Beeindruckendes Kapstadt © David Rogers/Getty Images

Die blonde Verkäuferin im Lederwarengeschäft Chapel schaut vom aufgeklappten Laptop auf. Berlin! Sie lächelt, als sie den Namen der Stadt hört. Ein paar Monate habe sie in der deutschen Hauptstadt gelebt, eigentlich sei sie nämlich Künstlerin und in der Boutique mit den vor Ort gefertigten Hand- und Umhängetaschen arbeite sie nur, um ihren Lebensunterhalt aufzubessern. Für einen kurzen Moment fühlt man sich als Kapstadt-Tourist nach Kreuzberg oder Neukölln zurückversetzt. Ist dort nicht jeder junge Verkäufer ein verhinderter Designer, Modeschöpfer oder Fotograf?

Das Chapel residiert in der Woodstock Exchange, einem Kreativzentrum mit kleiner Shopping Mall. Die Woodstock Exchange war eine Näherei, bis es nichts mehr zu nähen gab. In das alte Industriegebäude mit seinen drei Etagen zogen vor ein paar Jahren Agenturen, ins Erdgeschoss kamen Restaurants, Cafés, Bekleidungsläden. Die Bedingung: keine Modeketten, sondern Geschäfte von Ortsansässigen.

Der Funkenstrahl von Berlin scheint in dem geschmackvoll grau gestrichenen Backsteinbau ein kleines Feuer zu entfachen – selbst Tausende Kilometer entfernt. Kreativkollektive, lokaler Designerstolz, örtliche Kunstkompetenz, das hat Berlin seine Tausende Kurz- und Langzeitbesuchern gelehrt. Einiges davon findet sich nun in Kapstadt wieder, das sich nach Johannesburg auch in eine ernstzunehmende Kreativzelle Südafrikas verwandelt.

Für mehrere Geschäfte der Woodstock Exchange übersetzt sich die Berliner Lehre von optimaler Raumnutzung und maximaler Kreativität so: Wo die Ladentheke aufhört, beginnt die Werkstatt. Wie bei den Chocolatiers von Honest. Ein Renner sind die Büsten von Mandela aus dunkler Schokolade. Nebenan bei Grandt Mason Originals, fertigen Frauen Schuhe an. Absatzschuhe mit bunten Stickereien, Lederstiefel, für Frauen und Männer, alles vor Ort produziert, und kein Paar gleicht dem anderen. Nicht fehlen dürfen natürlich: eine Kaffeebar mit Rennradutensilien (Rosetta), ein ausgeflippter Tattooladen mit Keine-Fotos-Politik (Sleight of Hand) oder gimmickhafte Street-Art im Hinterhof (Graupapagei am Stromkasten).

Bereits 2014 hat Kapstadt ein Jahr den Titel "Design-Hauptstadt der Welt" tragen dürfen. Über 460 Projekte in der Stadt beschäftigten sich damit, die Millionen-Metropole in einen besseren Ort zu verwandeln. Am meisten überrascht über die Ehrung waren die Capetownians selbst. Daraufhin haben sie sich mal genauer umgesehen und gestaunt: Galerien öffnen in früher verschmähten Bezirken, es gibt versteckte Gin-Bars und teuer gerösteten Kaffee, Guerillakunst und Museumspläne. Kapstadt boomt, hält sich dabei ein bisschen für Berlin und das zieht nun auch Touristen an vergessene Orte.

Politisch steht dieser Prozess unter anderen Vorzeichen als in Deutschland. Es war nicht der Kalte Krieg, sondern die Apartheid, die Jahrzehnte lang die kreative Szene zensierte. Erst 20 Jahre ist es her, dass Schwarze und Weiße wieder frei wählen können, wo sie leben wollen – wenn auch sich die meisten Schwarzen weiterhin nicht die exklusiven Viertel an der Ostküste des Horns leisten können.

Streetart mit lokalen Einflüssen © Ulf Lippitz

Nirgendwo erleben Besucher den produktiven Aufschwung besser als in Woodstock. Bis vor einigen Jahren galt das gesamte Viertel als marode und gefährlich, es war schlimmer als der Wedding in Berlin. Hier lebten schwarze Familien, die zu viele Stunden für zu wenig Lohn arbeiteten. Die kleinen viktorianischen Zweigeschosser verfielen, Gangs trieben sich in den Gassen zwischen den Hauptstraßen herum und ehemalige Manufakturen bröckelten dem Untergang entgegen. Meine Straße, mein Block, mein Ruin.

Was in Kreuzberg funktioniert, passiert nun auch am Kap. Street-Art-Künstler bemalen Fassaden, aber mit lokalen Einflüssen. So prangen Nashörner an Häuserwänden oder schauen Gesichter von möglichen Nachbarn auf Passanten. Bunte Bilder an grauen Mauern, und alles vor der spektakulären Kulisse des Tafelberges, der die gesamte Stadt überragt.