Nick Page ist ein heiterer Neuseeländer mit sonnenverbranntem Gesicht, schwarzen Locken – und der Lizenz zum Töten. In seiner Hand hält er ein Foto des meistgesuchten Wesens auf der Seychellen-Insel Assumption: des Rotohrbülbüls. Seit 2013 haben Naturschützer auf dem sieben Kilometer langen Landstreifen 5278 Rotohrbülbüls erlegt. Nur einer lebt noch. Page hatte Nummer 5279 bereits zweimal im Visier, kam aber nicht zum Schuss. Er nimmt an einem Ausrottungsprojekt mit einer ganz speziellen Zielsetzung teil: dem Schutz der heimischen Tierwelt.

Es war womöglich der eigene Freiheitsdrang, der die Rotohrbülbüls auf die "Most wanted"-Liste gebracht hat. Die Vögel wurden von Guano-Sammlern aus Mauritius nach Assumption mitgebracht. Ob sie aus ihren Käfigen entwischten oder ausgesetzt wurden, ist nicht klar, jedenfalls kamen sie frei, vermehrten sich schnell – und aus den geselligen Hausgenossen wurde eine Bedrohung. 

Eine Bedrohung nicht unbedingt für Assumption, sondern für die Tierwelt auf dem 28 Kilometer weiter nördlich gelegenen Aldabra. Das westlichste der 115 Seychellen-Eilande und Atolle im Indischen Ozean ist eines der wichtigsten Naturschutzgebiete der Welt. Zu seinen Schätzen gehört ein anderer Bülbül, der Rotschnabelbülbül. Naturschützer fürchten, der Rotohrbülbül könnte es über das Meer schaffen und dann mit dem Aldabra-Rotschnabelbülbül und anderen heimischen Vogelarten um das begrenzte Futterangebot konkurrieren, auf einheimische wirbellose Tiere Jagd machen und die Samen inselfremder Pflanzen verbreiten.

Töten, um zu schützen

Eine Vogelart zur Rettung einer anderen liquidieren? Kritiker betonen, dass es doch die menschliche Einmischung war, die das Ökosystem durcheinandergebracht hat. Der Versuch, nun die ursprüngliche Natur wiederherzustellen, sei nichts anderes als ein weiterer schädlicher Eingriff des Menschen. Die Verteidiger der Renaturierung sehen das anders. Ihr Prinzip lautet: "Mach heil, was du kaputt gemacht hast." Wie dem auch sei: Nick Page jedenfalls erschießt zehn Tage später den letzten Rotohrbülbül. 

Schützenswertes gibt es auf den Seychellen zur Genüge, besonders auf den östlichen Inseln. Diese Inseln bestehen aus Granitgestein, sie sind die Bergspitzen einer unter Wasser liegenden Landmasse, die sich mit Indien und Madagaskar vor 125 Millionen Jahren vom Großkontinent Gondwana abspaltete und dabei die alte Flora und Fauna mitnahm. Die Inseln waren nach der Abspaltung weitgehend isoliert, nur gelegentlich kamen Zuwanderer, und so entstand im Lauf der Evolution ein biologisches Raritätenkabinett, mit zahlreichen endemischen Arten, mit Arten, die es auf der Welt nur hier gibt.

Und jedes der Eilande hat seine Eigenheiten. Frégate zum Beispiel ist ein einzigartiges Refugium für seltene Arten. Dazu gehört der Seychellendajal. Sein zutrauliches Wesen hat ihn zum Liebling der Menschen gemacht. Trotzdem gab es Mitte der Sechzigerjahre weltweit höchstens noch 15 Exemplare. Sie lebten ausschließlich auf Frégate. Zu ihrer Rettung starteten Naturschützer ein umfassendes Projekt: Wild lebende Katzen, die Jagd auf die Vögel machten, wurden ausgerottet.

Für Menschenaugen weniger attraktiv, aber für die Ökologie von Frégate enorm wichtig sind die endemischen Seychellen-Riesentausendfüßer: schwarz glänzend, fingerdick, bis zu 15 Zentimeter lang. Ökologen haben errechnet, dass die hungrigen Tausendfüßer in diesem Wald in 24 Stunden ein Fünftel aller heruntergefallenen Blätter fressen und dem Boden wieder als Dünger zuführen.

Richtige und falsche Pflanzen

"Es gibt kaum eine Handvoll Inselgruppen, die ähnlich artenreich sind wie die Seychellen", sagt der Ökologe Christopher Kaiser-Bunbury. Er sucht auf der Hauptinsel Mahé nach Quallenbäumen. Wie auf vielen ökologisch geschädigten Inseln findet man die ursprünglichsten Arten weit oben – auf Bergspitzen. Weltweit sind weniger als zwei Dutzend Exemplare des Baums bekannt – und sie alle wachsen auf diesem Felsen. Aber vom Quallenbaum keimen nur wenige Samen. Es wird lange dauern, bis die bedrohte Art wieder einen stabilen Bestand hervorgebracht hat.

Weiter unten, im Regenwald, vernichten die Arbeiter eingeschleppte fremde Pflanzen. Sie sollen Lebensraum schaffen für endemische Gewächse wie die fleischfressende Kannenpflanze. Kaiser-Bunbury sagt, dass das Ziel der Renaturierung die Erneuerung eines intakten Ökosystems sei. Die Menschen auf der Insel Aldabra erleben diese Einheit täglich, sogar in ihren Wohnungen. Eine Riesenschildkröte, die in der Nähe der Forschungsstation lebt, hat gelernt, wie sie die Treppen hochkommt, wenn sie einen Schluck Wasser braucht.  Auf Aldabra leben mehr Schildkröten, als die Seychellen Bewohner haben. Alles an den Tieren wirkt urzeitlich, sogar das knarzende Geräusch, wenn sie gehen. Amselgroße, schwarze Vögel, die Aldabra-Drongos, lassen sich auf den Schildkrötenrücken tragen und halten nach Insekten Ausschau, die von den Riesen aufgeschreckt werden.

In Victoria, dem historischen Zentrum der Insel Mahé, steht eine Kirche mit einer ungewöhnlichen Uhr. Sie schlägt zweimal: einmal zur vollen Stunde und ein paar Minuten später erneut. Ein zweites Läuten für eine zweite Chance, für die Rettung des Dajals, der Riesentausendfüßer und Kannenpflanzen. 

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe März 2016