Schwer vorstellbar, dass es eine Zeit gab, in der Haiti – la Perle des Antilles – neben Kuba das angesagteste Reiseziel der Karibik war. Prominente, Bohemiens und Künstler kamen auf Kreuzfahrtschiffen in die Hauptstadt Port-au-Prince und ließen sich dort von der Architektur, den Kasinos und Jazzclubs verzaubern. Zentrum dieser haitianischen Belle Epoque war das Hotel Oloffson, eines der schönsten Zuckerbäckerhäuser in der ganzen Karibik.

Nachdem das Gebäude während der amerikanischen Besatzungszeit als Krankenhaus genutzt worden war, verwandelte es der schwedische Hochseekapitän Werner Gustav Oloffson 1935 in ein Hotel. Jackie Onassis war hier Stammgast und Harold Pinter feierte seine Hochzeit in den üppigen Gärten. Eine kreative Kultstätte, die nicht nur Schauplatz für Graham Greens Roman The Comédies war, sondern auch Setting von dessen Verfilmung, mit Elisabeth Taylor und Richard Burton als heimliches Liebespaar inmitten einer heraufziehenden Diktatur. Seine gotischen Türmchen und der freundliche Geisterhaus-Charme (angeblich spukt hier ein US-Marinesoldat) dienten als Vorbild für den Familiensitz der Addams Family.

Als sich der Karibik-Tourismus in den 1980ern zu einer Milliarden-Industrie entwickelte, war Haiti eines der Zugpferde. Leider erstickten die politischen Unruhen am Ende der Duvalier-Diktatur die Erfolgsgeschichte jäh, dazu kam eine grassierende HIV-Epedemie. Heute begrüßt nur noch eine müde Kompa-Band die Ankommenden am Flughafen von Port-au-Prince, dem es immer noch an einem Tower fehlt. Und auch das Oloffson, geplagt von der Sehnsucht nach der eigenen Geschichte, ist auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen.

Paul Clammer, der Autor des einzigen aktuellen Haiti-Reiseführers, weiß, warum seither kaum Touristen kommen. "Jahrzehntelang verbreiteten die Medien über Haiti ausschließlich schlechte Nachrichten", sagt er. "Und warum sollte man in einem Land Urlaub machen wollen, aus dem nichts anderes als Schreckensmeldungen kommen?"

Viele haben schon versucht, Haiti zu retten: Amerikanische Präsidenten, Wyclef Jean, christliche Hilfsorganisationen, kubanische Ärzte und die Indieband Arcade Fire. Aber Haiti ist immer noch eins der am höchsten verschuldeten und korruptesten Länder der Welt, zwei Drittel der Bevölkerung leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Das Land als hoffnungsloser Fall. Da mag ein Fremdenführer wie der von Paul Clammer zunächst surreal wirken. Aber letztendlich brauchen auch die Zehntausenden Entwicklungshelfer, Missionare und UN-Mitarbeiter, die jedes Jahr hierherkommen, Ideen für ihre Freizeitgestaltung.

"Es ist furchtbar, dass man nicht über Haiti sprechen kann, ohne zu erwähnen, dass es das ärmste Land der Hemisphäre ist", sagt Clammer. "Nur weil ein Land Probleme hat, heißt es doch nicht, dass es nicht wert ist, besucht zu werden. Ich wünschte, es wäre möglich, Haiti als ein ganz normales Land zu betrachten."  Das wünscht sich auch die haitianische Regierung. Kürzlich hat das Tourismusministerium eine Initiative gestartet, die Besucher – keine Hilfskräfte – nach Haiti locken soll, in der Hoffnung, das Land wieder auf eigene Beine zu bringen.

Port-au-Prince - Schönheit und Tod Haitis heimliche Staatsreligion Voodoo kennt glühende Anhänger und Feinde. Zwiespältig ist auch der Blick auf das Land: Manche sehen nur die Armut, andere die Schönheit. (Produktion: Caterina Clerici)

Zwischen Himmel und Hölle

Eine alte Frau in einem blauen Kleid erwacht zwischen den Gräbern auf dem Grand Cimetière und zündet sich ihre Pfeife an. Über ihr thront, handgemalt auf einem Grabstein, ein Skelett mit Zylinder. Es ist Baron Samedi, Herr über Tod und Wiederauferstehung, berüchtigt für seinen Zigarren- und Rum-Konsum und die schmutzigen Witze, die er erzählt, wenn er in Voodoo-Ritualen von Sterblichen Besitz ergreift. Haitis einstiger Diktator François "Papa Doc" Duvalier verkörperte den Baron wie kein Zweiter. Nur einen Steinwurf von hier entfernt soll er 1971 beerdigt worden sein. Später entdeckten Grabräuber, dass seine Überreste auf mysteriöse Weise verschwunden waren. Auf dem Grand Cimetière war die Grenze zwischen unserer Welt und dem Jenseits schon immer ein schmaler Grat – auch vor dem großen Erdbeben von 2010.

