Palermo, noch nicht Orient, aber auch kein Okzident mehr. Ein bisschen Afrika, etwas Arabien, ein klein wenig Byzanz und Athen, etwas Rom, auch normannische Spuren, selbst Hinweise auf Spanien finden sich. Eine wilde Mischung, 3.000 Jahre Kulturgeschichte, griechische Siedler, römische Imperialisten, tolerante Sarazenen, gierige Spanier. Als habe das Schicksal alles in ein großes Gefäß geworfen und ordentlich verrührt.

Und was kommt dabei heraus? Chaotischer Verkehr zum Beispiel, hektisch, laut, aber voller Rücksicht. Die Fahrer schimpfen, hupen und drängeln, aber die Straße zu überqueren, ist unproblematisch. Einfach loslaufen – alle passen auf. Dunkle, schmutzige, beängstigend enge Straßen, durch die sich Autos quetschen, Fußgänger über Schlaglöcher springen, bevölkert mit auf den ersten Blick furchteinflößenden Menschen aus allen Ländern der Welt, die, wenn man sie anspricht, von ungewöhnlicher Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind. Jeder versucht sich in fremder Zunge. Spricht, lächelt, hilft. Erstaunlich.

Die ganze Stadt voller Paläste. Heute sind es Schulen oder luxuriöse Hotels, Wohnhäuser, die meisten jedoch Ruinen. Über der noblen Fassade einer Bank erheben sich leere Fensterlöcher, Überreste der Renaissance, aufgestellt wie eine Kulisse für einen Kriegsfilm.

Das Hotel liegt in einer heruntergekommenen Straße, die in Deutschland von Baupolizei, Straßenverkehrs- und Ordnungsamt gesperrt werden würde. Wir, furchtlose Touristen, irren herum und fragen uns, wo wir eigentlich hingeraten sind. Dann stehen wir plötzlich in einem 1.200 Jahre alten ehemaligen Pferdestall, vor 200 Jahren zu einer Bäckerei umgebaut, heute Hotel. Geräumig, geschmackvoll, verwinkelt, mit Palmengarten und Terrasse und zwitschernden Vögeln. Ein Kleinod mit acht Zimmern.

Palermo verwirrt uns mit Gerüchen: Wir gehen durch enge, schäbige Gassen, und plötzlich schlägt einem ein wunderbarer Geruch von frittierten Fisch oder frisch geröstetem Kaffee entgegen. Um die Ecke ein Imbiss mit den köstlichsten Fritten südlich von Belgien oder ein Süßwarenhändler mit Fruchtgelee wie aus einer anderen Welt. Hier ist noch nichts automatisiert und desinfiziert. Brot wird von Hand gebacken und geschnitten, nicht mit Plastikhandschuhen, nur mit so was wie Liebe. Und so schmeckt es dann auch. Irdisch, nach Arbeit und Schweiß und Stolz und Tradition.

Agrigent schmiegt sich in die Landschaft. © Tullio M. Puglia/Getty Images

Von Palermo aus fahren wir nach Agrigent. Der Ort nahe der Küste ist auf einem Bergrücken in die Höhe gewachsen. Das mit der Höhe ist wörtlich gemeint. Zwar erkennt man aus der Ferne noch die Kathedrale und alte Häuser am höchsten Punkt der Stadt, tiefer am Berg werden die Gebäude aber immer höher, wir zählen zwischen 10 und 20 Stockwerke. Es sieht faszinierend aus. Vor der Stadt liegen, auf einem niedrigeren Bergrücken und sehr dekorativ aufgereiht, griechische Tempel bzw. ihre Überreste.

Unsere Unterkunft ist erneut mehr als 1.200 Jahre alt, diesmal ein ehemaliger Küstenwachposten der Sarazenen, inzwischen aber durch Verlandung weit auf dem Festland gelegen. Später wurde daraus ein Bauernhof, heute ist es ein "Albergo Agricotourismo" mit Brunnen, sonnenverwöhnten Blumenrabatten, abgeschatteten Orangenhainen und Blick auf die aufgereihten 2.500 Jahre alten Tempel. Die Tempel wurden erbaut, um die Besucher zu beeindrucken – und sie verfehlen ihren Zweck bis heute nicht. Zwei Tage verbringen wir hier und können uns dennoch an dem Anblick nicht sattsehen.