Früher gab es diese eine Woche im Winter, in der allen Achtklässlern die Schule auf einmal Spaß machte. Kurz vor Weihnachten schickte das alte Gymnasium im mittelfränkischen Ansbach alle Vierzehnjährigen ins Skilager. Zwei Busse brachten den gesamten Jahrgang ins Salzburger Land, wo er entweder die Pisten oder die Loipen von Flachau und Umgebung abfuhr. Vor einigen Jahren war plötzlich Schluss damit: Die achten Klassen des Gymnasium Carolinum fahren seitdem zu Schuljahresbeginn nach Niederbayern, der Ausflug nennt sich "erlebnispädagogische Sportwoche". Für die Achtklässler bedeutet das sechs Tage Wandern oder Hochseilklettern. "Das Skilager war nur eine Episode am Carolinum", sagt Konrektor Helmut Weiß heute. Mit seiner Entscheidung gegen die Skiwoche ist er nicht allein.

Immer weniger weiterführende Schulen in Deutschland schicken im Winter ihre Mittelstufen zum Skikurs, stellt auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus fest. Da die Kultusministerien zu Schulfahrten keine Statistiken führen, gibt es zum Rückgang offiziell keine Zahlen. Doch befragt man verschiedene Seiten, ergibt sich ein klares Gesamtbild. Ein Blick in die Tourismusstatistiken der Skiregionen zeigt: In den Jugendherbergen der deutschen und österreichischen Alpenregion geht die Zahl der Übernachtungen während der Wintermonate zurück. Auch der österreichische Jugendherbergsverband klagt, dass die deutschen Schulklassen seit einigen Jahren wegbleiben.

Jörn Knissel vom Schulreiseveranstalter Alpetour sieht einen Trend: "Insgesamt gibt es einen Rückgang von Skilagern." Bei Alpetour sei die Zahl der Skilager-Buchungen nur deshalb konstant, weil sich immer mehr Lehrer bei der Organisation von einem Veranstalter helfen lassen. Für das Schulreisebüro mit zwölf Millionen Euro Jahresumsatz lohnt sich das: "Der Markt war riesengroß. Inzwischen kommen uns Liftbetreiber in Skigebieten mit günstigen Angeboten entgegen, weil 30 bis 40 Prozent weniger Schüler anreisen", erklärt Knissel. Die Zahl der gebuchten Sportwochen im Sommer wachse hingegen von Jahr zu Jahr.

"Was soll dieser Schickimicki-Sport?"

Fragt man, wie es zu dieser Verschiebung kommt, fällt die Antwort bei Lehrern, Tourismusverbänden und Reiseveranstaltern einhellig aus: Skilager sind teuer, aufwändig in Organisation und Betreuung und von den Eltern oft nicht mehr gewollt. Simone Fleischmann, Präsidentin des bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, hat als Schulleiterin an der Grund- und Mittelschule Poing im Osten Münchens wachsende Vorbehalte erlebt. "Eltern fragen immer mehr nach der rechtlichen Absicherung der Lehrer", sagt sie. "Und die Lehrer haben Sorge, dass sie ein juristisches Minenfeld betreten und etwas anbieten, was ihnen nicht gedankt wird." Zu einem Skilager gehört schließlich auch das Risiko, dass Schüler sich auf der Piste Verletzungen zuziehen oder sich beim Ausgang in den Wintersportorten danebenbenehmen. Statt das als notwendiges Übel auf dem Weg in die Selbstständigkeit hinzunehmen, sehen Eltern ihre Kinder dadurch heute gefährdet.

Auch die finanzielle Belastung durch eine Skifreizeit ist für immer weniger Familien tragbar. Skilager kosten im Schnitt 50 bis 70 Euro mehr als Sommerfreizeiten, hinzu kommt die Sportausrüstung. An Schulen wie der Volksschule Poing, zu deren Einzugsgebiet der Großraum München genau so gehört wie die umliegenden Bauernhöfe, tritt dann die soziale Ungleichheit zutage: "Den Eltern mehr als 300 Euro für eine Fahrt abzuverlangen, ist oft schon zu viel", sagt Simone Fleischmann. Ärmere Familien schämten sich meist, für Schulfahrten finanzielle Hilfen zu beantragen oder sähen keinen Sinn darin. "Die Eltern fragen dann: was soll dieser Schickimicki-Sport, den mein Kind nie im Leben ausüben kann?" Pubertierende Schüler wiederum wollten die Armut der Eltern oft nicht zugeben und flüchten sich in Null-Bock-Attitüden. "Das führt zu sozialen Spannungen in der Klasse, obwohl Klassenfahrten ja eigentlich das Gegenteil bewirken sollen."