Die meisten europäischen Touristen lassen die Ausfahrt nach Ojai einfach links liegen, wenn sie die kalifornische Küste entlang fahren. Sie rollen über den Freeway 101 Richtung Los Angeles und ahnen nichts von dem versteckten Paradies 20 Minuten landeinwärts. Es ist ein gelassenes Tal, in dem die Menschen ein wenig glücklicher zu sein scheinen, ein wenig netter zueinander sind und ein wenig bewusster leben als anderswo im Land.  

Dieser Ort ist Ojai – gesprochen Oh-Hai – ein entspannter Mix aus Familien, die seit Generationen Zitronen anbauen, New-Age-Spiritualisten, Nachhaltigkeitspionieren und wohlhabenden Exilanten aus dem verkehrsverseuchten Los Angeles 120 Kilometer entfernt. Einheimische bauen gemeinschaftlich und nachhaltig Biofrüchte an, sie wandern, machen Yoga, Kunst, Theater und Musik in drum circles oder den örtlichen Bars. Und sie lassen Stars wie Anne Hathaway oder Emily Blunt in Ruhe, wenn sie ihnen sonntags auf dem Bauernmarkt begegnen.

Kein Wunder, dass sich der Regisseur Frank Capra 1937 für Ojai entschied, als er einen Drehort für das paradiesgleiche Shangri-La in seinem Filmklassiker Lost Horizon suchte. "Wieder mal ein wunderschöner Tag in Shangri-La", ist heute eine übliche Begrüßung unter den Bewohnern, wenn sie sich an der Supermarktkasse treffen.

In Capras Film liegt der Ort Shangri-La im Himalaya, gedreht wurde auch in Ojai. © Timothy Teague

Das Ojai-Tal hat nur gut 20.000 Einwohner, trotzdem kommt bei Touristen und Wochenendausflüglern aus Los Angeles keine Langeweile auf. Es gibt Boutiquen, Galerien und Wanderwege, Weinproben und Olivenölverkostungen. Man kann die Gegend mit dem Pferd erkunden oder eine Alpaka-Farm besuchen. Golfer mit Kleingeld verbessern ihr Handicap im Ojai Valley Inn and Spa, einem der angesagtesten Golf-Resorts in den USA. Wer dagegen einen Ort der Erleuchtung sucht, ist im Meditation Mount richtig, wo Besucher in spirituellen Zeremonien den Neumond oder die Sommersonnenwende begrüßen. Und dann ist da noch der berühmte pink moment, wenn die Abendsonne die Topa-Topa-Felswand und die umliegenden Berggipfel in ein purpurnes und violettes Leuchten taucht.

Jedes Wochenende ein Festival

Einzigartig ist auch Bart’s Books, eine Freiluft-Buchhandlung, in der man auch nach Ladenschluss einkaufen kann. Ein Schild bittet die Kunden, das Geld in eine Box zu werfen. Dieses gegenseitige Vertrauen ist typisch für Ojai. Besonders deutlich wird das, wenn der 4. Juli naht und die Bewohner schon Tage vorher Stühle auf die Straße stellen, um sich einen Platz zu sichern, von dem sie die Parade zum Unabhängigkeitstag beobachten können.

Von April bis November begeht Ojai so gut wie jedes Wochenende ein Festival oder Event, sei es der Tag der Erde, ein Tennisturnier, das Wochenende der offenen Ateliers, das Filmfestival oder die Ojai Playwrights Conference, auf der sich Dramatiker austauschen. Am berühmtesten ist das Ojai Music Festival, das seit 1947 jedes Jahr im Juni stattfindet und von Beginn an eine musikalische Avantgarde anzog, etwa Pierre Boulez, Aaron Copeland oder Ute Lemper. In den letzten Jahren kamen Komponisten wie Steve Reich und Ensembles wie das Emerson String Quartett, um ihre Künste unter dem Halbrund der Open-Air-Bühne zu präsentieren. Künstlerischer Leiter 2016 ist Peter Sellars, der momentan artist-in-resident in der Berliner Philharmonie ist.

Schon immer zog Ojai Leute an, die anders leben wollten als der Rest. Im Jahr 1927 holte die britische Theosophin Annie Besant den indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti in den Ort und gründete die Happy Valley Foundation, eine utopische Kommune, deren Mitglieder in Harmonie mit der Natur lebten und sich spirituell und künstlerisch ausdrückten. Immer wieder kamen Interessierte aus Los Angeles, um Krishnamurti im Schatten der hohen Eichen sprechen zu hören. Gut zwanzig Jahre später trat der britische Schriftsteller Aldous Huxley (Brave New World) als Mitgründer der Schule in Happy Valley auf den Plan, obwohl er nie dort lebte.

Gesunde Früchte kommen vom Feld, gesunde Rücken von der Wiese. © Timothy Teague

Das Happy Valley der Gegenwart hat seine Sogwirkung nicht verloren: Hollywoodproduzent und Ex-Disney-Chef Michael Ovitz hat hier eine Ranch und Dallas-Star Larry Hagman (J. R. Ewing) lebte auf einem nahegelegenen Hügel; nach seinem Tod 2012 erwarb Scientology Hagmans Anwesen. Erst im April bezog Cameron Diaz ihr Haus in Upper Ojai, nicht weit weg von Channing Tatums Villa auf der anderen Seite des Highways. Und das sind nur einige der Prominenten, die sich entlang der Orangenhaine niedergelassen haben, gerade weit genug weg von der Hektik in Los Angeles.

Das Wasser geht aus

Allerdings hat der Zuzug von Berühmtheiten und reichen Rentnern die Grundstückspreise in die Höhe getrieben, junge Familien mussten wegziehen und die veränderte Sozialstruktur gefährdet wiederum die hiesigen Schulen. Es glänzt nicht alles purpurn im Ojai-Tal, auch das ist Teil der Wahrheit. Die Dürre in Kalifornien droht den Casitas-See auszutrocknen, der die Stadt versorgt, Schätzungen zufolge hat er nur noch vier Jahre lang Wasser.

Der Grundwasserspiegel ist so tief gesunken, dass Quellen versiegen und große Bäume verdursten – an windigen Tagen knicken immer wieder welche um. Auch die Gärten verändern sich: Statt sattgrünem Rasen pflanzen die Bewohner nun lieber Kakteen, weil die genügsamer sind. So dringt die Wüste auch auf die Privatgrundstücke vor. Die Einheimischen müssen dafür kämpfen, ihre Idylle vor der Dürre, den Ölkonzernen und Immobilienmaklern zu schützen, die das Tal für sich entdeckt haben.

Trotz allem: Die Lebensqualität ist hoch und die meiste Zeit des Jahres scheint die Sonne. Und wenn man Channing Tatum nach dem Yogakurs im Café trifft oder bemerkt, dass Cameron Diaz neben einem auf dem Bauernmarkt ansteht, muss man nicht lange überlegen, was man sagen soll: "Wieder mal ein wunderschöner Tag in Shangri-La – nicht wahr?"