Indien knallt, das ist klar: Es hat eine ganz und gar erlesene Küche. Es gibt dort Wasseryoga, das alle Weltgesetze übersteigt. Hunderte Millionen hochintelligente und durch und durch spirituelle Menschen leben dort. Und der Straßenverkehr! Wie glücklich der macht!

Fast alle Deutschen, mit denen ich mich vor oder während meiner Reise über Indien unterhielt, romantisierten den Subkontinent, als läge er hinter den sieben Bergen. Nach fünf Wochen indischen Alltags abseits der Touristenzentren stellte ich fest: Mit der Realität haben die Schimären der Indienverherrlicher nichts zu tun.

Essen

Inder ernährten sich sehr ungesund, mailte ich einer Freundin. Alles sei fettig, das meiste verkocht, selbst Gemüse werde frittiert. Und viel zu dicke Soßen! Viel zu viel extrem Süßes. Sie schrieb, es gebe doch bestimmt überall die gesunde Kombination von Reis und Dal? Ich insistierte: Alles triefe vor Fett. Die reine vedische Küche sei ganz anders, entgegnete sie, keineswegs fett, vielmehr heilsam, sie unterscheide, welche Lebensmittel mit welchen kombiniert werden dürfen und welche nicht. Denn bestimmte Zusammenstellungen förderten die Verschlackung. Zudem arbeite besagte Küche mit genau getaktetem, akkuratem Beimengen von vorher in ein wenig Ghee angebratenen Gewürzen, welche die Organtätigkeit verstärkten. Das mache das Essen bekömmlich. Ich müsse nur in die richtige Region reisen, ich würde die gute Küche schon finden.

Küche - Das Essen in Chennai ZEIT-ONLINE-Reporter Alexander Schwabe hat seine kulinarischen Eindrücke auch mit dem Smartphone festgehalten.

Ich sei nun mal in der Region, in der ich sei, antwortete ich, im Acht-Millionen-Moloch Chennai im Bundesstaat Tamil Nadu. Da sei von vedischer Küche keine Spur, die gebe es wohl nur in europäischen Kochbüchern. Außerdem, wer wolle sich nach Rezepten aus den Veden ernähren, Jahrtausende alter heiliger Texte? Das sei etwas für Indienromantiker, für europäische Flamboyants, und habe nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Sogleich bekam ich einen Link zu "erlesensten Gerichte der vegetarischen Küche" zurückgemailt. Von vedisch war plötzlich keine Rede mehr.

Schwimmen 

Köstlicheres erlebte ich in einem Strandresort an der Koromandelküste. Nie habe ich einen Inder schwimmen sehen, weder im Meer noch in einem Fluss, noch in einem Pool. Denn viele Inder sind, sofern sie es überhaupt können, miserable Schwimmer. Als Beleg dafür sandte ich einer anderen Freundin ein Video nach Deutschland, das ich am Schwimmbecken des Badeorts aufgenommen hatte. Man sieht darauf einen Brahmanen – zu erkennen an der Kordel, die diagonal über seinen Oberkörper hängt –, ein Mitglied der obersten Kaste also. Der Brahmane bewegte sich sehr seltsam durchs Wasser, es war hart an der Grenze dessen, was noch Schwimmen genannt zu werden verdient. Meine Freundin schaute sich den dilettantischen Schwimmversuch auf Video an – und deklarierte ihn salbungsvoll als Wasseryoga.

Aha. Der Brahmane wollte also mit seinem Geplansche Körper, Geist und Seele in Einklang bringen. Er wollte zur Selbsterkenntnis gelangen, als er sich vom Beckenrand plumpsen ließ, wo er lange gesessen und irritiert auf die Wasseroberfläche gestarrt hatte. Als er endlich drin war, ließ er sich wie eine Seekuh treiben. Kopf unter Wasser. Dann begann er sich zu bewegen. Also doch kein Selbstmordversuch, dachte ich. Er versuchte es mit einer Mischung aus Kraul- und Brustschwimmen, zog seine Arme aber gegenläufig durch das Wasser, sodass sich beide Züge neutralisierten. Als er nicht mehr konnte, fing er an, sich mit raschen Handbewegungen den Kopf zu schrubben. Wenn das Wasseryoga war, dann verdiente ein Bauchplatscher die höchsten Haltungsnoten beim Turmspringen.

Dabei war dieser Brahmane ein wahrer Hecht, verglichen mit sechs gesetzten Männern um die 50, die etwas später im selben Pool schwimmen lernen wollten. Sie standen im flachen Teil des Beckens. Der Älteste und Größte unter ihnen holte tief Luft, tauchte unter und zappelte mit Armen und Beinen. Langsam und von großem Gespritze begleitet glitt er vorwärts, Kopf unter Wasser. Nach drei Metern ging ihm die Luft aus, er stellte sich hin: So geht Schwimmen. "Ihr müsst euch flach aufs Wasser legen", rief er seinen Schülern zu, halb auf Englisch, halb auf Tamil. "You must float like a piece of wood!"

Atmen

Es gibt kaum etwas Stressigeres, Nervigeres und Ungesünderes, als sich in einer Autorikscha durch eine indische Multimillionenstadt fahren zu lassen. Es ist höllenlaut, die Atemwege sind belegt und gereizt wegen des Smogs und des Feinstaubs. Die Luft in Delhi ist schlechter als in Peking. Wer in einer Rikscha inmitten einer Flotte dieser scheppernden, ratternden, die Luft verpestenden Minivehikel sitzt, inhaliert mit jedem Knatterton so viel Abgase wie anderswo in einem ganzen Monat. Und wer neben dem Auspuff eines der 30, 40, 50 Jahre alten verrosteten Busse zum Stehen kommt, sitzt in einer Rußwolke, wie sie kein Kaminfeger mehr kennt. Dazu kommt das unablässige Gedrängel der Fahrzeuge, gegen das das Geschiebe auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt am ersten Adventssonntag ein Witz ist.

Mobilität - Verkehr in Chennai Stressig und ungesund sei es, am Verkehr in Chennai teilzunehmen, findet ZEIT-ONLINE-Reporter Alexander Schwabe. Stimmt das?

Ein Deutscher aber, ein Mann vom Film, ein Künstler also, der normalerweise wie ein Aussteiger in einem alten Omnibus am Berliner Spreeufer lebt, nun aber eine längere Zeit in Chennai verbringt, sagte mir, der dichte, chaotische und staubige Verkehr mache ihn glücklich. Es sei die reinste Wonne, sich dem Rikschafahrer anzuvertrauen, ihm sein Leben zu übergeben, alle Nöte und Sorgen zu vergessen und sich schicksalsergeben durch den stickigen Verkehrsstrom treiben zu lassen wie ein Stück Holz durch den Ganges. Float like wood. Vorbei an allen Fährnissen auf und allem Elend abseits der Straße.