© Erlendur Thór Manússon

Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Winter 2015

Drei Trolle gruben eine tiefe Schneise, um die Westfjorde vom restlichen Teil Islands zu trennen. So erklärt eine isländische Volkssage die zerklüftete Landschaft im Nordwesten Islands, die an ihrer schmalsten Stelle nur sieben Kilometer breit ist. Hätte mir jemand heute einen Spaten in die Hand gedrückt, hätte ich mit links gegraben. Meinen rechten Arm habe ich mir ein paar Wochen vor dem Trip nach Island beim Snowboarden gebrochen. Er steckt noch immer in einer Bandage. Trotzdem will ich in den nächsten Tagen, gemeinsam mit den Isländern Íngo, Erlendur und der Kanadierin Kimberley Dunlop, die besten Spots zum Snowboarden und Wellenreiten in den verschneiten Westfjorden kennenlernen.

Auf Island gibt es 15 aktive Surfer. Ingolfur Olsen, genannt Íngo, und Erlendur Thór Magnússon aus Reykjavík sind zwei davon. 2010 haben sie die Arctic Surfers gegründet, um Wasser- und Schneesportlern aus aller Welt die Möglichkeit zu bieten, Islands beste Wellen und Abfahrten gemeinsam mit lokalen Experten zu erleben. Erlendur ist Fotograf und Íngo eigentlich Zahntechniker. Da er aber viel lieber an Surfboard-Finnen als an Zahnspangen herumschraubt, hat er sein Hobby zum Beruf gemacht.

In Reykjavík verstauen wir unsere Wellenreiter auf dem Autodach und beladen den Wagen mit Snowboards, Skiern, Stand-Up-Paddle-Boards, Neoprenanzügen und einer ungewöhnlich großen Stückzahl an Thermoskannen. "Warte ab, dafür wirst du noch dankbar sein", grinst Íngo zu mir rüber. Nach einem kurzen Proviant-Stopp in Borgarnes machen wir uns auf die sechsstündige Fahrt in die Westfjorde. Auf einer Raststätte in Stadarskali treffen wir Erlendurs Cousin Jonas Stefansson, kurz Jonní, einen Profi-Skifahrer aus der Stadt Akureyri. Er möchte es sich nicht nehmen lassen, uns in die Wesfjorde zu begleiten. Wir setzen unsere Tour fort und hören Musik von Sigur Rós und Íngos heimlicher Liebe, der isländischen Sängerin Emilíana Torrini. Kim strickt sich eine Mütze aus Schafwolle. Wir essen isländische Lakritze, und Kim und ich sorgen bei den Jungs für hochgradige Belustigung, als wir versuchen, das isländische Wort für Zimtschnecke, Kanilsnúdur, korrekt auszusprechen.

Warme Quellen und eiskaltes Wasser

Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Winter 2015

Je weiter wir in den Nordwesten vordringen, umso unwegsamer wird es. Die Straßen sind nicht durchgängig asphaltiert. Es geht auf Schotterpisten mit großen Schlaglöchern vorwärts. Eismassen türmen sich am Wegesrand. Der Wind rüttelt so unbarmherzig am Auto, als wolle er die Surfboards vom Dach reißen und uns in den Straßengraben fegen. Alles ist weiß, so weit das Auge reicht. Íngo steuert uns mit stoischer Ruhe weiter über den Bergpass. Kaum dahinter lässt der Wind plötzlich nach und die Sonne scheint. "Hier treffen ständig Hoch- und Tiefdruckgebiete aufeinander. Das Wetter in den Westfjorden ändert sich quasi mit jedem Augenzwinkern ", erklärt Íngo. Die Gegend mit ihren mächtigen Basaltplateaus zählt zu den geologisch ältesten Teilen Islands. Im Gegensatz zu anderen Bereichen der Insel sind in dieser zerklüfteten Landschaft keine vulkanischen Aktivitäten zu verzeichnen. Heiße Quellen hingegen finden sich hier an vielen Stellen.

Am Mjóifjörður biegen wir von der Hauptpiste ab und stehen kurz darauf vor einem geothermischen Pool. Ein Farmer hat hier ein Becken errichtet und jeder ist willkommen, ein Bad in der heißen Quelle zu nehmen. Mit drei Sprüngen sind wir in der überdimensionalen Wanne mit Blick auf den Fjord und die angrenzenden verschneiten Berghänge. "Wer traut sich, da drüben schwimmen zu gehen?", fragt Jonní und zeigt auf den Mjóifjörður. Wir trauen uns alle und kühlen uns nach dem heißen Bad mit viel Geschrei im zwei Grad kalten Wasser ab.

Island. Jetzt. © Erlendur Thór Manússon

Auf unserer Weiterfahrt passieren wir einige verwaiste Höfe. "Viele Menschen haben die Westfjorde verlassen", erzählt Erlendur. "Nicht jeder kann mit der abgeschiedenen Lage umgehen und gerade viele junge Isländer wollen lieber in Reykjavík studieren, als auf dem einsamen Hof ihrer Eltern zu arbeiten." Die rund 7.500 Menschen, die noch in den Westfjorden wohnen, verdienen ihr Geld meist mit Fischfang oder leben von den Erträgen aus Milch, Wolle und Fleisch. Den letzten Teil der Fahrt legen wir in der Finsternis zurück, und es dauert eine halbe Ewigkeit, in die vielen Fjorde hinein- und wieder hinauszufahren. Íngo erzählt mir isländische Sagen von Elfen. Am späten Abend erreichen wir endlich unser Ziel, das kleine Dorf Flateyri am Önundarfjörður. Die Jungs haben hier ein Haus gemietet, das wir als Basis für unsere Abenteuer nutzen wollen.

Paradies mit Puderzucker

Am nächsten Morgen sind wir alle absolut in Stimmung für eine Tour mit den Skiern und Snowboards. Die Sonne scheint, und es ist windstill. Wir fahren ins Nedri-Breididalur. Der Schnee glitzert und nahezu jeder Berg in Sichtweite lädt dazu ein, einen Aufstieg zu wagen. Von den meisten dieser Gipfel ist noch kein Mensch je zuvor auf Brettern hinabgesaust.

Wir bekleben unsere Splitboards und Skier mit Tourenfellen und starten den Aufstieg auf eine 750 Meter hohe Kuppe, die wir für unsere erste Abfahrt auserkoren haben. Querfeldein durch den unberührten Schnee den Bergkamm hinaufzuwandern, bringt uns alle ins Schwitzen. Immer wieder legen wir eine Pause ein, um den Ausblick auf den verschneiten Fjord unter uns zu genießen. Je dichter wir zum Gipfel gelangen, umso aufgeregter werden wir.