Das Unterschätzen fängt schon an, bevor man überhaupt da ist. Unna! Das kann ja nichts werden, mit so einem Namen. Und was heißt das überhaupt? Es gibt ein paar Erklärungsversuche, aber die sind eher dürftig. Angeblich sei Unna die verkürzte Form von un-nah, also weit weg. Fragt sich nur wovon?

Hinzu kommt: Unna ist eine Sandwich-Stadt, mittendrin und nichts so wirklich. Aus dem Osten kommend, das heißt aus der Westfalenprovinz, ist man bis oben hin satt von hübschem Fachwerk. Der Effekt, den Unnas malerische Innenstadt durchaus auslösen kann, verpufft einfach. Aus Richtung Pott kommend, also aus Dortmund, Essen, Oberhausen ist man wiederum so überreizt, dass man Unnas zarte Urbanität einfach nicht ernst nehmen kann.

Glücklicherweise gehört Unna aber zu jenen deutschen Mittelstädten (mit knapp 60.000 Einwohnern ist sie genau das), die etwas zu bieten haben. Etwas Großes und Helles, das sie der Masse enthebt. Aber dazu kommen wir noch, denn zum Sonnenuntergang ist es dort am schönsten.

Zunächst erleben Ankommende eine Art Ruhrgebiet light. Da ist die typische Schnauze, aber sie ist weniger rau als im tiefsten Pott. In Unna klingt die Schnauze fast zart, kumpelhaft und unkompliziert, genauso wie sie ohnehin gemeint ist. Dann sitzt man vielleicht in einer lauen Sommernacht im weißen Plastikgartenstuhl vor dem Pizza-Imbiss Casa Mia und liest dem Mitreisenden die Wettervorhersage vor: "Soll schön werden." Und da raunt es recht laut vom Nachbartisch herüber: "Dat will ich aba ersma seh’n!" Der Pizzabäcker hat sich ins Gespräch eingeschaltet. Seine nach oben gezogenen Mundwinkel zeigen an, dass es sich, anders als der Inhalt vermuten lässt, um eine Solidaritätsbekundung mit den Gästen handelt. 

Hier ist Hellweg kein Baumarkt

Betrachtet man Unna historisch, dann war da viele Jahrhunderte überhaupt noch kein Ruhrgebiet am westlichen Rand. Seine über 1.000-jährige Geschichte ist vielmehr geprägt von seiner Lage am Westfälischen Hellweg, der Unna das Stadtrecht sowie einige hübsche Bauwerke verdankt. Am besten entdeckt man sie auf einem Rundgang entlang der alten Stadtwälle. Im Nordosten liegt die kleine Burg Unna, in dem heute das Hellwegmuseum untergebracht ist, im Süden die Überreste des Eulenturms, und mittendrin der Marktplatz mit seinen angrenzenden Gässchen und dem typischen schwarz-weißen Fachwerk.

Unnas Altstadt bietet Fachwerk in schwarz-weiß © guentermanaus/shutterstock.com

Wer bis nach Sonnenuntergang bleibt kann einen Rundgang mit dem Nachtwächter machen, der allerdings nur einmal im Monat angeboten wird. Ein paar Kneipen gibt es auch. Beim Kulturzentrum Lindenbrauerei könnte man kurz vorbeischauen, allein der Industrieromantik wegen. Und von dort aus einfach ein paar Schritte hinüber gehen, zum Zentrum für Internationale Lichtkunst.

Kunst fernab der Metropolen, das wissen wir, ist eine durchwachsene Angelegenheit. Einiges, was da von öffentlicher Hand finanziert und zur Stadtverschönerung vor Poststellen, Stadtmuseen oder auf unbelebte Plätze geknallt wird, schaut scheußlich aus oder ist derart pädagogisch überfrachtet, dass es einer manifest gewordenen Mahnung gleicht.

Das 2001 eröffnete Lichtkunstzentrum in Unna ist nichts dergleichen, es ist besonders, und zwar sehr, das einzige seiner Art weltweit nämlich. Die Lichtinstallationen lassen das Wort Mittelstadt sofort vergessen – auch wenn ein englischsprachiger Besucher auf seinem Blog richtig anmerkte: "There is no Dan Flavin or Bruce Nauman here…". Okay, dafür aber zum Beispiel ein Ólafur Elíasson. Und zwei James Turrell: Neben einer Arbeit im Lichtparcours hat die amerikanische Land-Art-Ikone Third Breath geschaffen, eine Installation, die exakt auf die Lichtverhältnisse in Unna abgestimmt wurde.

Himmel hoch zwei

Unten befindet sich eine Camera Obscura, die den aktuellen Himmel auf den marmornen Ausstellungsboden projiziert, oben kann man in den Sommermonaten im Skyspace Platz nehmen und den Sonnenuntergang in exakt berechneter Kombination aus künstlichem und natürlichem Licht an sich vorbeiziehen lassen. Das ist pure, wunderschöne Physik! Weltweit gibt es mehr als 80 Skyspaces, die Kombination aus Camera Obscura und Skyspace hingegen gibt es nur in Unna.

Generell scheint die Stadt ein besonderes Faible für den sichtbaren Part elektromagnetischer Strahlung zu haben: Alle zwei Jahre veranstaltet Unna gemeinsam mit der Partnerstadt Pisa "das größte italienische Fest jenseits der Alpen" und nennt es tatsächlich "Un(n)a Festa Italiana". Hier dreht sich alles um die perfekte Illuminazione, und die ist prächtig und bombastisch, quasi das Event-Pendant zum Lichtkunstzentrum. Knallbunte Lichterbögen und künstlich errichtete Kathedralen aus Licht durchziehen dann die nächtliche Fußgängerzone, dazu marschieren kostümierte Garden aus Pisa durch die Gassen und man trinkt ordentlich Prosecco.

Und es gibt noch einen Grund Unna zu besuchen, diese mittelinteressante Mittelstadt. Weil sie eben genau das ist, müssen Sie hier im Gegensatz zu den Dreh- und Angelpunkten der Kunstwelt so gut wie nie anstehen. Nicht mal für ein auf diesem Planeten einmaliges Lichtkunstwerk.