An guten Tagen stapfen bis zu 2.000 Besucher durch die Eishöhle im österreichischen Tennengebirge: zitternde Mädchen, drahtige Wanderer, Paare in gleichfarbigen Funktionsjacken, französische Schülergruppen, verschleierte Frauen. Die Guides führen mehrere Gruppen gleichzeitig durch die Dunkelheit, mit brennenden Magnesiumdrähten tasten sie sich über die Holzstiegen im Berg und  lassen die Eissäulen und Eisseen ringsum glitzern.

Die Eisriesenwelt soll die größte Eishöhle der Welt sein und liegt nahe Werfen im Salzburger Land. Früher waren es bergerfahrene Abenteurer, die den gefährlichen Aufstieg über primitive Wege zum Höhleneingang auf 1.600 Metern machten. Heute gibt es am Hochkogel eine Asphaltstraße, Schotterwege und eine Seilbahn. Die Eishöhle ist ein Bergabenteuer für Jedermann geworden, seit Anfang der neunziger Jahre kommen jedes Jahr rund 190.000 Besucher. "Mehr bringt man gar nicht mehr rein", sagt Franz Hoffmann, Obmann der Sektion Werfen des österreichischen Alpenvereins.

Als die Eisriesenwelt vor 90 Jahren für Besucher öffnete, war sie eine der ersten Sommerattraktionen in den Alpen. Inzwischen ist sie eine unter vielen. Immer mehr Bergregionen entwickeln sich zu Abenteuerspielplätzen, um Urlaubsgäste außerhalb der Skisaison zu gewinnen. Der Wettbewerb ist hart, auch weil die Schneesicherheit nicht mehr überall gegeben ist. Wo vorher Wanderwege verliefen, gibt es jetzt Erlebniswelten, Nervenkitzel und Superlative: die höchste Hängebrücke, der längste Felsensteg. 

An manchen Tagen laufen bis zu 2.000 Besucher durch die Eisriesenhöhle. © Elena Witzeck

Die Alpen sind ein Sehnsuchtsort für Städter, an dem sie suchen, was sie im langweiligen Büroalltag vermissen: das Abenteuer. Nur kann man einen  Lebensstil nicht in wenigen Urlaubstagen umkrempeln. Und wenn man es doch versucht, wird es gefährlich, vor allem am Berg.

Claudia Burger vom Alpenverein Salzburg spricht von einer Massenflucht: "Die Leute suchen etwas, von dem sie glauben, dass sie es nur in den Bergen finden."Familienväter, die sonst höchstens zum Supermarkt laufen, klettern neuerdings an Stellen, wo selbst Einheimische vorsichtig sind. Angespannte Manager wollen mal abschalten und rasen deshalb steile Bergstrecken auf Mountainbikes hinunter, die sie kaum beherrschen.

Jedes Jahr ein Toter

In Werfen ist der Tourismus langsam gewachsen. Die Besitzer der Eishöhle, die österreichischen Bundesforste, haben den Zugang Schritt für Schritt erweitert – und sie haben nicht alles getan, was man hätte tun können. Die Idee, eine Bahn durch die Höhle zu führen, in der Besucher sitzen könnten, wurde vor vielen Jahren verworfen. Es gibt weder einen Zugang zum Skigebiet auf der anderen Bergseite noch einen Klettersteig in der Umgebung, und im Winter bleibt die Höhle geschlossen. Man will sich nicht weiter von der Natur entfernen als unbedingt nötig.

Franz Hoffmann vom Alpenverein beruhigt es, dass die Größe der Höhle die Besucherzahlen natürlich begrenzt. Als Werfener ist er natürlich vorsichtig mit Kritik, die Region lebt schließlich vom Tourismus. Einige Entwicklungen sieht er dennoch kritisch: Die Zahl der Klettersteige zum Beispiel, die mit Eisenstiften und Stahlseilen gesicherten Kletterrouten am Fels. "Die san wie die Schwammerl aus dem Boden g'schossen", sagt Hoffmann.

Abenteurer auf einem Klettersteig im Tennengebirge © Elena Witzeck

Vor einer Woche war er am Königsjodler, dem schwierigsten Klettersteig am Hochkönig. Allein der steile Abstieg dauert mehrere Stunden. Als er vor sieben Jahren das letzte Mal dort kletterte, seien ihm zwei Menschen begegnet, erinnert er sich. Dieses Mal seien es um die Hundert gewesen. Den Leuten sei langweilig, vermutet er, was dazu führe, dass sie sich überschätzen. Jedes Jahr gibt es am Königsjodler mindestens einen Toten. 

