VR-Brillen schaffen die Illusion, sich in einem dreidimensionalen Raum zu bewegen. © Scott Eisen/Getty

Wer ein Urlaubsziel sucht, hat viele Möglichkeiten. Er kann Empfehlungen von Freunden und Bekannten einholen, im Internet recherchieren, Kataloge wälzen, sich im Reisebüro beraten lassen. Oder eine VR-Brille aufsetzen und sich schon mal am Strand, im Hotel oder auf dem Kreuzfahrtschiff umsehen, das er vielleicht buchen möchte.

Die Abkürzung VR steht für virtuelle Realität. In der Reisebranche ist VR derzeit einer der spannendsten Trends. In diesem Jahr werden zahlreiche ITB-Aussteller damit für ihre Angebote werben, zum Beispiel Lufthansa, Tui Cruises oder die Hängeseilbrücke Geierlay im Hunsrück. Messebesucher erhalten an den Ständen einen virtuellen Vorgeschmack auf etliche Reiseziele. Die dafür notwendigen, klobigen Geräte sehen ein bisschen aus wie Taucher- oder Skibrillen, sie heißen Oculus Rift, Samsung Gear VR oder auch Zeiss VR One. Statt Gläsern hat eine VR-Brille einen Bildschirm, außerdem registriert sie die Kopfbewegungen ihres Trägers. Die Filme und Foto-Panoramen bieten einen 360-Grad-Rundumblick. "Man kann sich drehen, umschauen und dadurch viel stärker in den Raum eintauchen als bei einem Video, das nicht interaktiv ist", sagt Michael Faber von der Beraterfirma Tourismuszukunft. Ob das nun karibische Traumstrände oder imposante Gletscher sind.

Die Reisebranche setzt einige Hoffnungen auf VR. Die Technologie soll den Kunden veranschaulichen, was sie am Urlaubsort erwartet – zum Beispiel, wie der Wellness-Bereich eines Hotels oder der Ballsaal eines Kreuzfahrtschiffes aussieht. Katalogtexte und Internet-Bewertungen mögen zwar viele Zahlen und Fakten bieten. Doch lassen sich die Urlaubsziele mit den 360-Grad-Aufnahmen deutlich besser "emotionalisieren", wie es im Branchenjargon heißt. Marktstudien legen nahe, dass die Konsumenten gegenüber VR sehr aufgeschlossen sind. Schließlich kommt die Technologie auch verstärkt in anderen Bereichen zum Einsatz, etwa in Kinos oder bei Computerspielen.

Immer mehr Apps

Auch die Verbreitung der Brillen wächst kontinuierlich. Zwar erscheint die finale Fassung der Oculus Rift erst im April, bis jetzt sind nur Vorabversionen in Umlauf. Doch mit Halterungen wie dem Google Cardboard lassen sich auch Smartphones zu VR-Brillen umfunktionieren. Samsung verkauft sein neues Modell S7 gleich im Paket mit der Brille Gear VR. Bereits jetzt gibt es in den App Stores von iOS und Android zahllose VR-Anwendungen – und eben auch 360-Grad-Apps für Reisefans. "Gerade für Reisebüros ist VR eine sehr spannende Sache", sagt Michael Faber. "Das Reiseziel kann mit VR-Inhalten besser visualisiert werden als mit Fotos oder herkömmliche Filmen."

VR-Filme werden mit 3D-Kameras gefilmt und besitzen eine starke Tiefenwirkung. Auch Rundum-Fotos offenbaren durch die Wahl des Blickwinkels viele Details. "Für unsere 360-Grad-Panoramen nutzen wir Spiegelreflexkameras", sagt Andreas Weigel von der Firma Diginetmedia. "Die Kamera wird um jeweils 60 Grad gedreht, anschließend fügen wir die Fotos am Computer zusammen." Diginetmedia erstellt virtuelle 360-Grad-Touren für Tourismus-Unternehmen wie Aida, Hapag-Lloyd oder die Kempinski Hotels. Reisebüros wiederum können die VR-Datenbank abonnieren und ihren Kunden ausgewählte Reiseziele präsentieren. Manche Reisebüros verleihen auch Cardboard-Brillen, damit Kunden sich die Orte in aller Ruhe zuhause anschauen können. Und bei der Rückgabe der Brillen vielleicht eine Reise buchen.

Virtuelle Touren sind aber nicht nur für VR-Brillen geeignet, sie kommen auch immer häufiger im Webbrowser zum Einsatz. Unternehmen wie Aida oder Aldiana bieten auf ihren Websites zahlreiche Rundgänge an. Für das luftige Panoramafoto eines Wüstenhotels in Abu Dhabi nutzte Diginetmedia eine Kameradrohne. Interaktiv werden die virtuellen Rundgänge durch sogenannte Hotspots: Das sind Kamerastandpunkte, die der Nutzer per Blick (VR-Brille) oder Mausklick (Browser) direkt anwählen kann. "Für die virtuelle Tour auf der 'Mein Schiff 4' haben wir rund 250 Einzelpanoramen miteinander verknüpft. Das Schiff ist dadurch komplett erkundbar", so Weigel. 

Virtueller Schiffsrundgang

Die Produktion von VR-Videos ist derzeit noch recht aufwendig und teuer. ITB-Besucher können sich einen 360-Grad-Film in der Bayern-Halle anschauen, am Stand der Ammergauer Alpen GmbH. Die kleine Region im Landkreis Garmisch-Partenkirchen hat pünktlich zur Messe einen Werbefilm mit dem Titel "Bayerisch Reality" produzieren lassen (Premiere: 9. März). Der viereinhalbminütige Streifen handelt von einer bayerischen Studentin, die zu einem Auslandssemester aufbricht – damit sie kein Heimweh bekommt, produzieren ihre Eltern ein Erinnerungsvideo in 3D. Es zeigt verschiedene Facetten der Region: eine Fahrt mit der Sommerrodelbahn "Alpine Coaster", das Konzert einer Blaskapelle, ein Versteckspiel im Wald und einen Ballonflug mit Bergpanorama.

"Bayerisch Reality" setzt stark auf Interaktion: "Wir wollen die Nutzer dazu bringen, sich zu bewegen, sich umzudrehen", sagt Christian Loth, Geschäftsführer der Ammergauer Alpen GmbH. Sehr gut funktioniert das etwa beim virtuellen Versteckspiel im Wald, bei dem auch die dreidimensionale Tonkulisse wichtig ist. Zum Film gibt es ab Messebeginn auch Begleit-App namens ammergau360.de. Loth zeigt sich von VR überzeugt: "Wir können Gäste damit besser erreichen als mit jedem anderen Werbemittel, das es bisher im Tourismus gab."

Virtual Reality wird für die Reisebranche immer wichtiger werden, glaubt Tourismus-Experte Faber. Auch Augmented Reality (AR) werde an Bedeutung gewinnen: Die Möglichkeit, zu einem Reiseziel digitale Zusatzinfos einzublenden, etwa über eine Brille mit entsprechendem Display. Für unwahrscheinlich hält Faber, dass die Menschen irgendwann nur noch auf dem Sofa sitzen und 3D-Reisevideos schauen, anstatt tatsächlich zu verreisen: "Ich glaube nicht, dass Erleben vor Ort – das Gefühl von Neugier und Fremdheit – durch Virtual Reality ersetzt werden kann." Die ITB gibt jedenfalls einen Vorgeschmack auf die Zukunft des Reisens.