Die Berge in und um Seoul prägen seine Skyline. © Ed Jones/Getty Images

Vom Gipfel des Bukhansan, Seouls höchstem Berg, sieht die Stadt eigentlich ganz friedlich aus. Der Dunst verschluckt alles Grelle und die Entfernung lutscht die Ecken der Hochhäuser rund, rauschen tut hier nur der Wind.

Steht man mittendrin, eingequetscht zwischen 25 Millionen Menschen, ist Seoul anders: da sind glitzernde Rauchglasfassaden, windschiefe Wellblechhütten, parfümierte Shoppingmalls, nach Trockenfisch stinkende Markthallen, plastikbestuhlte Soju-Kneipen und lederbecouchte Karaokekeller. Da liegt das schnellste Internet der Welt in der Luft und Brücken, von denen so viele Menschen in den Tod springen, wie in keinem anderen entwickelten Land der Welt. Südkoreas Hauptstadt ist ein Moloch, und es ist kaum zu glauben, wie leicht man ihm entkommt: nach oben.

Denn in Seoul kratzen nicht nur die Häuser am Himmel, sondern auch ein Dutzend Berge. Der Bukhansan ist der höchste von ihnen, 836 Meter, sein Gipfel aus sandfarbenem Granit ragt weithin sichtbar aus dem Grün ringsum. Auf halber Höhe trotzt eine Burg der Zeit, die vor fast 2.000 Jahren zur Verteidigung Seouls angelegt wurde, über den Bergrücken schlängelt sich ein Teil der Stadtmauer. Und im buddhistischen Tempel am Fuß des Massivs steht ein Schrein, der dem lokalen Berggeist, dem Sanshin, gewidmet ist.

Wer den Bukhansan bezwingt, entsteigt dem Heute und klettert in ein längst vergangenes Korea.

Unten braucht man dazu noch ordentlich Vorstellungskraft. Der Berg scheint mitten aus einer Einkaufsmeile zu wachsen, auf der sich Schnellrestaurants, Supermärkte und Outdoor-Ausrüster  abwechseln. Man geht über den sauber gefegten Parkplatz eines Wanderausstatters und ist geblendet vom Neon der Windjacken, die vor der Tür auf einer Stange hängen. Am Straßenrand stehen Automaten mit gekühlten Isodrinks und senden ihr Summen aus. 

Besäufnis auf dem Gipfel

Wer auf den wenigen Hundert Metern vom Bus zum Parkeingang feststellt, dass die Schuhe drücken, dass er Hut, Stöcke oder Sonnenschutz vergessen hat, oder noch schlimmer: Makgeoli, den milchigen, süßen Reiswein für das traditionelle Besäufnis auf dem Gipfel, der kann hier aufrüsten. Der Übergang vom Konsum in die Natur ist abrupt.

Der Weg nach oben folgt einem Fluss, sein felsiges Bett ist glatt gewaschen, sein Wasser kalt. Links und rechts liegen rund geschliffene Granitbrocken wie riesige Kiesel, manchmal stapeln sie sich, und es sieht so aus, als seien sie aneinandergeklebt. Die Zedern stehen dicht. Später schwindet der Schatten, die Bäume ziehen sich bis auf kleine Inseln zurück, der Weg ist purer Fels jetzt und stellenweise so steil, dass man sich mit beiden Händen am Geländer aus dicken Stahlseilen hochziehen muss. Die letzten Meter kosten am meisten Kraft und Zeit. Ganz oben dann weht die südkoreanische Flagge und in den letzten Stein unter den Wolken ist eine Zahl gemeisselt, 836m steht da.

Der Gipfel des Bukhansan ist ein Ort von nationaler Bekanntheit. Der gleichnamige Nationalpark im Norden Seouls ist 80 Quadratkilometer groß und zieht im Jahr mehr Besucher an als der weltberühmte Grand Canyon. Südkorea ist ein Land der Wanderlust. 70 Prozent der koreanischen Halbinsel ist bergiges Terrain, Bergsteigen so populär wie nirgends sonst in Ostasien. 

