Es gibt schlechtes Rauschen und es gibt gutes Rauschen, darüber ist sich die Menschheit im Wesentlichen einig. Autobahn und Fernseher eher schlecht, Applaus und Wald eher gut, über Föne und Staubsauger wird noch beraten. Der Takaragawa-Fluss hingegen ist eine Sensation. Kein gemütliches Rinnsal, in das Menschen die Füße halten, kein träges Geplätscher, kein Fluss im Nebenberuf, sondern Wasser, das durch die japanischen Berge brüllt. Das Rauschen, das einen morgens weckt.

Es dringt durch die Fenster des ryokan, wie traditionelle Hotels in Japan heißen. Das Hotel des Takaragawa Onsen ist erfüllt von diesem Geräusch. Die Flure mit dem blank polierten Eichenholz ebenso wie die großzügigen Zimmer. Vor mehr als 70 Jahren hat das Haus eröffnet, umgeben von Bergkuppen, mitten auf der japanischen Hauptinsel. Zwischen Bäumen, die schläfrig ihre Blätter schwenken, unten dicke Stämme, Wurzeln aus Zeiten, als Wellness noch nicht so hieß, und das Wort "Bäderlandschaft" gab es auch nicht. Allerdings, deswegen kommt man ja hier her.

Die Bäder des Hotels sind die eigentliche Attraktion, es sind die weitläufigsten heißen Freiluftquellen des Landes. Eine Holzbrücke führt über den Fluss, Baumwipfel spiegeln sich im dampfenden Wasser. Sicherlich ein Luxus. Wobei Luxus, was heißt das schon? Vielleicht ja: Natur in diesem dicht bebauten, dicht betonierten Land. Der Regisseur Akira Kurosawa hat einmal geklagt, es sei unmöglich geworden, in Japan Filme zu drehen, weil es keine unberührte Wildnis mehr gebe. Wann immer man sie im Fernsehen sieht, solle man wachsam sein, nach Überlandleitungen und Funktürmen schauen – sind keine zu sehen, wurde es woanders gedreht oder es sei eine Kulisse.

Gegen die Kälte der Welt

Das Takaragawa Onsen ist seit Jahrzehnten immer wieder der Drehort etlicher japanischer Werbespots und Fernsehserien. Kurzer Test an einem beliebigen Baum: echtes Holz. Auf der Brücke draußen zücken Liebespaare ihre Telefone und können diesen Ort kaum fassen. Selfie vor Bergpanorama, Moment, die Frisur. Ein paar alte Herren schreiten in ihren verzierten Mänteln, den Yukatas, die schmalen Wege zum Wasser entlang. Ein kurzes Nicken der von Hitze rotgewordenen, seligen Gesichter.

Das Takaragawa Onsen ist ein Ort, vor allem für frisch Verliebte oder schon lange Verspannte. Das Wasser hilft, laut Auskunft der Betreiber, gegen so manches, Arthritis, Rheuma, Stress und Muskelschmerzen oder: gegen allgemeines Frieren, gegen die Kälte der Welt. Bis zu 63 Grad heiß, direkt aus der Quelle. In der Luft liegt der leichte Duft von Schwefel. Vier Bäder sind es insgesamt, das Kodakara-Bad sollte sogar schon ins Guinnessbuch aufgenommen werden, knapp 330 Quadratmeter, es heißt, manch begeisterte Eltern aus der Stadt hätten ihre Kinder nach dem Bad benannt.

Als Wochenendausflug für Städter ist das Onsen gut gelegen. Von Tokio braucht der Shinkansen knapp zwei Stunden. Weiße Hochgeschwindigkeitsschlange, Lok mit melancholischem Gesicht. Wie viel Spaß Bahnfahren macht, wenn keine Aktentaschenmänner ins Telefon schreien, als müssten sie feindliche Übernahmen chinesischer Konzerne abwenden. Wenn keine Blazerfrauen auf ihren Laptop einschlagen wegen "neuer Nebenerlösmodelle" (Oh Herr, nebenerlöse uns!) und keine Rentner prekär dösenden Pendlern entgegentriumphieren: "Also, ICH glaube, WIR haben hier RESERVIERT."

Die Bärensuppe!

Japan, viertgrößte Volkswirtschaft der Erde, aber im Zug ist es so still und stumm wie die Landschaft, die auf dem Weg vorbeisaust. Sie besteht passenderweise aus: Schlafstädten. Das ganze Tokioter Umland ist eine, die schläfrigste Schlafstadt der Welt, man durchquert Orte, die sich morgens leeren und abends wieder füllen, keine trüben, verrufenen Gegenden, die einem ihre Plattenbausammlung zeigen, sondern: Häuschen mit Vorgarten und Doppelgarage, auch schon die ersten Berge, die an die Städte drängen, aber wer weiß schon, ob darunter nicht noch ein Einkaufzentrum ist mit Kegelbahn und Nagelstudio. Dann ist man fast da.

Im Örtchen Minakami holt ein Shuttlebus die Hotelgäste ab, kriecht über sich windende Wege, über Bäche und vorbei an Ferienanlagen, durchs Fenster riecht man schon den Wald. Einst lebten hier noch wilde Völker, unberührt von Zivilisation und WLAN (das Hotel wirbt mit einem "Poké-Spot"). Früher in der Yayoi-Zeit, um drei Jahrhunderte vor Christus, seien Soldaten ins nahe Dickicht geflohen. In den Wäldern hätten sie sich versteckt und Suppe aus Bärenfleisch gekocht, weswegen es ihnen zu Ehren im Hotel ein Gericht gibt, das Bärensuppe heißt, Hauptzutat "Wild", so ändern sich die Zeiten. Ein paar Bären leben in der Nähe in einem eigenen Gehege, Dauergäste, durchs Gitter dringt Brummen und Geknurpsel. Dahinter strommastlose Aussicht. Wie hieß noch mal das Wort dafür? Ach ja: verwunschen.