Nicht unbedingt einladend, aber immerhin aufregend. © Chris McGrath/Getty Images

Shinjuku ist ein Stadtteil in Tokios Westen, bekannt für seine Shoppingmalls, das schwule Ausgehviertel Ni-chōme und den kaiserlichen Park. Gut versteckt führt ein von Bäumen gesäumter Weg von der Hauptstraße Yasukuni Dori nach Golden Gai. Aus gerade einmal sechs Straßenzügen besteht dieses Vergnügungsviertel, in dem bis zu den 1960er Jahren die Prostitution florierte. Heute kommen die Menschen zum Feiern. Allen voran ortsansässige Künstler, Schriftsteller und Filmemacher. Wim Wenders hat hier gedreht, Quentin Tarantino getrunken. Wenn er denn einen Sitzplatz bekam – in den meisten Bars finden nur eine Handvoll Gäste Platz.

Es herrscht das aus Prohibitionszeiten bekannte Speakeasy-Prinzip. Kaum eine Lokalität hat eine Internetpräsenz, man flüstert sich so durch. An manchen Türen steht Members only, da hilft auch Klingeln nichts.

Im Unterschied zu ihren klandestinen Vorbildern in New York, London oder Berlin sind die Bars in Golden Gai eher shabby als chic. Hier ist Tokio keine glitzernde Hightech-Metropole, sondern ein Meer aus Baracken, eine nach dem zweiten Weltkrieg konservierte Stadtminiatur. Auf wenigen Quadratmetern ducken sich ein- bis zweistöckige Häuschen von schmalen Gassen weg. Manche wirken so baufällig, dass der Treppenaufstieg ein Wagnis ist.

Eng und atmosphärisch: eine Gasse im Golden Gai © Eva Biringer

Was für eine seltsame Stimmung hier an einem Montagabend herrscht: Verhuscht und elitär zugleich, eine Mischung aus Moleskine und Rotlicht, so stellt man sich als Frau die Herbertstraße in St. Pauli vor. Statt Frauen schmücken hier allerdings pink leuchtende Aquarien die Fenster, dazu Jugendstillampen und Medizinfläschchen. Dass Tokio am Meer liegt, vergisst man meist; doch diese Hafenspelunken erinnern daran. Seemänner gibt es hier keine, sondern multilinguale Backpacker, einheimische Anzugträger und die japanische Interpretation des Hipsters, ohne Bart, aber mit schmalgeschnittenen Hosen.

Einige der rund 200 Etablissements erheben ein cover charge von 700 Yen, etwa fünf Euro. Weil in Japan Höflichkeit über alles geht, darf der Gast mit einer Gegenleistung rechnen, einem heißen Tuch für die Hände, einer Kleinigkeit zu essen. Im Tadeusz Kantor garen Tofustücke in einem Gaskocher vor sich hin. In den Regalen stehen die mit Namensschild versehenen Flaschen der Stammgäste. Einer davon ist Herr Suzuki. Abend für Abend lässt er sich auf demselben Platz am Tresen nieder. Vor ihm steht sein eigener, mit Sake gefüllter Kristallglasflakon, den er mit Oolong-Tee mischt.