Ich sitze in meinem Lieblingscafé und bin kurz davor, mein Laptop in Stücke zu schlagen, weil meine Tischnachbarn es gewagt haben, ein leises Gespräch anzufangen. Verdammt, ich muss arbeiten! Textabgabe! E-Mails! Recherchen! Nur bin ich mittlerweile so nervös, dass ich mich nicht mehr richtig konzentrieren kann. Nichts als Arbeit, schon seit Wochen. Da habe ich plötzlich eine Art Eingebung, einen Tagtraum: Ich stehe mit den Füßen im Sand, über mir ein endloser, fahlblauer Himmel und ringsherum ist nichts als noch mehr Sand. Nirgendwo ein Haus oder ein Mensch, nur Stille und Weite.

Meine stressgeplagte Seele wünscht sich in die Wüste. Mein Kopf hat nichts dagegen. Und weil ich noch nie in Marokko gewesen bin, überhaupt noch nie auf dem afrikanischen Kontinent, fliege ich schon vier Wochen später nach Marrakesch, um von dort aus an den nordwestlichen Rand der Sahara zu fahren.

Bereits kurz nach der Ankunft weiß ich: In Marrakesch halte ich es nicht lange aus. Die Altstadt kommt mir vor wie eine einzige große Touristenfalle. Die Straßenhändler sind zu aufdringlich, der angebotene Ramsch deprimiert mich, die Tajines in den Restaurants am Djeema el Fna schmecken pappig.

Ich besuche den Jardin Majorelle, einen Park voller Kakteen und exotischer Pflanzen, zu dem auch eine leuchtend blaue Villa gehört. Hier hat früher Yves Saint Laurent an neuen Kleiderentwürfen gearbeitet. Heute befindet sich in der Villa ein Museum für die Kultur der Berber. Aber in den perfekt designten Ausstellungsräumen und auf den sauberen Kieswegen im Garten fühle ich mich erst recht wie in einer künstlichen Touristenkulisse.

Über mein Hotel könnte ich einen Ausflug in die Wüste buchen, Kamelreiten und Übernachtung im Zelt inklusive, aber das kommt nicht in Frage. Ich will keine geführte Gruppentour, ich will alleine durch die Wüste laufen, so riskant das auch sein mag. Mit einem Fernbus fahre ich über das Atlasgebirge Richtung Südwesten. Man kann die einzelnen Bäume zählen, so karg und steinig ist die Berglandschaft.

Als wir das Draa-Tal erreichen, taucht auf einmal eine üppig grüne Dattelpalmoase vor uns auf. Kurz darauf die nächste. Und die nächste. An einer dieser Oasen liegt, schon fast am Ende des Tals, die Bezirkshauptstadt Zagora. Hier sind bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Handelskarawanen zu ihren Sahara-Durchquerungen aufgebrochen. Ein auf alt gemachtes Schild am Stadtrand erinnert daran, "52 Tage bis Timbuktu" steht darauf. Wenn Zagora so lange Startpunkt für Karawanen war, sage ich mir, werde ich von hier aus auch eine Wüstenwanderung unternehmen können.

Es ist später Nachmittag. Die Luft ist heiß und trocken, und ich habe sofort gute Laune. Schon das erste Hotel, das ich mir anschaue, gefällt mir. Die Zimmer sind schlicht und sauber, zudem gibt es einen hübschen Garten mit Pool in einem alten Palmenhain. Ich frage den älteren Herrn an der Rezeption nach Wüstenausflügen. Er holt einen abgegriffenen Werbeprospekt hervor, der in mehreren Sprachen die üblichen Touren per Kamel oder Jeep anpreist. Ich schüttele den Kopf und erkläre dem Mann in meinem schlechten Französisch, dass ich zu Fuß gehen will. Allein. Er runzelt die Stirn und schaut mich abschätzig an. "Allein? Das ist viel zu gefährlich", sagt er.

Aber so leicht gebe ich nicht auf. Am nächsten Morgen steige ich auf den Hausberg von Zagora, um mir einen Überblick über die Gegend zu verschaffen. Ich kraxele über Felsen und Geröll und stehe schließlich auf einem schmalen Hochplateau neben ein paar Mobilfunk-Sendemasten. Hinter mir liegen die Ausläufer des Atlasgebirges, vor mir schlängelt sich das Flussbett des Draa durch einige kleinere Oasen, um sich anschließend in der Ebene zu verlieren. Die Ebene, das heißt hier: die Sahara. Von hier oben sieht sie nicht sehr beeindruckend aus, wie farbloses, ödes Land.

Blöderweise ist die offene Wüste von Zagora aber noch ziemlich weit entfernt. Zu Fuß ist sie nicht zu erreichen, jedenfalls nicht in einer Tageswanderung. Missmutig steige ich den Berg wieder hinab und laufe durch die Mittagshitze zurück in die Stadt. Ich komme am Büro einer Reiseagentur vorbei, deren Namen, Caravane du Sud, ich im Reiseführer gelesen habe. Widerwillig gehe ich rein und lasse mir diverse Wüstentouren anbieten.

Die Auswahl reicht von einfachen Tagesausflügen über Ferien bei Nomaden bis hin zu Yoga-Retreats. Teuer ist alles. Schon der standardmäßige Kamelausritt in die Wüste mit Übernachtung im Zelt kostet mehr als doppelt so viel wie derjenige, den das Hotel mir angeboten hat. Nach einer individuell organisierten Wanderung zu fragen, traue ich mich gar nicht mehr. Sie würde mein Reisebudget sprengen, garantiert.