Meint der Typ das ernst? Der Museumswächter trägt eine schwarze Pelzmütze mit Hammer und Sichel, einen schwarzen Militärmantel und ein schwarzes Sowjet-Gewehr – schussbereit. So steht Sascha, 34 Jahre alt, an der Pier und begrüßt unser Touristenschiff. Dabei trägt der  Guide eine unergründliche Miene zur Schau, nur kurzzeitig blitzt Ironie in seinen Augen auf. Sascha gibt sich alle Mühe, Moskaus alten Stolz zu repräsentieren. Denn hier in Pyramiden, im nördlichsten Freiluftmuseum der Welt, hat das Polareis einen letzten Rest UdSSR konserviert.

Für meine Reise in den alten Osten bin ich hoch in den Norden geflogen: 2.800 Kilometer von Berlin nach Longyearbyen, Spitzbergens Hauptstadt. Dann rauf aufs Schiff, das vier Stunden lang durch eine vernebelte Fjordlandschaft fährt, vorbei am Nordenskiöld-Gletscher, bis es schließlich in einen Schrotthafen einläuft: Pyramiden. An einem Berghang heißt mich ein riesiger kyrillischer Schriftzug willkommen: "Mir – Miru", übersetzt, "Der Welt den Frieden". Ein Agitprop-Slogan aus verwitterten Holzplatten.

Dawai, dawai – dalli, dalli – und runter geht's von Bord. Ein klappriger Bus fährt mich in drei Minuten vom Hafen in den Sozialismus. Er hält vor einem schmutziggelben Viergeschosser, dem Hotel Tulpan. Es ist das einzige bewohnte Gebäude der alten Bergbausiedlung. Eigentlich müsste hier ein Schlagbaum stehen mit dem Warnschild: "Achtung! Sie verlassen Norwegen und das Jahr 2016." Denn der Besucher wird direkt in die Sowjetunion gebeamt.    

Dazu muss ich Filzpantoffeln anziehen und ins Restaurant schlurfen. Es handelt sich um eine sozialistische Nobelgaststätte der achtziger Jahre: mit blutroter Stofftapete, geschnitzten Wandverzierungen und goldglänzendem Samowar. Aus der Küche schießt eine Köchin mit hoher Kochmütze und fragt streng auf Russisch, ob ich später essen will. Sie wird mir die nächsten Tage fette Buletten, fette Wurst und fetten Mayonnaisesalat auftischen. Dafür wird sie auch fette Preise berechnen: rund 21 Euro pro "Uschin", pro Abendessen. Auf einem Flachbildschirm flimmern, lautlos, internationale TV-Dokumentationen, die Pyramidens Exotik preisen. An der Bar liegt eine Armeepistole mit Signalmunition.

Keine Filmkulisse

Pyramiden ist keine Filmkulisse, alles ist echt: Die Waffen sind gegen ausgehungerte Eisbären, die manchmal durch die leere Siedlung stromern. Und der Ort ist tatsächlich russisch; er gehört dem Moskauer Staatsunternehmen Arcticugol. Allerdings ist auch das Touristikkonzept wie im Mutterland: wenig Service und hohe Preise. Ich bekomme, für 105 Euro die Nacht, ein Zimmer im "soviet style" zugewiesen: mit schlichtem Holzbett und jahrzehntealter Blümchentapete. Die Gardinen sind an Büroklammern aufgehängt. Kein Schrank, keine Nachttischlampe, kein Bild. Hier herrscht noch echte Mangelwirtschaft.

Der normale Tourist spaziert zwei, drei Stunden durch die verlassene Bergbausiedlung und schippert danach gleich zurück. Ich will hingegen fast eine Woche bleiben, um den morbiden Charme des "lost place" – wie es in der Fotografensprache heißt – abzulichten. Ich möchte die Vergangenheit festhalten: das rissige Denkmal, das imposante Kulturhaus, die bröckelnde Schwimmhalle, die verwaiste Schule und das demolierte KGB-Büro.

Ich habe bereits in Brandenburg alte "Russenkasernen" fotografiert. Doch hier, in der arktischen Einöde, ist alles besser erhalten. Die Fenster sind nicht eingeschlagen, die Türen nicht eingetreten, viele Gebäude sind sauber gefegt. Und es gibt kaum Schimmel, denn bei einer Sommertemperatur von fünf Grad ist es vielen Mikroben einfach zu kalt. Pyramiden wurde 1998 aufgegeben, sieben Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion. Doch es scheint, als wenn die Siedlung erst gestern verlassen wurde. Als wenn jede Minute ein Parteisekretär zurückkommen könnte, der seine Aktentasche vergessen hat.

Eine Exklave der UdSSR

Was hatte die UdSSR hier überhaupt zu suchen – auf norwegischem Territorium? Spitzbergen war bis Anfang des 20. Jahrhunderts ein staatenloses Archipel, dort regierten allein Walfänger, Bärenjäger und Minenbesitzer verschiedener Nationen. Mit dem Spitzbergen-Vertrag von 1920 erhielt Norwegen die Souveränität über die Polarinseln, dafür durften aber andere Länder weiterhin Bodenschätze abbauen. Vor 70 Jahren, am 29. August 1946, beschloss die Sowjetregierung, auf Spitzbergen in großem Maßstab Kohle zu gewinnen. Unter anderem in Pyramiden; Moskau hatte für die ursprünglich schwedische Siedlung bereits zuvor die Bergbaurechte erworben.

Bald entstand hier eine UdSSR in Miniatur: Ein zentrales Lenin-Denkmal wurde aufgestellt, dazu über 240 Sockel für Fahnen und Plakate. Hinzu kamen kommunistische Straßenschilder wie "60. Jahrestag des Großen Oktober". Bis zu eintausend ukrainische und russische Bergleute waren hier im Einsatz. Ob Kindergarten, Kraftwerk, Krankenhaus, Viehställe oder Friedhof – nichts fehlte dem autarken Pyramiden. Die "Poljarniki", die Polarhelden, trotzten auch dem dunklen arktischen Winter, bei durchschnittlich minus zwölf Grad. So konnten die Sowjets selbst im Nato-Land Norwegen Präsenz zeigen.