Marathonläufer passieren den Zōjō-ji-Tempel in Tokios Innenstadt. © Yoshikazu Tsuno/Getty Images

Es ist Sightseeing, wie ich es liebe: Ich trete hinaus in die Kälte des Abends, schnüre meine Schuhe fest, rücke mein Basecap zurecht – und laufe los. Nicht zu langsam, damit mein Körper gefordert ist. Nicht zu schnell, damit ich den Blick auf die Umgebung genießen kann. Den hundert Jahre alten Tokioter Hauptbahnhof, errichtet im Stil des Neobarock, lasse ich hinter mir und steuere geradewegs auf den Park um den Kaiserpalast zu.

Das Innere der Anlage, die von Wassergräben und Steinmauern umgeben wird, ist der Öffentlichkeit – von geführten Touren abgesehen – nur zwei Mal im Jahr zugänglich: am Geburtstag des japanischen Kaisers, dem 23. Dezember, und an Neujahr. Ich biege nach links ab, um den 3,4 Quadratkilometer großen Komplex zu umrunden, den Blick abwechselnd auf die geschwungenen, ziegelgedeckten Dächer der Palastgebäude gerichtet und auf die Stadt drumherum. Das Parlamentsgebäude aus den 30er Jahren mit seiner markanten Kuppel taucht auf, und das moderne Nationaltheater, Hochhäuser glitzern in der hereinbrechenden Dunkelheit. Ich beschleunige. Die altehrwürdige britische Botschaft zieht vorbei, dann der Yasukuni-Schrein – berühmt und berüchtigt, weil hier der gefallenen japanischen Soldaten gedacht wird, darunter auch verurteilten Kriegsverbrechern.

Nach 25 Minuten bin ich wieder an meinem Ausgangspunkt. Fünf Kilometer lang ist diese Runde um das unzugängliche Herz Tokios. Ein entspannender Lauf unter Pinien und Fichten – und ein wenig auch durch die Geschichte Japans. Zu meiner Überraschung ist mir auf dem Weg kaum jemand begegnet. Vielleicht, weil Sonntagabend ist.

Denn eigentlich gilt die Runde um den Kaiserpalast als die beliebteste Laufstrecke Japans. Und Japan wiederum hat den Ruf, momentan eines der laufbesessensten Länder der Welt zu sein. Der Tokio Marathon, der Ende Februar zum zehnten Mal stattfindet, ist längst Teil der World Marathon Majors, eines Zusammenschlusses von sechs internationalen Top-Rennen. Bei den Profis gehören die Japaner heute hinter den Ostafrikanern zur Weltspitze, und unter Hobbysportlern hat das Laufen den Status beliebter Mannschaftssportarten wie Baseball oder Fußball erreicht. Als Besucher in Tokio kann man einiges von dieser Lauf-Begeisterung beobachten. Und wer selber läuft, profitiert von einer einfachen, aber genialen Erfindung.

Brett Larner ist der richtige Mann, mir ein paar Tipps zum Laufen in Tokio zu geben. Der Kanadier lebt in Japan, seit er vor fast 20 Jahren zum Studieren hierherkam. Er betreibt das Blog Japan Running News, auf dem er eigene Texte veröffentlicht und Beiträge japanischer Medien übersetzt. Larner, selbst begeisterter Sportler mit einer Marathon-Bestzeit von 02:34:43, hat aus seiner Passion ein Geschäftsmodell gemacht. Der 42-Jährige ist nun Vermittler zwischen der insularen japanischen Läufer-Szene und dem Rest der Welt. Gerade begleitete er den Ausnahmeläufer Yūki Kawauchi, der anders als das Gros seiner Konkurrenten nicht nur Vollzeit arbeitet, sondern auch auf Trainer und Sponsoren verzichtet, zum Silvesterlauf in Trier. Und für den Marathon in Los Angeles richtete er zum Beispiel den japanischsprachigen Teil der Website ein.

Larner wohnt direkt neben dem Yoyogi-Park in Shibuya, im Zentrum Tokios. Hier joggt er vier, fünf Mal in der Woche. Regelmäßig macht er längere Ausflüge, um laufend andere Stadtteile zu entdecken. Seine Lieblingsstrecke ist die 3,3 Kilometer-Schleife im Park um den Akasaka Palast. "Für eine Stadt dieser Größe ist die Luft gut", sagt er. "Im Winter wird es nicht zu kalt, ich selbst finde den Herbst besonders schön. Nur im Sommer macht es wenig Spaß, weil es dann zu heiß und zu feucht ist." Sein Fazit: "Tokio ist ein guter Ort zum Laufen."

Einzigartig in der Welt

Das hat auch mit der exzellenten Infrastruktur für Läufer zu tun, und da gibt es etwas, das laut Brett Larner einzigartig ist in der Welt: "Running Stations" nennen sich die kleinen Läden mit Umkleide- und Duschkabinen, die in den vergangenen Jahren nahe den attraktivsten Strecken eröffnet haben. Mehr als ein Dutzend von ihnen gibt es.

Sie sind die Lösung für ein Problem, das jeder Läufer kennt, der häufiger in der Welt unterwegs ist. Zwar ist Laufen theoretisch ein Sport, der gut zum Verreisen passt, weil man ihn überall betreiben kann. Praktisch macht es jedoch einen großen Unterschied, ob vor dem Hotel eine Strandpromenade verläuft oder die Stadtautobahn. Ich erinnere mich an einen Aufenthalt in London, bei dem ich gefühlt die halbe Metropole durchquert hatte, ehe ich endlich den Hyde Park erreichte. In Ankara musste ich mir einmal, es war die Zeit des morgendlichen Berufsverkehrs, auf überfüllten Bürgersteigen und zwischen Baustellen einen Weg bahnen – am Ende ging ich mehr, als ich lief. Mit begrenzter Zeit und ohne Ortskenntnis einfach loszulaufen, ist nicht immer eine gute Idee. Umso besser, wenn man gezielt zu einer schönen Laufstrecke fahren und sich dort umziehen kann. Zumal in Tokio, dieser scheinbar endlosen Stadt mit nur wenigen ausgedehnten Parkanlagen.

Zurück zum Kaiserpalast. In dieser Gegend gibt es, weil der Lauf um den Palast so beliebt ist, besonders viele Running Stations. Zum Beispiel Marunouchi Bike & Run im gleichnamigen Geschäftsviertel hinterm Hauptbahnhof. Der Laden liegt ein wenig versteckt, im Keller eines Hochhauskomplexes mit Büros, Geschäften, Restaurants, Bars und Cafés. Hayato Nishizawa, der junge Manager hinter der Theke, erklärt mir das System: Zunächst muss ich für 500 Yen (4 Euro) Mitglied werden. Er überreicht mir ein Plastikkärtchen, auf dessen Rückseite ich unterschreibe. Das ist künftig mein Ausweis. Jede Benutzung kostet dann nochmal 900 Yen (7 Euro), regelmäßige Läufer zahlen günstigere Pauschalen.