Autos stehen auf dem Parkplatz, und jedes zweite davon dürfte Angestellten gehören. Die Materialverleih-Jungs pfeifen das angeblich Beste der Achtziger, Neunziger und von heute mit und reichen mir sprachökonomisch ("Welche Größe?" "Welcher Fuß vorne?") mit sicherem Griff Stiefel und Snowboard, Markenware in okayem bis gutem Zustand. Mein Handy klingelt. DJ Bobo ist dran, er will das Neon-Design meines Boards zurück.

Kein Kohleförderband © Tobias Jochheim

Die Piste ist schwach beleuchtet. Den überdimensionierten Anstieg am Ende können 97 Prozent der Gäste nur kraxelnd und fluchend bezwingen. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art ist auch die dann folgende Rückbeförderung gen Gipfel per Förderband durch einen Tunnel, der einem sibirischen Arbeitslager entlehnt scheint. Auf den ersten Metern sind links noch Graffiti hoffnungsvoller HipHop-Enthusiasten zu bewundern, dann jedoch zieht nur noch das Werk örtlicher Betonbauer, Kühlanlagenmechaniker und Elektriker vorbei. Was an der Decke aussieht wie Moos oder Schimmel, ist bloß das, was von Schaumstoffdämmung übrig bleibt, wenn man sie zehntausendfach mit Skistöcken malträtiert. Bei fünf Minuten pro Fahrt nimmt die geistige Gesundheit allerdings keinen Schaden – im angeblich bis zu 20-minütigen Stop-and-Go-Verkehr in der Hochsaison hingegen würde ich für nichts garantieren.

Dieser Text stammt aus unserem neuen Ressort "Entdecken", das sich dem Reisen und dem Abenteuer Alltag widmet. © DIE ZEIT

Dasselbe gilt für die Schneequalität. Heute kann ich über die 90 Prozent des Hangs zwischen Lift-Ausstieg und dem Alpe-d'Huez-artigen Anstieg zum Ende partout nichts Schlechtes sagen. Wer unter der Woche herkommen kann, dem dürfte es ähnlich ergehen. Der Ausstieg aber ist selbst heute vereist – bei quasi jungfräulicher Piste.

Kuchen für St. Moritz

Dafür entlohnt der Ausblick von der Sonnenterrasse. Gebirgspanorama ist gerade aus, aber ein Meer aus Schloten und Speichern, Kühl- und Kirchtürmen tut sich da auf, rhythmisch rauschen hier oder da riesige Dampfwolken gen Himmel, von der Nachbar-Halde glänzt das Aussichtspunkt-Kunstwerk Tetraeder. Vom Parkplatz sieht man bei gutem Wetter auch das Schalke-Stadion am Horizont.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Schönheit oder gar Charme nicht einkalkuliert sind, gar nicht sein können bei einem 39-Euro-Deal. Nicht mal in Form von Fototapeten oder Hinweisschildern, die aus etwas anderem bestehen als zerstückelten alten Werbebanden. Auch kann man kaum Ansprüche an Nahrung und Getränke stellen, die über Nährwert hinausgehen. Der O-Saft kommt aus dem Tetrapak und schmeckt auch nicht schlechter. Dass die Cola nur noch Spuren von Kohlensäure enthält, da vorgezapft, könnte bei gähnender Leere in der Gastronomie vielleicht vermeidbar sein. Dieselbe Leere ist auch Schuld, dass meine erste Portion Pommes gefühlt kaum wärmer ist als die minus vier Grad, die auf der Piste herrschen. Nudeln und Gemüse sind warm, aber matschig-pappig, der Verzehr von Hähnchenkeulen oder gar Cordon Bleu ist optional. Dafür gibt es schräg gegenüber von den giftfarbenen Slush-Mühlen ein Körbchen voll frischer Äpfel, Birnen und Orangen. Und nette Küchlein zum Dessert, in Folie, die laut güldenem Aufdruck vor dem Auftauen hätte entfernt werden sollen. In St. Moritz würden sie jetzt in Ohnmacht fallen, im Ruhrgebiet friemelt man den Kuchen aus dem Plastik und sieht kein Problem.

Pott ist für Pragmatiker. "Woanders is' auch scheiße", sagen sie hier gern, darin schwingt etwas Koketterie mit, viel Bescheidenheit und noch mehr Wahrheit. Wer etwa die Öko-Bilanz dieser Halle kritisiert, darf an einen Dubai-Besuch nicht mal denken – mit oder ohne Skihallen-Besuch dort. Volle Pisten sind überall die Hölle, in Bottrop sind zum Dumpingpreis Schneegarantie und das Parken inklusive. Hier ist es, um mit Herbert Grönemeyer zu sprechen, besser, viel besser, als man glaubt.

Das Beste: Wenn man eine heiße Ladung Pommes erwischt, schmecken sie.

Bewertung der Online-Bewertung: ★★★★☆