Die Geschichte Sarajevos geht bis ins Hochmittelalter zurück, die Stadt war zunächst slawische Siedlung, später Teil des Osmanischen Reichs und dann Österreich-Ungarns. In Sarajevo wurde Erzherzog Franz Ferdinand erschossen, was zum Ersten Weltkrieg führte. Nach 1945 gehörte es zum sozialistischen Teil der Welt, hier wurden die Olympischen Winterspiele 1984 ausgetragen.

Überlagert wird die reiche Historie der einzigen bosnischen Metropole noch immer vom Bosnienkrieg. Sarajevo, da schwingen Bilder aus der Tagesschau mit, die zerschossenen Fassaden, das Wummern der Artillerie, trauernde Menschen. Der Krieg endete im November 1995.

In den vergangenen 21 Jahren hat sich Sarajevo sehr verändert. Heute erklingen hier Muezzinrufe und Popmusik, es riecht nach Ćevapčići und Wasserpfeife. Die Altstadt ist voller Besucher, viele aus den Golfstaaten, die meisten Fassaden sind wieder hergerichtet – osmanische, monarchische oder sozialistische und dann sind da noch die modernen Häuser, die in den letzten Jahren hinzugekommen sind. Es ist nicht ganz leicht, das Sarajevo von gestern und heute zusammenzubringen.

Stadtführerin Merima Dervišbegović mit einer Reisegruppe vor der Nationalbibliothek © Katharina Müller-Güldemeister

Merima Dervišbegović gelingt es trotzdem: Mit Sonnenbrille im Haar und blau lackierten Fingernägeln steht sie am Nationaltheater vor einer Touristengruppe und erzählt in schnellem Englisch von ihrer Kindheit, die sie zu großen Teilen im Keller verbrachte, weil draußen Granaten einschlugen. Dervišbegović ist Bosniakin, also bosnische Muslimin, und führt Touristen gegen ein Trinkgeld durch ihre Stadt.

Als ihr Land 1992 seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärte und bosnische Serben daraufhin anfingen, Sarajevo zu beschießen, war sie sieben Jahre alt. Von den Bergen war die im Kessel liegende Stadt gut einsehbar. Wo Schusslinien für Scharfschützen verstellt waren, habe die Artillerie darüber geschossen, erzählt sie. "Wo ich gewohnt habe allerdings selten vor zehn Uhr." Deswegen konnte sie um 7.30 Uhr zum Unterricht rennen. Um 9.30 Uhr rannte sie wieder zurück.

Unter Dauerbeschuss

Unter Dauerbeschuss versuchten die Bürger der belagerten Stadt, so viel Alltag wie möglich zu erhalten. Wer Arbeit hatte, ging hin. Im Nationaltheater inszenierte Susan Sontag Warten auf Godot, ein Filmfestival wurde ins Leben gerufen und bei einem Schönheitswettbewerb die Miss Sarajevo gekürt. Obwohl jeder Schritt auf die Straße das Risiko erhöhte, von einem Geschoss getroffen zu werden. Davon erzählen die Rosen von Sarajevo. Es sind Einschlagsspuren von Granaten in Straßen und Gehwegen, die nicht ausgebessert, sondern mit rotem Harz ausgegossen wurden. Überall dort, wo so eine Rose blüht, sei ein Mensch gestorben, sagt Dervišbegović, oder mehrere.

Eine schon etwas verblasste Rose ist nur wenige Schritte vom Nationaltheater entfernt. Mit ein paar Tropfen aus ihrer Wasserflasche entfernt Dervišbegović den Staub und bringt die rote Farbe wieder zum Leuchten. "Für einen Moment machen mich diese Orte traurig", sagt sie. Aber man solle nicht ehrfürchtig vor ihnen erstarren. Sie seien auch eine Erinnerung, dass alle Sarajevoer, die heute in der Stadt unterwegs sind, nicht getroffen wurden.

In Sarajevo gibt es rund 200 Moscheen – mehr als in Irans Hauptstadt Teheran. © Katharina Müller-Güldemeister

Den Marktplatz Baščaršija mit dem orientalischen Sebilj-Brunnen, der etliche Postkarten ziert, lässt Dervišbegović aus. Die pittoreske Altstadt soll jeder selbst entdecken – zu trubelig die Gassen, durch die Bosnier und Touristen bummeln. Ihre Tour führt zu anderen Orten: Sie geht durch den Park, vorbei an Rentnern, die auf einem aufgemalten Riesenschachbrett stehen, rauchen und diskutieren. "Wer keine 65 ist, kann lange warten, bis er hier drankommt", sagt sie im Vorbeigehen, "Frauen auch."

