Auf einer Reise nach Japan kann man beobachten, wie ein ganz normales Tattoo eine ungeahnte Wirkung entfaltet. Während es in der westlichen Welt vor allem als Ausdruck von Individualismus verstanden wird, ist es in Japan genau anders herum. Dort stehen Tätowierungen für die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, und zwar einer ganz bestimmten. Die meisten Japaner assoziieren sie vollkommen unabhängig vom Motiv mit Yakuza, also der heimischen Mafia. Und genau das wird für immer mehr Japan-Besucher zum Problem.

Vor einigen Jahren beschloss die japanische Regierung, mit großer Härte gegen das organisierte Verbrechen vorzugehen. Seitdem ist Tätowierten vielerorts der Besuch von öffentlichen Bädern, Sentōs und Fitnessstudios verboten. Urlauber dürfte aber vor allem interessieren, ob sie Zutritt zu den berühmten heißen Badequellen, den Onsen, bekommen. Die Chancen stehen etwa eins zu eins. Landesweit lässt nämlich gut die Hälfte aller Onsen keine Tätowierten rein. Die Regierungsmaßnahmen sind dazu gedacht, die immer noch einflussreichen Yakuza aus der Öffentlichkeit zu verdrängen – zumindest was die Sichtbarkeit betrifft. Und weil die Japaner Regeln ernst nehmen, gilt das Verbot ausnahmslos, das heißt auch für Ausländer.

Was, wenn ein Tätowierter das Verbot ignoriert?

Dass das Badeverbot für Tätowierte eine wachsende Aufmerksamkeit erfährt, hat Gründe. Erstens wird Japan unter ausländischen Touristen immer beliebter – 2015 kamen fast 20 Millionen, so viele wie nie. Zweitens sind immer mehr Menschen im Westen tätowiert, wie eine repräsentative Umfrage der Meinungsforscher von YouGov aus dem vergangenen Jahr zeigt: 15 Prozent der erwachsenen Deutschen haben mindestens eine Tätowierung.

Was aber passiert, wenn sich ein Unwissender mit Tattoos in ein öffentliches Bad in Japan verirrt? Oder das unmissverständliche Verbotsschild einfach ignoriert? Wahrscheinlich wird der Bademeister augenblicklich von seinem Hochsitz klettern und mit gekreuzten Zeigefingern auf ihn zugehen; frei übersetzt bedeutet das: Bitte verlassen sie schnell diesen Ort. Es gibt aber auch Bäder und Onsen, in denen Tätowierte nicht hinauskomplimentiert werden, solange sie ihre Tattoos abkleben oder verhüllen. Alles, was nach Pflaster aussieht, ist allerdings auch keine gute Idee, denn Fremdkörper im Wasser werden in Japan als verunreinigend betrachtet. In den Onsen – die meisten haben getrennte Bereiche für Frauen und Männer – darf man aus demselben Grund nur nackt ins Wasser steigen.

Eine Frau sitzt am Rand eines Onsen in der Präfektur Nagano in Zentraljapan. © Koichi Kamoshida/Getty Images

Womit Tätowierte während eines Japanbesuchs rechnen müssen, wird in einschlägigen Reiseforen diskutiert. Auf der Webseite des japanischen Fremdenverkehrsamts (JNTO) findet man hingegen keine Informationen zum Thema. Ein paar allgemeine Tipps sind aufgelistet, wie man sich in einem öffentlichen Bad verhalten sollte, mehr nicht. Sollten demnächst mehr Anfragen in diese Richtung kommen, werde man den Guide um einen entsprechenden Absatz erweitern, sagt Angela Troisi von JNTO.

Sie fügt aber auch hinzu, dass Japaner Tattoos bei Westlern eher tolerierten als bei Einheimischen. Ganz ähnlich, wie sie auch über Fauxpas im sozialen Umgang hinwegsähen, weil sie davon ausgingen, ein Ausländer kenne die japanische Etikette nicht.

Andererseits sind negative Stereotype über Tattoos derart tief in der Mehrheitsgesellschaft verankert, dass viele Japaner unbewusst auf Abstand gehen, wenn sie einen Tätowierten sehen. Selbst, wenn sie daran zweifeln, dass der Deutsche mit seinen komischen Tribals am Unterarm, der ihnen im Pool gegenüber sitzt, tatsächlich ein Yakuza ist.