Abseits der Berge gräbt sich Seoul immer tiefer in die Erde. Die Stadt hat den größten unterirdischen Universitätscampus der Welt, Sous-Terrain-Shoppingmalls und ein Metronetz, das von unzähligen Fußgängertunneln komplettiert wird, die, flankiert von allen möglichen Geschäften und allen unmöglichen, beinahe überall hinführen. Man muss kaum noch aus den mit Neonlicht beschienen Stollen aufsteigen, um sein Ziel zu erreichen. So unterläuft man den feuchtheißen Sommer, in dem sich Seoul anfühlt wie ein Hitzegewitter. Und den eisigen Winter auch, wenn das Wetter nichts Besseres zu tun hat, als den ganzen Weg aus Sibirien herunterzukommen.

Hitze, Regen, Schnee

Auf dem Bukhansan ist alles anders. Hier oben regieren die Jahreszeiten, hier verschanzt sich, mitten in Seoul, die Ahnung einer Schöpfung jenseits von Samsung und Hyundai. Hitze, Wind, Regen, Schnee, alles echt hier, und in der Nacht die Sterne, die, so erzählen es sich die Koreaner seit Generationen, nur die Splitter von Sonnen und Monden sind, derer es einst viele gab, bis Mireuk, der Erschaffer, sie zerschlug. Wie wir wissen, ließ er je einen Himmelskörper übrig.

Der Weg zum Gipfel des Bukhansan ist felsig. © Alexander Krex

Für Seoulitans, die als notorisch überarbeitet gelten, sind ihre Berge die immerzu sichtbare Alternative zum Leben in der Stadt, die sich nach dem Koreakrieg 1953 wie im Zeitraffer modernisiert hat. Wer weiß, wie viele Anzugträger jeden Tag sehnsuchtsvoll aus den Fenstern ihrer Büros schauen und den gezackten Horizont hinter den Glastürmen fixieren. Selbst im Ausgehviertel Gangnam, grell und teuer und antiseptisch, spürt man die Präsenz der Berge. Allerdings wirken sie von hier aus wie aufgestellt, als wären sie bloß Kulisse, erfunden von einer ambitionierten Werbeagentur, die Touristen nach Seoul locken soll.

In der Stadt, wo sich die Teenies in ihren Smartphones dauerbespiegeln und die Erfolgreichen in den getönten Scheiben ihrer SUVs, zählt, was du hast. Dass die dicken Autos kaum durch die gewundenen Gassen abseits der Hauptstraßen passen: egal. Dass der Sohn bis Mitternacht am Schreibtisch sitzt, um sich irgendwann genau so ein Auto leisten zu können: notwendiges Übel. Der gnadenlose Bildungswettbewerb Südkoreas ist berüchtigt.

Was Berg ist, bleibt am Berg. © Alexander Krex

Am Berg geht es ausnahmsweise einmal nicht darum, der Erste zu sein, der Aufstieg ist ein gemeinschaftliches Erlebnis. An den Wochenenden ist das gut zu beobachten, wenn sich große Wandergruppen zum Gipfel aufmachen, so schnell wie der Langsamste unter ihnen. Gerät man als Einzelner dazwischen, bleibt einem auf den schmalen Wegen nichts anderes übrig, als sich dem Takt anzupassen. Und auch ohne sie zu verstehen, fängt man bald an, den Gesprächen zu lauschen, die über mehrere Köpfe hinweg geführt werden. Ein Wanderer ruft in Laufrichtung bergauf, ein anderer über die Schulter zurück ins Tal.

Verstärkt wird das Gefühl der Zusammengehörigkeit noch durch die beinahe uniforme Funktionskleidung, auf die Koreaner größten Wert legen. Kaum einer, der nicht bis zu den Schnürsenkel dem neuesten Trend entsprechend ausgerüstet ist. Notwendig ist das nicht, eher ein Ritual, ein sichtbarer Bruch mit dem Alltag und der Stadt dort unten. Wie die Luftdruckpistole am Ausgang des Nationalparks, mit der man sich nach der Rückkehr vom Gipfel den Schlamm und den Staub von den Wanderschuhen pustet. Was Berg ist, bleibt am Berg. Es wird nicht in die Stadt getragen. In Seoul achtet man sehr genau darauf, beide Welten zu trennen.