Es gibt in Italien wohl nur wenige Orte, an denen sich die Mittelmeerküste so spektakulär zeigt wie in Ligurien. Die Region reicht von der französischen Grenze im Westen bis zum Schienbein oberhalb des sprichwörtlichen Stiefels. Dort, wo das Wasser aufhört, geht die Landschaft fast vertikal ins Gebirgsmassiv über. Doch wer diese Aussicht genießen will, muss teilen können, die Riviera di Ponente gehört zu den turbulentesten Badeküsten Italiens.

Verlässt man aber die betriebsamen Küstenorte landeinwärts, fällt der Lärmpegel bald auf null. Schmale Serpentinenstraßen winden sich durch Olivenhaine und Weinberge ins felsige Hinterland hinauf. Hier und da ein aus der Ferne menschenleer wirkendes Dorf mit einem weithin sichtbaren Kirchturm oder einem geschichtsträchtigen Kastell.

Apricale, ein verschachteltes Häuserlabyrinth 15 Kilometer von Ventimiglia entfernt, stapelt sich einen schroffen Hang hinauf. Den Ort gibt es seit dem Mittelalter. Die Wege sind kopfsteingepflastert und so eng und steil, dass gerade einmal das motorisierte italienische Dreiradwunder Ape sie erklimmen kann, um Waren und auch immer öfter die Koffer von Urlaubern zu transportieren. Zeitgenössische Murales schmücken die Fassaden und robusten Mauern mit Szenen aus dem bäuerlichen Alltag und ligurischen Landschaftsbildern.

Liguriens Bergdörfer

"Früher haben die Menschen in Apricale von der Landwirtschaft gelebt, vor allem vom Olivenanbau," erzählt Emanuela Pisano, Inhaberin eines Hotels im Ort. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten dann immer mehr Italiener ihr Glück in den Städten. Die Häuser die sie zurückließen, verfielen, auch in Apricale. Das änderte sich erst, als ein engagierter Bürgermeister den Ort wiederbelebte, indem er oben im Kastell ein Museum und eine Galerie einrichtete. Als die ersten Besucher kamen, kehrten auch einige Bewohner zurück.

Die Piazza von Apricale © Sigrid Mölck-Del Giudice

Weil die Immobilienpreise in Liguriens Hinterland niedrig waren, kaufte Emanuela Pisano nach und nach verlassene Häuser auf. Sie ließ sie renovieren und machte daraus ein Albergo diffuso, ein verstreutes Hotel. Nach und nach eröffneten kleine Trattorien und Läden. Im Hochsommer, wenn das populäre Teatro della Tosse aus Genua zwei Wochen lang gastiert und sich die Piazza in eine Theaterbühne verwandelt, kommen Besucher aus ganz Ligurien ins Dorf. 

Die ligurischen borghi, die Bergdörfer, manche nur wenige Kilometer vom Meer entfernt, setzen immer stärker auf Einnahmen durch den Tourismus. Inzwischen wirbt fast jedes Dorf mit eigenen Legenden und Geschichten, von denen in den mittelalterlicher Gassen, Höfen und Treppenwegen fast jede Ecke erzählt.