Das Handy unseres Autors gehört zum Diebesgut. Daher haben wir ein Archivofoto gewählt: ein Teenager in Rio, ein Polizeieinsatz in einer Favela, 2009. © Spencer Platt/Getty Images

Es ist der erste Morgen meiner Reise, noch vor dem Frühstück. Ich wandere durch Rio de Janeiros altes Villenviertel Santa Teresa und mache große Touristenaugen. Ich bin hingerissen von der tropischen Vegetation, den VW-Käfern, dem pittoresken Verfall der alten Herrenhäuser. Drei Wochen Brasilien liegen vor mir, und ich wandere durch die steilen Gassen des Viertels, das durch lange Treppen mit der Unterstadt verbunden ist und herrliche Sichtachsen freigibt. Ich schaue mich um, sehe niemanden weit und breit und ziehe meine Kamera aus dem Stoffbeutel. Wie aus dem Nichts stürzt plötzlich ein Mann zwischen zwei Autos hervor, hält mir ein Messer an den Hals, entreißt mir die Kamera, mein Smartphone, nimmt mir mein Geld ab und stürmt davon.

Eigentlich ist Sicherheit auf Reisen nicht mein Thema. Ich will nicht darüber nachdenken. Ich bin männlich, bärtig, großgewachsen, und ich neige nicht zu Leichtsinn. Das hat bisher immer gereicht, um von kleinen und großen Katastrophen verschont zu bleiben. Zudem verstecken sich hinter den meisten Sicherheitsbedenken oft einigermaßen unappetitliche Vorurteile. Wenn ich gefragt werde, ob es gefährlich sei, mit dem eigenen Auto nach Polen oder als Frau in die Türkei zu fahren, dann entstehen bei mir mehr Zweifel gegenüber dem Fragenden als gegenüber dem Reiseland. Wer mit einem Rucksack voller Sicherheitsbedenken in den Urlaub fährt (und diesen Rucksack dort ängstlich vor dem Bauch trägt), der wäre vielleicht besser zu Hause geblieben und hätte Urlaub im Schwarzwald gemacht.

Doch nun stehe ich da, mitten in Rio, unverletzt, aber blank. Alle meine Wertsachen hat der Dieb mir genommen. Ich fluche über den Verlust des Fotoapparats, eine teure Spiegelreflexkamera, die ich von einem Freund geliehen hatte. Und darüber, dass ich mir nun ein neues Telefon kaufen muss und all die WhatsApp-Chats und Runkeeper-Trainings und Spielfortschritte verloren sind. Dass sich die Planung des restlichen Urlaubs erheblich erschwert. Meine erste Reaktion ist also vor allem Ärger.

Worst Case sieht anders aus

Ich frage mich durch zu einem Polizeirevier, obwohl mir klar ist, dass eine Polizei, die einen täglichen Kampf gegen schwerbewaffnete Drogenbanden führt, Besseres zu tun hat, als nach der Kamera eines unverletzten deutschen Touristen zu fahnden. Der Polizist, der mir zugeteilt wird, kann sogar Deutsch, das schafft schnell Vertrauen. Und so sagt er mir Sätze wie "Das wird immer schlimmer in Brasilien", und dass ich "hier so schnell wie möglich weg" müsse. Dann verschwindet er, um eine wartende Frau zu betreuen, die in einem Heulkrampf immer wieder "meu filho" schreit, "mein Sohn". Der Polizist bringt sie vor die Tür, sie soll den ausländischen Wartenden nicht stören.

Am Nachmittag gehe ich zu einem Fußballspiel ins Maracanã-Stadion, sitze im Fluminense-Block, es steigt das Stadtderby gegen Flamengo. Für mich als Fußballfan eigentlich ein Traum, an diesem Unglückstag aber nicht mehr als eine nette Ablenkung. Fluminense verliert, doch die Stimmung der Fans trübt das nur kurz. Als sie in der U-Bahn schon wieder lachen und singen, bin auch ich halbwegs versöhnt mit dem Leben. Immerhin konnte ich mir ein Fußballspiel im Maracanã ansehen, obwohl ich morgens noch ein Messer am Hals hatte. Worst Case sieht anders aus.

