Bitterfeld, schöner als vermutet © Peter Endig/dpa

Bitterfeld hat ein Tourismusprogramm. "Stadt zum Erleben" nennt sie sich auf einem offiziellen Flyer, der zwölf Attraktionen aufzählt. Aber dass wirklich Touristen kommen, die hier ihre kostbare Urlaubszeit verbringen wollen, scheint die Stadt selbst nicht recht zu glauben. Dass sie sich in der Mitte zwischen den drei Grazien Leipzig, Berlin und Magdeburg unscheinbar wähnt, kann man ihr natürlich nicht vorwerfen. Doch um sich hübscher zu schummeln, als sie tatsächlich ist, dazu ist das Mauerblümchen Bitterfeld nicht eitel genug. Obwohl die Stadt durchaus ihre Reize hat.

Am charmantesten wirkt Bitterfeld vom Bitterfelder Berg aus, einem Schutthügel des früheren Tagebauwerks Goitzsche. Dort steht seit zehn Jahren der Bitterfelder Bogen – eine Stahlkonstruktion, die zu ebener Erde die Frage aufwirft, ob das Ganze von einem Baugerüst oder der Auffahrt zu einem Parkhaus inspiriert wurde. Beim Aufstieg entlang der im Zick-Zack übereinandergestapelten Rampen aus Stahlgittern müssen Besucher jedoch eingestehen, dass das Bauwerk viel praktischer ist als ein Aussichtsturm: Am Geländerrand jeder Etage können zehn Leute nebeneinander stehen. Dass die neun anderen nur selten da sind, verstärkt nur die Wirkung des Bitterfelder Bergs.

Von oben und aus der Ferne betrachtet offenbart die Stadt ihren Charme, der sich mit "erst still gelegt, nun still gelegen" beschreiben lässt. Wer lange genug dort oben steht, für diejenigen legt sich die Abendsonne schmeichelnd wie ein Instagram-Filter über die Stadt. Dann sieht das Mosaik aus Fabrikruinen und Mehrfamilienhäusern eine Weile lang richtig schmuck aus. Und die Häuser am Goitzschesee, der über dem gefluteten Braunkohlebergwerk entstanden ist, erinnern im Abendrot an ein skandinavisches Dorf.

Blick über Bitterfeld © Eva Steinlein

Bitterfeld hatte schon mal einen Filter: den Schmutz aus den Fabrikschloten zu DDR-Zeiten. "Wie durch einen speziellen Farbfilter betrachtet, lag eine monochrome, graubraungrünliche Lasur über Häusern, Landschaft und Fabriken", beschreibt ein Zeitzeuge die Stadt, die lange vor allem als bewohnte Umweltkatastrophe bekannt war. Der Schriftstellerin Monika Maron bot die "dreckigste Stadt Europas" Stoff für ein ganzes Buch und der heimlich gedrehte Dokumentationsfilm Bitteres aus Bitterfeld löste in den achtziger Jahren in West- wie Ostdeutschland Entsetzen aus. Den Dreck hat Bitterfeld inzwischen abgewaschen, das schmutzige Image bleibt bis heute hartnäckig kleben. Schade. Denn nach und nach schält sich ein sehenswertes Städtchen hervor.

Nicht einmal der Fluss Mulde konnte es abwarten, sich als Strom des Vergessens über die einstige Braunkohlegrube zu legen: Weil beim Hochwasser im Jahr 2002 ein Staudamm des Flüsschens brach, lief der Tagebau in Rekordzeit voll. Die Vergangenheit verschwand vier Jahre früher als geplant unter dem Goitzschesee, der in seiner herbstlichen Beschaulichkeit als ein Stück ursprünglicher Natur durchginge, wenn man es nicht besser wüsste. Hier hat der Mensch die Natur nicht nur geformt, sondern selbst geschaffen – die späte Erfüllung eines kommunistischen Traums.

Entlang der perfekt ausgebauten Rad- und Wanderwege finden Reisende aus der Großstadt gerade so viel künstliche Wildnis, wie sie ertragen können – bei perfektem Handyempfang. Wenn Touristen vom Bildschirm aufblicken, erwartet sie beim Spazieren die große Stille, die sie sich sonst in Schweigeklöstern teuer erkaufen müssen. Wenn die Restaurants und Badestrände am Ufer nicht voll sind, ist man hier wunderbar allein im Kopf. Nur ab und an kommen Spaziergänger mit Hund vorbei.