Istanbul © Chris McGrath/Getty Images

Ein oder zwei Ehrenrunden über dem Meer vor dem Landeanflug gehörten in den vergangenen Jahren zur Routine für Piloten von Passagiermaschinen, die den Atatürk-Flughafen in der türkischen Metropole Istanbul ansteuerten. Wegen der jährlich fast zwölf Millionen Touristen in der Stadt war der Airport chronisch überlastet, so dass sich am Himmel über dem Bosporus die Flugzeuge stauten.

Umso überraschter reagierte ein Flugkapitän vor einigen Tagen, als er vom Tower die Erlaubnis zur sofortigen Landung erhielt, weil weit und breit keine andere Maschine unterwegs war. "So leer habe ich Istanbul noch nie gesehen", sagte der Pilot, dessen Funkverkehr mit dem Flughafen-Personal an die Presse durchsickerte. "Wir sind selber überrascht", lautete die Antwort.

Terroranschläge, der nahe Syrien-Krieg, die Flüchtlingskrise und der Imageverlust der Türkei wegen des Vorgehens der Regierung gegen ihre Kritiker lassen die türkische Tourismusindustrie in die Krise schlittern. Dem Selbstmordanschlag von Sultanahmet vom Januar, bei dem zwölf deutsche Touristen starben, folgte am 18. Februar das Selbstmordattentat von Ankara mit 28 Toten. Seit dem Abschuss einer russischen Militärmaschine durch die türkische Luftwaffe an der Grenze zu Syrien im November bleiben die russischen Besucher aus.

Auch der Druck der Regierung auf Kritiker von Präsident Recep Tayyip Erdogan kommt ausländischen Reiseunternehmen und Besuchern nicht gut an. Insider berichten von Absagen, die mit Erdogans Politik begründet würden.

Weniger als 50 Prozent Belegung

"Es gibt drastisch weniger Touristen", sagt ein Istanbuler Reiseführer, der schon viele Höhen und Tiefen der Branche erlebt hat. Normalerweise, so berichtet der Mann, der namentlich nicht genannt werden will, brechen Anfang März in Istanbul jeden Tag Reisebusse mit jeweils 35 Passagieren zu Anatolien-Rundreisen auf. "Derzeit sind es etwa zwei Busse pro Woche mit jeweils 12 Leuten", sagt er. Einige Reiseunternehmen können seit Monaten keine Löhne mehr auszahlen.

Die Belegungsrate in Istanbuler Hotels ist auf weniger als 50 Prozent abgesackt. Zum ersten Mal seit Jahren verzeichnete die Stadt im Januar und Februar einen Rückgang der Besucherzahlen im Vergleich zum jeweiligen Vorjahreszeitraum.

Außerhalb von Istanbul sieht es nicht besser aus. In der Ferienstadt Marmaris stehen nach Angaben von Maklern rund 70 Prozent der Hotels zum Verkauf. Viele Betreiber können ihre Kredite nicht mehr bedienen, weil die Gäste ausbleiben. Besonders schmerzhaft ist das Ausbleiben der russischen Besucher, die bisher nach den deutschen die zweitstärkste nationale Gruppe der Türkei-Touristen bildeten. In der Urlauberhochburg Antalya fiel die Zahl der russischen Besucher im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat um 81 Prozent – eine Katastrophe für die Hoteliers dort.

Schon gegen Ende des vergangenen Jahres machte sich die Krise bemerkbar. Die Zahl der ausländischen Besucher ging nach jahrelangen Steigerungsraten erstmals um 1,6 Prozent auf 36 Millionen Menschen zurück. Die für die türkische Wirtschaft sehr wichtigen Einnahmen aus dem Fremdenverkehr fielen um mehr als acht Prozent. In diesem Jahr zeichnet sich ein weitaus stärkerer Rückgang ab: Die Investmentbank JP Morgan rechnet mit einem Minus von 15 Prozent bei den Einnahmen. Oppositionspolitiker sprechen von der Gefahr eines "verlorenen Jahres" für den Tourismus.

Schlechte Aussichten, wohin man auch blickt: TUI, der weltgrößte Reisekonzern, meldet einen Einbruch von 40 Prozent im Türkeigeschäft, Kreuzfahrtgesellschaften streichen türkische Häfen aus ihren Programmen, internationale Organisationen meiden die Türkei wegen der angespannten Sicherheitslage. So stornierte der Internationale Verband für Politikwissenschaft (IPSA) seinen in Istanbul geplanten Weltkongress. Laut Presseberichten wurden allein in Istanbul in den ersten zwei Monaten des Jahres acht große Kongresse abgesagt.

Die Regierung in Ankara reagierte mit einem 70-Millionen-Euro Hilfsprogramm für die Branche, zu dem unter anderem Flugkosten-Subventionen gehören. Doch das reicht bei weitem nicht aus, sagen Branchenvertreter.

Die Handelskammer von Antalya schlägt deshalb vor, das ramponierte Image des Reiselands Türkei mit Hilfe von Konzerten internationaler Stars aufzupolieren. Madonna, Jennifer Lopez oder Justin Bieber sollten eingeladen werden, forderte die Kammer in einem Bericht an das Tourismusministerium. Die Weltausstellung Expo 2016, die im kommenden Monat in Antalya beginnt und acht Millionen Besucher anziehen soll, könnte mit den Stars für das Urlaubsland Türkei werben.

Vielleicht geht’s ja auch ohne Teenie-Stars. Norbert Fiebig, der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), rechnet mit einem baldigen Wiederanstieg der Türkei-Buchungen. Auch der Reiseführer in Istanbul gibt nicht auf. "Wir hoffen auf den Herbst", sagt er. Solange es ruhig bleibe im Land, fassten auch die Besucher wieder Mut. "Wenn nicht wieder eine Bombe hochgeht, rappelt sich die Branche wieder auf", sagt er. Wenn.