Street-Art im Algarve-Style: Blau auf Kalkweiß © Marc Peschke

Wenn es stimmt, dass an der Algarve europaweit die meisten Sonnentage gezählt werden, dann macht dieser Februar keine Ausnahme: In Lagos an Portugals Südküste brennt die Sonne schon früh im Jahr mit ungewöhnlicher Wucht auf uns herunter. Die 30.000-Einwohner-Stadt dümpelt müde in der Wärme der Mittagsstunden und bewegt sich kaum. Nichts los ganz im Westen Europas. Wie schön.

Ana, unsere Vermieterin, betreibt seit ein paar Jahren ein kleines Hostel in Lagos. Sie mag diese Zeit des Jahres. Im Sommer komme jeder, sagt sie. Jetzt nur die Individualisten. Als Kind war sie oft an der Costa Vicentina, der dünn besiedelten Westküste, die sich vom Cabo de São Vicente bei Sagres, dem südwestlichsten Punkt des Kontinents, nach Norden bis Sines zieht. So einsam, so großartig sei es da, dass man fast weinen müsse. Sie strahlt, während sie von der Landschaft erzählt.

Wir fahren also schon am nächsten Morgen über Aljezur eine steile, felsige, sturmumtoste Küste hinauf und tatsächlich wird es mit jedem Kilometer stiller. Es ist eine herbe, nordisch anmutende Landschaft. Dann wieder durchqueren wir mediterrane, hügelige, dichte Korkeichenwälder bis nach Odeceixe, ein Städtchen mit 1.000 Seelen an der Grenze zum Alentejo, über dessen nachmittäglicher Schläfrigkeit eine alte Windmühle wacht. Große Palisanderholzbäume lassen uns die ganze Szenerie südamerikanisch erscheinen.

Die Einsamkeit ist vollkommen, dabei sind wir nur etwa eine Stunde Autofahrt entfernt von den großen Touristenorten der Algarve, die keinen guten Ruf genießen: Albufeira oder Portimão mit ihren Bettenburgen, ehemalige Fischerorte, wo heute kaum noch einer von dem lebt, was er aus dem Meer holt.

Später sitzen wir bei Bier und Thunfischsandwich am Strand in Sagres und beobachten die Surfer, die sich heute über imposante Wellen freuen können. Die Männer und Frauen in Neopren kommen in ihren Campingbussen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien, sogar aus Skandinavien. Mit all ihren Surfern zeigt sich die Region wieder von einer ganz anderen Seite, nur die Sonne und den Wind, die kennen wir schon.

Hier sind die Wellen perfekt

Marvin aus Rostock ist einer von ihnen, wann immer es geht, fährt er die Monsterstrecke mit seinem Bus hier runter. Portugal ist immer noch günstig, die Sonne scheint mit 3.000 Sonnenstunden jährlich und die Wellen der südwestlichen Algarve sind perfekt, wie uns der langhaarige Blonde erklärt, im Winter sei die Dünung besonders ausgeprägt. Dann sagt er tschüss, schnappt sich sein Brett und paddelt mit 1.000 Mal ausgeführten Zügen unter den Wellen hindurch raus aufs Meer.

Abends sind wir wieder in Lagos und können uns kaum entscheiden, wo wir zu Abend essen wollen. Auch jetzt im Winter ist die Auswahl an Restaurants groß, viele haben portugiesische Klassiker auf der Karte: Fischsuppe, gegrillte Makrele oder Goldbrasse, Reis mit Meeresfrüchten, Krabben, scharfes Piri-Piri-Hähnchen und, natürlich, Rotwein aus der Gegend – oder vom Douro im Norden.

Unser Lieblingslokal hat gleich zwei Fernseher und einen kleinen, aber liebevoll gestalteten Cristiano-Ronaldo-Altar. Der Wirt ist überzeugter "Sportinguista". Übersehen kann man das nicht, es gibt kein Eckchen, das nicht zur Verehrung von Sporting Lissabon genutzt wird.

