Das polnische Wrocław, zu deutsch: Breslau, ist noch bis Ende des Jahres Kulturhauptstadt Europas. Schon lange zieht es Investoren, neue Arbeitgeber und Touristen in die Stadt. Wrocław befindet sich also im Aufschwung. Und das, obwohl es so schlecht zu erreichen ist. Vor dem zweiten Weltkrieg brauchte ein als "Fliegender Schlesier" bekannter Schnellzug für die Strecke Berlin-Breslau dank neuartiger Diesellokomotiven lediglich zwei Stunden und vierzig Minuten. Und heute? Seit fast zwei Jahren gibt es keine reguläre Zugverbindung mehr zwischen beiden Städten. Der Grund: Schwierigkeiten bei der Synchronisation der beiden Strom- und Streckennetze.

Der behelfsweise eingesetzte Bus fährt vier Stunden und fünfzehn Minuten – im besten Fall, bei halbwegs freien Straßen und gutem Wetter. Seit dem Frühsommer 2016 verbindet zusätzlich der sogenannte Kulturzug die beiden Städte, allerdings immer nur an den Wochenenden. Immerhin zeigt diese Verbindung, dass die Bahnstrecke durchaus befahrbar ist. Der in Berlin lebende Breslauer Autor Mateusz Hartwich deutet den Zuspruch für den Kulturzug als Zeichen für ein reales Interesse am Kennenlernen der jeweils anderen Stadt: "Es wäre ein fatales Zeichen, wenn aufgrund von Abstimmungsschwierigkeiten auf technischer Ebene diese Verbindungen wieder gekappt würden. Das Kulturhauptstadtjahr hat vielen Menschen vor Augen geführt, dass Europa nicht an der Oder aufhört."

Mit diesem Wunsch nach guten Zugverbindungen zwischen Polen und Deutschland ist Mateusz Hartwich nicht allein. Alle, die sich beispielsweise eine Direktverbindung zwischen Berlin und Breslau wünschen, wurden auf dem gestrigen deutsch-polnischen Bahngipfel in Stettin erhört, vorerst. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kündigte an, dass der Kulturzug bis 2018 weiter verkehren werde. Zudem stellte Woidke in Aussicht, in zwei Jahren zusätzlich eine reguläre Zugverbindung zwischen Berlin und Breslau eröffnen zu wollen. Ob das Wunschdenken ist, bleibt abzuwarten.

Zwischen den beiden Hauptstädten Warschau und Berlin existiert bereits eine Zugverbindung: Der Berlin-Warszawa-Express. Der graue Zug mit dem dunkelblauen Streifen fährt fünf Mal täglich vom Berliner Hauptbahnhof in Richtung Osten. Wenn alles gut geht, hält er fünf Stunden und 28 Minuten später in Warszawa Centralna. Für Wirtschaftsvertreter, Designer, Wissenschaftler, Stiftungsmitarbeiter und Erasmus-Studierende, die zwischen beiden Hauptstädten pendeln, ist die Zugverbindung mehr als eine gewöhnliche Strecke.

25 Jahre nach Abschluss des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags finden im Bordrestaurant Arbeitsbesprechungen statt, die Reisenden diskutieren über die Politik beider Länder oder bereiten sich auf einen Wochenendausflug im Nachbarland vor. Während japanische Touristen auf Hauptstadttour in der Mitropa, die in Polen WARS heißt, eine polnische Sauerteigsuppe probieren, redigiert eine Warschauer Germanistin Manuskripte über geschlechterspezifische Erzählperspektiven. Der Autor und Kabarettist Steffen Möller trifft hier gewöhnlich seine Fans aus beiden Ländern. Wenn das Bordrestaurant funktioniert. Denn der Zug ist nicht nur im Guten Sinnbild der deutsch-polnischen Beziehungen. Nie verkehrte er so häufig und schnell. Und nie zuvor gab es so viele Ausfälle der Speisewagentechnik, der Klimaanlage und der Stromaggregate.

Der Berlin-Warszawa-Express war Mitte der 1990er der schickste und schnellste Zug, der in Polen verkehrte. Die polnische Staatsbahn hatte damals Dutzende Waggons eigens für die Strecke Berlin-Warschau modernisiert. Wie die Annäherung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen im Zuge einer neuen Ostpolitik unter Willy Brandt, reicht die Geschichte des Zugs in die 1970er Jahre zurück. Die ursprünglich von der Bundesbahn verwendeten Waggons sind inzwischen weit über fünfzig Jahre alt – und noch immer im Einsatz. Zwei Jahrzehnte nach ihrer Modernisierung wirken sie heute stark abgenutzt und veraltet.

2016 ist der Express mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde eine der langsamsten Verbindungen im polnischen Schnellstreckennetz. Dabei ist die Fahrzeit von fünfeinhalb Stunden für 600 Kilometer bereits das Ergebnis der langjährigen Kooperation zwischen Fachpolitikern, mehreren Bahnunternehmen und Herstellerfirmen. Viele Jahre hatte der Zug länger als sechs Stunden für die Strecke gebraucht. Die meisten Reisenden würden sich schon freuen, wenn es eine Steckdose zum Aufladen ihrer Laptops gäbe, viele Pendler reisen schließlich nicht zum Spaß, sondern arbeiten im Berlin-Warszawa-Express. Und auch Touristen können Strom gebrauchen.