Doch diese Phase emotionaler Erleichterung hält nicht lange an. Als ich am nächsten Morgen meine Ferienwohnung verlasse und unten auf der Straße stehe, wird mir klar, dass ich ab sofort ein Sicherheitsproblem habe – ein gefühltes, wahrscheinlich auch ein reales. Ich könnte es vor mir selbst verleugnen, aber was sollte das bringen? Wie also damit umgehen? Will ich ab sofort misstrauischer sein, vorsichtiger, wachsamer? Oder ist das paranoid und würde nur authentische Erlebnisse verhindern? Unfreiwillig wähle ich die Strategie des Zusammenzuckens bei jeder Gelegenheit: wenn hinter mir ein Hund bellt, wenn mir jemand zu nah kommt, sogar wenn niemand weit und breit zu sehen ist.

Bin ich unsicher? Ich bin unsicher

In diesem Zustand verbringe ich vier weitere Tage in Rio. Ich habe keine Wertsachen mehr bei mir, benutze auch kein Portemonnaie, nehme häufig den Bus oder ein Taxi, statt zu Fuß zu gehen. Fortlaufend schwanke ich zwischen den Fragen, ob ich es mit meinem neuen Sicherheitsbedürfnis übertreibe oder ob ich ausreichende Sicherheitsvorkehrungen treffe. Ich bin mir unsicher, ob ich unsicher bin. Und nicht sonderlich traurig darüber, Rio de Janeiro schließlich zu verlassen.

Zwei Wochen lang fahre ich durch das Land, erlebe Kleinstädte und abgelegene Dörfer, in denen man wahrscheinlich die Haustür offen stehen lassen könnte. Der ganze Charme Brasiliens entfaltet sich, ich bin den Menschen gegenüber wieder zugeneigter und lege mein Misstrauen ab. Dann erreiche ich Salvador. Salvador weist eine der höchsten Kriminalitätsraten Brasiliens auf. Die Mordrate ist hier doppelt so hoch wie im Rest des Landes (und ganze 16 Mal höher als zum Beispiel in Berlin). Zwar sind die Opfer vor allem in den Favelas der Stadt zu beklagen, während die zahlreichen Touristen im Altstadtviertel Pelourinho ihre iPads für Gruppenfotos zücken. Das können sie aber nur, weil an jeder Ecke ein schwerbewaffneter Polizist grimmig für Ordnung sorgt. Jeder Kampfanzug macht das Sicherheitsproblem hier sichtbar. Das Thema wird, ganz automatisch, zum Teil des Aufenthalts in dieser Stadt.

Taxi nehmen!

Der Hotelbesitzer erklärt mir seine Sicherheitsregeln für Salvador. In den Vierteln am Meer: lieber Taxi nehmen! Nach Sonnenuntergang, am Wochenende oder mit Gepäck: Taxi nehmen! Die zwei Blocks vom Hotel in die durch Polizisten gesicherte Altstadt dürfe ich zu Fuß gehen, vorausgesetzt, dass ich meine Wertsachen gut verstecke und eng am Körper trage. Sollte ich in der Altstadt Geld abheben: zurück nur mit dem Taxi fahren, denn es könnte mir jemand folgen! Ich frage ihn, ob die Taxen sicher seien. "Nein, leider nicht. Wenn du Pech hast, fahren die dich in dunkle Ecken."

Bis zum Ende des Urlaubs bleibt es bei dem einen Überfall am allerersten Morgen. Das Gefühl der Unsicherheit lege ich aber nie ganz ab. Vielleicht muss das so sein, vielleicht hat es auch sein Gutes. Ich bin schließlich nicht nach Brasilien gefahren, um am Strand zu liegen und Caipirinhas zu trinken. Ich wollte die Gesellschaft erleben, neue Blickwinkel kennenlernen, die eigene Komfortzone verlassen – all das ist durch den Überfall geschehen. Südamerikanische Großstädte sind nicht Berlin, deswegen erfordern sie auch andere Verhaltensweisen. Ob man überfallen wird, ist auch hier eine Frage von Glück oder Pech – aber die Chancen lassen sich beeinflussen. Ich habe gelernt, mir Sicherheit Tag für Tag zu erarbeiten. Und auch, dass die Welt bzw. der Urlaub nicht davon untergeht, dass man einige Wertsachen abgenommen bekommt.

Es ist die extreme Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die dazu führt, dass viele Arme sich nicht anders zu helfen wissen als durch Überfälle und Diebstahl. Die Reichen dagegen leben abgeschottet. Drei Wochen lang habe ich aufgepasst, abgewogen und gehofft, dass mir nicht noch etwas Schlimmeres passiert. Ich habe meine heimische, die deutsche Sicherheit schätzen gelernt und verstehe die Strapazen eines Lebens in Unsicherheit. So fühlt es sich also an – das Leben als Reicher in einer unsicheren Gesellschaft. Wie muss dieses Leben erst als Armer sein.