Damals, es war am späten Nachmittag des 12. Januar, begann die Erde unter Port-au-Prince zu beben. Viele der Häuser aus billigem Zement brachen komplett in sich zusammen. Mehr als 220.000 Menschen starben in den Trümmern und der Verwesungsgeruch in der Stadt war bald unerträglich. Nach elf Tagen und 50 Nachbeben wurde die Suche nach Überlebenden offiziell eingestellt. In den darauffolgenden Wochen und Monaten war der Friedhof so wichtig wie niemals zuvor.

Die Überlebenden wurden, wenn sie ihre Angehörigen nicht in Massengräbern mit bis zu 7.000 Leichen beerdigen lassen wollten, von den Bestattern ausgenommen. Und weil das Beben 1,5 Millionen Menschen obdachlos gemacht hatte, rissen verzweifelte Menschen die Knochen und Lumpen aus intakten Grabstätten. um dort zu hausen. So wurde die Totenstadt auch für die Lebenden zur Zuflucht.

Man sagt, Haiti sei zu 70 Prozent katholisch, zu 30 Prozent protestantisch und zu 100 Prozent voodoo. Die Kirchen machten die Voodoo-Anhänger für die Katastrophe verantwortlich. Sie bezeichneten das Beben als Strafe für den Pakt mit dem Teufel. Bald darauf wurde Haiti zur NGO-Republik, mit Tausenden registrierten Hilfsprojekten und mehr als sieben Milliarden Dollar Wiederaufbauhilfe. Die Stigmatisierung des Voodoo sorgte dafür, dass Hilfsgelder vor allem an christliche Organisationen gingen. Dies führte zu opportunistische Kircheneintritten und zu Gewaltverbrechen gegen Voodoo-Gläubige: Tempel wurden zerstört und Voodoo-Priester gelyncht, weil man sie auch für den Ausbruch der Cholera nach dem Beben verantwortlich machte.

Seit Jahrhunderten trotzt die als dunkle Magie diffamierte, haitianische Voodoo-Religion allen Ausrottungsversuchen. Bis heute bietet sie Traumatisierten Trost und hilft Opfern, zurück ins Leben zu finden. Da ist es fast naheliegend, dass das vom Voodoo beeinflusste Künstlerkollektiv Atis Rezistan Trümmer und menschliche Schädel von der Straße aufsammelt und sie in Kunstwerke verwandelt, die inzwischen berühmt geworden sind.

André Eugène ist ein Mitglied des Künstlerkollektivs Atis Rezistans. © Caterina Clerici

Slum in Regenbogenfarben

Mintgrün, Babyblau, Pink und Violet. Die Häuser des Stadtteils Jalousie leuchten in den Farben eines pastellfarbenen Regenbogens. Der einst graue Slum erhebt sich am Steilhang über Port-au-Prince und erinnert an die bunten, naiv-utopischen cities-in-the-skies des haitianischen Malers Prefete Duffaut. Und das mit Absicht.

Unterhalb von Finelia Volmars Türschwelle erstreckt sich die Drei-Millionen-Stadt, die eigentlich nur für ein Drittel der Menschen ausgelegt war. Volmars Haus – es ist orangefarben – beherbergt eine Patisserie, in der sie Bananenkuchen oder Cupcakes bäckt und verkauft. Es ist nicht der ärmste Slum der Stadt, auch wenn Wasser nur mit Lastwagen geliefert wird und es keine Elektrizität gibt. Die Farbe war vielleicht nicht Vollmars oberste Priorität, aber wenigstens durfte sie sich den Farbton aussuchen. "Ich weiß nicht, warum sie damit angefangen haben", sagt sie und zuckt mit den Schultern. "Aber es war eine gute Idee. Vorher war es sehr grau. Jetzt ist es viel schöner."

2013 wurde der Anstrich der Barackenstadt von Präsident Michel Martelly persönlich angeordnet, zeitgleich mit der Eröffnung des Occidental Royal Oasis Hotels, einem neuen Fünf-Sterne-Hotel, dessen Fenster zum Slum hinaus blicken. Die 1,4-Millionen-Dollar-Investition löste Kontroversen aus:"Lippenstift auf einem Schwein", schrieb die Presse, "Urbanes Botox","Slum-Facelifting". Dabei ist es nur ein Beispiel für die kosmetischen Schnellschüsse, mit denen das Regime versucht, die echten Probleme zuzudecken.