Jules Muck hockt auf dem sonnenwarmen Asphalt und löffelt ein Bioeis. Sie ist blond und sommerbraun, trägt eine zerschlissen Latzhose voller Farbflecken. Sie blickt auf den vorbeiziehenden Menschenstrom: Hipster, Touristen und ein paar Alteingesessene schlendern den rund zwei Kilometer langen Abbot Kinney Boulevard im Stadtteil Venice entlang. Sie trinken Smoothies mit Sellerie und Mandelmilch für zehn Dollar, wiegen norwegische Glasvasen in den Händen, probieren edle Retrolederjacken an oder lassen sich in einem Kosmetikstudio massieren, das aussieht wie eine Galerie.

Los Angeles - Amerikas coolste Straße Der Abbot Kinney Boulevard in Los Angeles gilt als die coolste Straße der USA. Zwischen Palmen, Designshops und Coldbrew-Coffee lässt es sich gut leben – wenn man Geld hat.

Der Anblick könnte nicht untypischer sein für eine Einkaufsmeile in Los Angeles. In der kalifornischen Megametropole spielt sich der Alltag normalerweise im Auto ab, die Wege sind weit, es gibt Drive-in-Apotheken und -Bankautomaten. Der Abbot Kinney ist anders, hier kann man Geschäfte, Cafés und Restaurants zu Fuß erreichen, daher gilt der Boulevard als europäische Insel im urbanen Ödland. Laut forbes.com ist er sogar die "coolste Straße Amerikas".

Jules Muck ist 38 und Graffiti-Künstlerin, in Venice lebt sie seit 2007. Damals ist sie mit dem Auto in New York aufgebrochen und hat die ganze USA durchquert, von der Ost- zur Westküste. In Venice glaubte sie, ein Mekka für Künstler wie sie zu finden. Weil sie pleite war, lebte sie anfangs in ihrem Auto. Vor dem Café Abbots Habit malte sie ihre plakativen Kunstwerke: verpasste ausgemusterten Kühlschränken ein Kuhfell-Design, sprühte ein fetttriefendes Stück Pizza auf einen Ledersessel am Straßenrand oder kopulierende Hasen auf eine Hauswand.

Dann verkaufte sie auf einer Ausstellung endlich genug Bilder, um sich eine Wohnung leisten zu können. Mit einem anderen Künstler eröffnete sie eine Galerie in einem verlassenen Gebäude, wo es regelmäßig illegale Partys gab. Es waren Leute wie sie, die die Nachbarschaft interessant machten und letztlich zu dem, was sie heute ist. "Es heißt, Abbot Kinney sei gentrifiziert worden", sagt sie. "Wenn das so ist, dann wurde ich mit gentrifiziert. Ich kann mich also nicht beschweren." 

Als sie in Venice ankam, war Jules Muck pleite, heute lebt sie von ihrer Kunst. © Lucas Negroni

Rückblickend nahm der Aufschwung schon in den späten 80er Jahren seinen Anfang. Bis dahin hieß die Straße "West Washington Boulevard" und war alles andere als schick, sondern gesäumt von "heruntergekommenen Strandhäusern und leerstehenden Fabriken", wie die New York Times schreibt. Irgendwann machten sich Grundstückseigentümer und Nachbarschaftsgruppen für eine Umbenennung stark. Namensgeber wurde der Tabakfabrikant Abbot Kinney, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Venice eine Kopie von Venedig errichten wollte. Der neue Name sollte der Straße ein anderes Image geben und die Gegend attraktiver für ein kaufkräftiges Publikum machen. 

Mehr Südkalifornien geht nicht

Schaut man sich heute um, muss man sagen: Es hat geklappt. Ein Beispiel: Samy Mosher, 33 Jahre alt, arbeitet als Filmemacher in einer Werbeagentur auf dem Abbot Kinney. Er sieht nicht nur aus wie das südkalifornische Klischee, er lebt es auch: "Jeden Morgen gehe ich mit meinen Kollegen surfen", sagt er. "Auf dem Weg ins Büro telefoniere ich dann mit den ersten Kunden." Er genieße den Alltag hier, wo er täglich Freunden und Gleichgesinnten begegne. Mosher lebt seit zehn Jahren in Venice, den Aufstieg der Straße hat er miterlebt. "Heute ist es sauberer und ich habe ein gutes Gefühl, wenn meine Eltern mich hier besuchen." 

Abbot Kinney: Von Palmen gesäumt, von Hipstern bevölkert. © Lucas Negroni

Wie immer, wenn sich eine Gegend verändert, gibt es nicht nur Gewinner. Die Mieten ziehen an, die Preise auch. In der Parfümerie Le Labo etwa kostet der kleinste Flakon 175 Dollar. Und das in einer Stadt, in der es fast so viele Obdachlose wie in ganz Deutschland gibt und in der rund 19 Prozent der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze leben.

Kritik üben vor allem jene, die im Viertel aufgewachsen sind, wie die 25-jährige Alexis Days. Sie ist Schmuckdesignerin und passt damit eigentlich genau hier her. Dennoch ist sie unzufrieden mit der aktuellen Entwicklung, sie sagt: "Früher gab es hier mehr Vielfalt und mehr Kultur." Das habe sich drastisch geändert, sagt sie. "Heute ist es hier sehr homogen, es gibt fast nur noch Touristen und Leute mit Geld." Deshalb will Days wegziehen, aus Venice, aus Los Angeles, am liebsten gleich ganz das Land verlassen und nach Thailand auswandern.

Doch der Abbot Kinney bietet nun mal die besten Voraussetzungen für einen Boom: Zu Fuß geht man zwischen fünf und zehn Minuten zum Pazifik. Immer wieder begegnet man Surfern, die mit ihren Brettern unterm Arm die Straße auf Longboards entlang rollen. Die Sonne scheint sowieso fast immer. Hier spürt man die Nähe zum Pazifik in jedem Moment, sagen die Anwohner.

Wer dieses Straßenschild sieht, ist fast am Strand. © Lucas Negroni

Gut, dass es Leute wie Jules Muck gibt, die dem Abbot Kinney treu bleiben und ein Gesicht jenseits der teuren Designershops geben. Muck empfindet eine symbiotische Beziehung zu ihrem Wohnort und kann sich kaum vorstellen, woanders zu leben. Mittlerweile ist ihr als Künstlerin der Durchbruch gelungen, die Galerie Lab Art Los Angeles hat ihre Werke ausgestellt und in der Lobby des Luxushotels Casa del Mar in Santa Monica hängt ein Bild von ihr. Sie sagt: "Die Atmosphäre hier berührt mich im tiefsten Innern. Wenn ich hier bin, fühle ich mich getrieben, etwas zu erschaffen. Ich stehe manchmal um drei Uhr morgens auf und weiß genau, was ich malen werde. In Venice habe ich den Freiraum für meine Kunst gefunden."