Auf der anderen Seite des Flusses steht ein langgezogener Wohnblock in Wellensittichgelb und Moosgrün. "Wir nennen es das Papageienhaus", sagt Dervišbegović. "Und egal, wen man in Sarajevo nach dem hässlichsten Haus fragt, er wird das hier nennen". 1982 wurde es gebaut, zwei Jahre vor den Olympischen Winterspielen in Sarajevo. "Man wollte zeigen, dass Sarajevo auch modern bauen kann." Die Leute haben sich aber nie daran gewöhnt. Wegen der hässlichen Aussicht sind die Mieten in den Häusern genau gegenüber besonders günstig. Sie habe das selbst überprüft, sagt Dervišbegović.

Mehr Moscheen als in Teheran

Weit schöner aber nicht weit entfernt ist die Kaisermoschee – gebaut im 15. Jahrhundert und damit die älteste Moschee der Stadt. "Was schätzt ihr, wie viele Moscheen es hier gibt?", fragt sie. "Zwanzig?", die Stadtführerin schüttelt mit dem Kopf. Es sind 200 – mehr als etwa in der 12-Millionen-Stadt Teheran (Sarajevo hat keine 300.000 Einwohner). Die Stadt bestand früher vor allem aus dem Marktplatz, gewohnt wurde in kleinen Orten an den Hängen. In jedem Dorf gibt es eine Moschee und auch im Tal. "Es wäre ja unpraktisch gewesen, zum Beten jedes Mal auf den Berg klettern zu müssen." 

Während der Belagerungszeit war die Brauerei eines der wichtigsten Gebäude der Stadt. Nicht weil es dort Bier gab, sondern eine Quelle. "Fließendes Wasser hatten wir während der Belagerung nicht und beim Warten vor den Wasserstellen war die Gefahr besonders groß, von einem Scharfschützen getroffen zu werden." Hatte man es in die Brauerei geschafft, ein schmuckes Gebäude aus rotem Sandstein, konnte man dort in Sicherheit seine Kanister auffüllen. Die Einwohner denken noch heute daran, wenn sie ein frisch gezapftes Sarajevsko trinken.

Auf dem Kovaci-Friedhof oberhalb der Altstadt ist auch der erste Präsident der Republik Bosnien und Herzegovina, Alija Izetbegovic, beigesetzt. © Christoph Borgans

Nahrungsmittel brachten die Vereinten Nationen per Flugzeug in die Stadt. An die Lieferungen kann sich Dervišbegović noch gut erinnern: "Während die UN-Soldaten da waren, wurde nicht geschossen." Die Pakete enthielten vor allem Milchpulver und Konserven. An das Rindfleisch aus der Dose und den Reis erinnert sie sich allerdings nicht so gern: "Im Reis waren Würmer und die Rindfleischkonserven enthielten alles außer Rindfleisch", sagt sie, und schiebt hinterher: "Aber wenn du hungrig bist, ist jedes Essen gut".

Sie will nicht falsch verstanden werden, das merkt man: "Die Lebensmittel haben uns sehr geholfen, aber rückblickend frage ich mich schon, wo die herkamen." Auf den Konserven habe weder ein Haltbarkeitsdatum noch die Herkunft gestanden. "Wir glauben, dass es die Reste vom Zweiten Weltkrieg waren, vielleicht auch aus Vietnam." Jedenfalls habe sie kleine Dinge sehr zu schätzen gelernt. "Das erste Stück Schokolade war wie ein neues Leben."

Nach zweieinhalb Stunden geht die Führung zu Ende, letzte Station ist die wiederaufgebaute Stadthalle. Hinter der aufwendig gestalteten Fassade aus gelben Klinkern und Ziergiebeln befindet sich die Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina. Bevor sich Dervišbegović verabschiedet hat sie noch eine Bitte: "Erzählt euren Freunden, dass es in Sarajevo sicher ist." Über 20 Jahre nach Kriegsende, wird sie in E-Mails manchmal gefragt, ob es noch Scharfschützen gibt. "Es wäre schön, wenn das irgendwann aufhört."