Ein Winterdienstag in Norditalien. Das Wassertaxi schwankt im Schritttempo durch eine vernebelte Landschaft. Im Schiffsbauch sitzen wir Touristen uns gegenüber wie im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis, unsere Gesichtsausdrücke lassen keinen anderen Vergleich zu. Draußen peitscht eine Mischung aus Gischt und Regen gegen die Plastikscheiben. Wir sind auf dem Weg nach Venedig.

Frierende Passagiere, irgendwo quetscht sich Fahrtwind durch schlecht verschlossene Fenster. Zwischen unseren Füßen wartet Handgepäck darauf, nach unserer Ankunft durch schmale Gassen und über kleine Brücken gezerrt zu werden. Hinter den beschlagenen Plexiglasfenstern zeichnet sich etwas ab, das sich zu dieser Jahreszeit nicht von der Mecklenburgischen Seenplatte unterscheidet.

"You see all that fog, Peter?", fragt eine leicht missmutige Dame ihren weißhaarigen Begleiter. "If there won’t be any sun, we could have stayed in Michigan. What do you think, Peter?" Peter antwortet nicht, er hat anscheinend nicht nur Angst vor dem Zahnarzt. Wir anderen denken sofort das Naheliegende: Wärt ihr doch in Michigan geblieben, dann wäre es in den kommenden Tagen nicht so voll in Venedig.

Irgendwann ruft der Schiffsführer mehrmals laut "Rialto!", wir erheben uns, nicken uns höflich zu, fädeln uns nach dem Reißverschlussprinzip ein und verlassen mit kurzen, vorsichtigen Schritten das Bootsinnere. Ein erster Stau an der kleinen Treppe nach oben, das erste Mal angerempelt werden, bloß nicht jetzt schon die Nerven verlieren, sagen wir uns, wir sind doch nicht zum ersten Mal hier und wissen, was uns auf dem Festland erwartet: Menschenmassen, der endgültige Test für jedes Nervenkostüm.

Wenn Venedig Karneval feiert, ist das für Touristen so etwas wie das Versprechen auf ein Spektakel. Seit Jahrhunderten hüllen sich Venezianer und ihre Gäste in farbgewaltige Umhänge, ziehen weiß- oder buntlackierte Masken über ihre Gesichter und bewegen sich langsam, erhaben und glitzernd durch die Stadt auf den Markusplatz zu. Denn genau dort, zwischen dem Campanile genannten Markusturm, dem Quadri Restaurant sowie dem weltberühmten Caffè Florian, in dem Touristen bereitwillig zehn Euro für eine Tasse Kaffee zahlen, konzentrieren sich die Feierlichkeiten.

Heutzutage sorgen vor allem Touristen dafür, dass die Karneval-Tradition nicht ausstirbt, die wenigen verbliebenen Venezianer scheinen die Lust daran verloren zu haben. Wer will es ihnen verdenken bei ungefähr 30 Millionen Besuchern pro Jahr. Für die Venezianer ist der Karneval nur ein weiterer Event, der ausgebuchte Hotels und verstopfte Stadtviertel bedeutet. Ich nehme mir also vor, dem Massenandrang zum Karneval kritisch und ablehnend zu begegnen.

Noch auf dem Bootssteg schaue ich mich um. Der Canal Grande, dem 90 Prozent aller Touristen intuitiv ein E andichten, liegt wenig befahren in seinem vier Meter tiefen Bett und friert. Der Wetterbericht hat Höchstwerte von sechs Grad Celsius, Nebel und dauerhaften Nieselregen angekündigt. Und der Himmel hält sich exakt daran.

Von der Rialtobrücke aus sind es per Schiff ungefähr zwei Kilometer bis hinunter zum Markusplatz, die Sicht endet jedoch bereits nach knapp 100 Metern. Nirgendwo die erwarteten farbenprächtigen Kostüme, keine Gondeln mit Casanova-Doppelgängern, keine Musik aus blechernen Lautsprechern, keine jubelnden Menschenmassen am Ufer. Überhaupt fällt vor allem das Fehlen von Touristen auf, das Paar aus Michigan und ich stehen einsam vor der Rialto-Haltestelle und trauen unseren Augen nicht.

