Skiurlaub beginnt für mich mit dem Anblick der Berge. In der Vergangenheit waren es vor allem die mächtigen Gebirgsformationen, die irgendwann irgendwo hinter München am Ende der Autobahn auftauchten und das Herz höherschlagen ließen. Jetzt liegt hier, kurz hinter der schwedisch-norwegischen Grenze, das Trysilfjell vor uns, ein riesiger weißer Maulwurfshügel inmitten einer endlosen Waldlandschaft. In den kommenden Tagen will ich zusammen mit meiner Frau Ida und unseren beiden Jungs, Pelle und Henry, das größte Skigebiet Norwegens erobern.   

Die Alpen wirken aus der Ferne stets schroff und unzugänglich. Dieser sanfte, breit gezogene Buckel, der gut tausend Meter hoch und von einer dicken, weichen Schneeschicht überzogen ist, scheint uns geradezu freundlich gesinnt. 1958 wurde dort der erste Lift errichtet. Heute bietet Trysil 75 Pistenkilometer von Grün bis Schwarz und kann durchaus mit mittelgroßen Skigebieten in den Alpen mithalten. Es gibt Funparks, Rennstrecken und Buckelpisten für die Ambitionierten, Skispielplätze, Märchenwaldstücke und schwedische Studenten im Schneemannkostüm für die Kleinen, "Morgenski" und Flutlichtabfahrten für die Unermüdlichen. Hinzu kommen rund hundert herrliche Loipenkilometer rund um das Fjell, was den Ort gerade für "Kombinierer" interessant macht.

Lohnt es sich aber, dafür den langen Weg aus Deutschland inklusive Fährüberfahrt auf sich zu nehmen? Tatsächlich entdecke ich auf dem Parkplatz am Høyfjellssenter zahlreiche Autos aus Deutschland. "Wir kommen seit vier Jahren jede Osterferien hierher", erzählt mir mein Nachbar aus Norddeutschland in der Schlange zur Schlüsselausgabe. "Von Kiel nach Oslo mit der Fähre. Ab da sind es dann nur noch gut drei Stunden Autofahrt." Begreift man die Zeit und die Übernachtung an Bord bereits als Teil des Urlaubs, ist Norwegen plötzlich gar nicht mehr so weit.

Schönheit und Einsamkeit

Wir wohnen in einem dunkelbraunen Holzhaus im Fågeråsen-Hüttendorf und der Schnee liegt so hoch, dass man ohne Hilfsmittel auf die Dächer klettern könnte. Die Häuser um uns herum sind weitläufig über das Gebiet verteilt. Bei vielen unserer Nachbarn stehen sowohl Abfahrts- als auch Langlaufskier vor der Tür, daneben die obligatorischen Schneebobs und bunte Plastiksitzschalen.

In Sachen Wintersport sind die Skandinavier vielseitig. Vor oder nach dem Pistentag dreht man gerne noch eine Runde in der Loipe oder macht mit der ganzen Familie einen Ausflug in die Umgebung. Am Abend bleibt man lieber unter sich. Après-Ski findet vor allem in der eigenen Hütte statt. Es wird zusammen gekocht und gegessen, man geht in die Sauna, spielt Karten und liegt meistens schon im Bett, wenn in St. Anton & Co gerade die zweite Runde beginnt.

Früh am ersten Morgen schnallen wir frisch und ausgeruht direkt vor der Haustür die Skier an. Faszinierend, wie schnell der siebenjährige Pelle und sein vierjähriger Bruder Henry mehrere Schichten Klamotten plus Ausrüstung am Körper haben – komplett ohne Hilfe oder Aufforderung. Kurz darauf fahren wir zusammen den Ziehweg hinab, der sich durch das gesamte Hüttendorf windet und es so auf bequeme Art sowohl mit dem Skigebiet als auch mit dem Loipensystem verbindet. Was sofort auffällt, ist die Weite: Endlos blickt man über die Wälder der Provinz Hedmark bis hinüber ins schwedische Dalarna. Vereinzelt schauen rechts und links zwischen Bäumen die hölzernen Giebel der Häuser aus dem tiefen Schnee hervor. Die Skifahrer und Langläufer, die wir auf dem Weg zum ersten Lift treffen, lassen sich an einer Hand abzählen.

Alpenfeeling: Auch hoch oben in Norwegen scheint die Sonne. © Philipp Olsmeyer, Ola Matsson/NORR

ch denke an das silhouettenreiche Panorama der Alpen und das lebhafte Treiben in den Skiorten. Auf schattige Täler und das Gedränge an der Gondel lässt sich natürlich gut verzichten, dennoch ist die Leere des Fjells bei aller Schönheit auch gewöhnungsbedürftig. Das Auge vermisst die Anhaltspunkte in der Landschaft, das Herz die alpine Gemütlichkeit. Wer Skiurlaub in Skandinavien macht, sollte sich in der Weite wohlfühlen.

Alpen-Feeling mit Elchburger

Das familienfreundliche Fageråsen-Gebiet wird zu unserer Basis. Hier startet und endet die Skischule. Am Rande gibt es eine Grillstube, in der wir unsere Würstchen brutzeln, und eine hölzerne Sitztribüne, von der wir Ausschau nach den Kindern halten, während die Sonne unser Gesicht wärmt. Pelle weitet seinen Aktionsradius immer weiter aus, Henry fährt unermüdlich in Sichtweite den Tellerlift rauf und die einfachen Pisten daneben runter.

Während Ida die Stellung hält, schaffe ich mir einen ersten Eindruck des gesamten Areals. Mit dem Sechsersessellift geht es hinauf auf einen der beiden "Gipfel". Vom höchsten bis zum niedrigsten Punkt des Skigebiets sind es 685 Meter Höhenunterschied, die längste Abfahrt ist mit 5,4 Kilometern ausgewiesen. So bin ich auf dem Weg hinab zum "Turistcenter", dem Besucherzentrum, eine gute Weile unterwegs. Die Strecken im oberen Bereich sind breit, perfekt präpariert und jetzt, am Morgen, noch relativ leer und angenehm hart. Ich gebe ordentlich Gas und fahre in langen Kurven die vor allem roten Pisten hinab. Hier kommt teilweise richtiges Alpen-Feeling auf. In den tieferen, waldigen Abschnitten wird die Piste ein wenig voller und der Schnee weicher. Genau so habe ich die Talabfahrten seit jeher in Erinnerung.

Anspruchsvoll wird es vor allem im Bereich Høgegga, wo sich gleich mehrere schwarze Pisten durch die Schneisen ziehen. Hier sind unter anderem Slalom- und Riesenslalomstrecken installiert, an denen fleißig trainiert wird. Der Skirennsport hat in Trysil eine lange Tradition: An diesem Ort – und nicht etwa in den Alpen – fand 1855 das weltweit erste offizielle Skirennen statt. Und der im Jahre 1861 gegründete Wintersportverein "Trysilgutten" gilt als ältester Skiclub der Welt.