Nervenkitzel für Jedermann

Der Reiz der Höhe funktioniert trotzdem, auch anderswo.  In der Schweiz hat 2012 der Titlis Cliff Walk eröffnet, die höchstgelegene Hängebrücke Europas. Unter der Seilkonstruktion geht es 500 Meter tief in den Abgrund. Seit September letzten Jahres verspricht die südwestlich gelegene Konkurrenz, der First Cliff Walk oberhalb von Grindelwald, "Nervenkitzel für jedermann". Dort, wo das Panorama allein für Endorphinschübe sorgen müsste, führt ein Steg an einer Felswand entlang und über Schluchten hinweg.

Und seit diesem Juli gibt es nur ein paar Kilometer weiter am Schilthorn den Thrill Walk: Das gleiche Prinzip, derselbe Reiz. Eine spektakuläre Stahlkonstruktion mit Glasboden an einer senkrechten Felswand, die Besuchern eine Grenzerfahrung auf 2.670 Metern Höhe vortäuscht. Früher hätte der einmalige Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau gereicht. Einsprüche gab es gegen das Projekt keine.

Auf einem Metallnetz über den Abgrund: ein Abschnitt des Thrill Walks am Schilthorn

Marcel Liner von Pro Natura sagt, es werde so viel geplant und gebaut, dass Naturschützer wie er gar nicht mehr hinterherkämen. "Das ist ein Boom. Man kann gar nicht alles auf dem Radar haben." Außerdem stünden Gemeinden und Kantone oft hinter den Projekten, weil sie sich Mehreinnahmen und Arbeitsplätze erhoffen. Es gibt Gegenden, die Pro Natura als ganz und gar an den Tourismus verloren einstuft, dazu gehören viele Skigebiete. Deshalb kämpfen sie nun vor allem dafür, dass sich diese Regionen nicht noch ausdehnen und die Besucherströme kanalisiert werden – auch im Sommer. Sommerattraktionen sollten aus ihrer Sicht also in den Skigebieten entstehen.

Natürlich gibt es auch Projekte, bei denen sich die Naturschutzorganisationen Gehör verschaffen. Als die durch den Oberalppass getrennten Skigebiete Andermatt und Sedrun für das Tourismus-Resort des Ägypters Samih Sawiris zusammengeschlossen wurden, mischten sich die Umweltverbände empört ein. Das Vorhaben wurde kleiner angelegt, Pro Natura und der WWF unterzeichneten eine Vereinbarung mit Sawiris und verzichteten auf eine Beschwerde. Aber das nächste Riesenprojekt steht schon an: der gewaltige Hotelturm des Investors Remo Stoffel im Kurort Vals.

Hubschrauberlandeplätze verhindern

Pro Natura fehlt der rechtliche Hebel, um wirklich etwas auszurichten. Die Mitarbeiter können Eingriffe in die Natur nur beanstanden und auf den guten Willen der Gegenseite hoffen. Und selbst wenn es gelingt, Regeln auszuhandeln, müssen die auch eingehalten werden. Wenn der Kanton nicht auf der Seite der Naturschützer steht, ist das kaum möglich. Bei Projekten, die als strategisch wichtig für eine Touristenregion gelten, hat Pro Natura ohnehin selten eine Chance.

Franz Hoffmann aus Werfen kennt das Problem. Sein Alpenverein hätte die eine oder andere unschöne Betonplattform mit Hubschrauberlandeplatz am Berg im gerne verhindert, aber die Pläne wurden ohne ihn gemacht. Vor nicht allzu langer Zeit haben sich die Vereinsmitglieder dafür selbst eine kleine Hütte am Berg gekauft. Sie liegt fast auf der Höhe der Eisriesenwelt, aus der Ferne kann man die Besucher-Karawanen beobachten, die dorthin auf dem Weg sind. Die Hütte selbst ist klein, fast karg, kein fließendes Wasser, keine Sonnenterrasse. Wenn Hoffmann zur Hütte hinaufsteigt, trifft er im äußersten Fall fünf Menschen, meistens niemanden. Er ist gern und oft hier oben. Und auch wenn er weiß, dass es nicht diese stillen Momente sind, von denen die Region leben kann – für ihn sind es die besten.