Alles anders als erwartet

Jetzt muss ich aber erst einmal mein Hotel in einer der kleinen Nebenstraßen aufspüren. Das ist kompliziert, weil enge Bebauung und schlechter Handyempfang eine Navigation mit dem Smartphone nicht zulassen. Der blaue Punkt in der Karten-App springt selbst dann noch aufgeregt hin und her, wenn ich regungslos mitten auf einem Campo stehe. Fragen kann ich auch niemanden, es ist ja niemand da. Ist das wirklich Venedig?

Beim Einchecken habe ich meine Verwunderung nicht im Griff und frage den Empfangschef, wo die Menschen seien, wo die Maskierten, die Musik und die Feste auf den Straßen. Er schaut gelangweilt von seinen Unterlagen hoch. "I need your passport, Sir." Nach Erledigung der Formalitäten wird er gesprächiger: Die meisten Karnevalshöhepunkte seien auf die Wochenenden gelegt worden, deshalb herrsche unter der Woche und bei schlechtem Wetter Ruhe in der Stadt. Ich solle mich glücklich schätzen und Venedig neu kennenlernen, anstatt Masken nachzujagen, hinter denen man ohnehin nur Touristen finde.

Kurz überlege ich, ein Telegramm an die Redaktion zu schicken: Venedig unter der Woche leer, kaum Karnevalisten, Wetter nasskalt und trüb, alles anders als erwartet. Doch dann fällt mir ein, dass man heutzutage keine Telegramme mehr schickt und mir aus der Ferne ohnehin niemand helfen kann. Stattdessen will ich meinen ersten Eindruck auf dem Markusplatz überprüfen – es wäre zu früh für ein Fazit.

Gondeln auf dem Canal Grande. So voll wird es nur, wenn Sonne und Wochenende zusammenkommen. © Marco Secchi/Getty Images

Die kleinen Straßen von San Marco sind fast menschenleer, obwohl es Nachmittag ist und noch hell. In den Türen der Geschäfte stehen Verkäufer und starren rauchend in den Nieselregen. Vom Hotel bis zum Markusplatz brauche ich zu Fuß keine fünf Minuten. Für die gleiche Strecke benötigt man in der Hochsaison mindestens vier Mal so lang.

Plötzlich stehe ich einem zwei Meter großen Wesen gegenüber. Es ist ganz in Gold gekleidet, sein Gewand reicht bis zum Boden, seine Maske glänzt einen unveränderlichen Gesichtsausdruck, eine imposante Erscheinung. Wir bewegen uns nicht. Ich bin verunsichert und weiß nicht, ob ich etwas sagen oder bloß dämlich winken soll, also zücke ich mein Mobiltelefon und fotografiere. Und als handele es sich um ein verabredetes Zeichen, setzt sich das Wesen kurz darauf wieder in Bewegung, läuft stumm an mir vorbei und verschwindet im Nebel.

Auf dem Markusplatz angekommen verdeckt eine große Holzbühnenkonstruktion den Blick auf das Gebäude, das den Platz zu drei Seiten hin begrenzt. Über der Bühne schwebt ein überdimensionierter Flachbildfernseher, auf dem in Endlosschleife Karnevalshöhepunkte gezeigt werden. Das Video vermittelt den Eindruck, als sei ganz Venedig ein Fest aus Farben und Jubel, während auf der Bühne darunter gar nichts passiert.

In meinem Rücken wartet der Dogenpalast auf Besucher. In den Sommermonaten müssen Touristen hier anstehen, nicht selten zwei Stunden lang. Heute gibt es keine Warteschlange, ich zahle 19 Euro Eintritt und betrete den Innenhof. Er ist menschenleer, genau wie die prunkvollen und mit Decken- und Wandmalereien verzierten Säle im ersten Stock. Irgendwann stehe ich alleine im Inneren der Seufzerbrücke und frage mich, ob ich so kurz vor Schließung der einzige Besucher bin.