Dabei spielt Ronaldo schon lange nicht mehr bei Sporting, 2003 ging er zu Manchester United, heute spielt er bei Real Madrid im benachbarten Spanien. Aber es fing bei Sporting an, 2002 hatte Ronaldo sein Profi-Debut in Lissabon. Ob er von dem Wechsel gar nichts gehört habe, fragen wir unseren Wirt im Scherz. Da lacht er, schüttelt sich geradezu und sagt, dass Portugal seine besten Männer nicht halten könne. Das sei schon immer so gewesen und nicht nur im Fußball. Weil uns darauf nichts wirklich Passendes einfällt, bestellen wir schnell einen Medronho, einen Schnaps aus der Frucht des Medronho-Baumes, der hier in der Gegend gebrannt wird.

Die Wände sind Jahrhunderte alt, die Kunst darauf ist ständig im Wandel. © Marc Peschke

Später fällt uns ein, dass wir schon mal vom Exodus portugiesischer Männer gelesen haben. Lídia Jorge, die 1946 in Boliqueime geborene und bekannteste Autorin der Algarve, hat es in ihrem Buch Die Decke des Soldaten beschrieben. Sie erzählt darin von einer Bauernfamilie während der Salazar-Diktatur, deren Männer in die USA auswanderten. Der Roman ist nicht nur autobiografisch geprägt: Er steht stellvertretend für die Geschichte Portugals, dem Land der Auswanderer und Einwanderer – bis heute. In den vergangenen Jahren flohen wieder viele aus dem krisengeschüttelten, strukturschwachen Staat im Süden Europas. Vor allem die Jungen.

Der Sklavenmarkt steht noch

Früher ging man aus ganz anderen Gründen von hier fort, man wollte fremde Länder unterwerfen. Lagos wurde im 15. Jahrhundert unter Prinz Heinrich dem Seefahrer zu einem Startpunkt vieler Entdeckungsreisen. Von hier aus etwa eroberte Rui de Sequeira 1472 eine Festung im heutigen Nigeria und nannte sie Lagos. Dieses Lagos hat heute rund 13 Millionen Einwohner und ist die größte Stadt des Landes.

Das portugiesische Lagos wiederum wurde zur Drehscheibe des Handels mit afrikanischen Sklaven, der erst 1820 verboten wurde. Der ehemalige Sklavenmarkt steht immer noch. Mit seinen Arkaden ist er nur eines von vielen gut erhaltenen historischen Bauten in der teils von einer Stadtmauer umschlossenen, herrlich verwinkelten Altstadt. Und mit der Igreja do Santo António hat die Altstadt eine der schönsten Barockkirchen der Region zu bieten.

Sakrale Kunst kann man in Lagos bestaunen, aber auch Street Art: Das LAC, Laboratório de Actividades Criativas, mit seinen Atelierräumen in den Zellen eines ehemaligen Gefängnisses ist das Epizentrum der Szene. Das LAC will zeitgenössische Kunst jenseits der großen Städte fördern, erfahren wir am nächsten Abend bei einer Vernissage, bei der Wandskulpturen von A. Pedro Correia gezeigt werden, einem Künstler, der 1961 in der ehemals portugiesischen Kolonie Angola geboren wurde.

Correias Objekte bestehen aus verschiedenen Materialien wie Stein, Keramik, Metall oder Fiberglas. Vielen ist gemein, dass sie aus der Wand zu wachsen scheinen wie ein Pilz oder eine Flechte. Dabei sind sie oft sehr bunt. Correiras Kunst ist konzeptioneller Natur: Immer sind es physikalische Vorgänge, die ihm Anlass zu künstlerischen Recherchen sind. Wie andere Künstler vor ihm wurde Correia im Rahmen eines Stipendiums nach Lagos eingeladen, um hier zu leben und zu arbeiten. Das Ergebnis kann man an vielen Orten in der Altstadt und in den Vierteln der Neustadt bestaunen: Wandmalereien von erstaunlicher Größe und Originalität – inzwischen sind es so viele, dass es einen Street-Art-Guide gibt, um die besten zu finden.