Viel transparentes Türkis, viel feinkörniges Weiß, dabei stand man doch eben noch auf den grauen Bodenplatten eines Berliner S-Bahnhofs. Der kurze Weg zum Messegelände ist voller Banner, die für einen Urlaub in der Türkei werben. Der Strand von Antalya klebt großflächig an der Betonwand einer Unterführung, aus der Vogelperspektive schimmert das Mittelmeer besonders blaugrün, Menschen baden, Jachten dümpeln. In der Eingangshalle dann ein agiler Golfer und ein türkischer Fels im warmgelben Licht der Abendsonne.

Warum noch mal "sollten wir über einen Tourismusboykott nachdenken", wie die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, gefordert hat? Ach ja, weil das Land ohne Erdoğan noch schöner sei. Den Aufruf hätte sich Kipping sparen können, die Besucherzahlen sind auch so im Keller. Nachdem die Terroranschläge im Juni 2015 begannen, ist der Branchenumsatz stark zurückgegangen – in diesem Jahr machte der Tourismus knapp 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Laut des türkischen Amts für Statistik sanken die Einnahmen im Jahr 2016 um 8,5 Milliarden, also um knapp ein Drittel. Und für 2017 ist keine Erholung in Sicht. Da klingt der diesjährige Slogan etwas euphemistisch: Türkei, immer wieder schön.

Auf der ITB, der größten Tourismusmesse der Welt, hat die Türkei in diesem Jahr eine ganze Halle gemietet und nicht an der Ausstattung gespart. Angestrahlt von mehreren in einem Blumenbeet verborgenen Scheinwerfern erhebt sich eine Replika des Portals der Divriği-Moschee aus dem 13. Jahrhundert. Die nachgebaute Fassade der Ephesos-Bibliothek aus römischer Zeit sieht auch nicht schlecht aus. Alle 50 Bundesstaaten der USA zusammen beanspruchen weniger Platz, sie teilen sich die Nachbarhalle mit Kanada. Das alles hier sieht nach Schadensbegrenzung aus.

Eine Replika der Fassade der Ephesos-Bibliothek, die einst die Römer bauten © Alexander Krex/Zeit Online

Sogar der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu kam nach dem Krisengespräch mit seinem Amtskollegen Sigmar Gabriel zum Messeauftakt nach Berlin und warb um deutsche Urlauber. Man kann natürlich darüber streiten, ob er nach seinem Nazivergleich das richtige Testimonial war. 

Bombenanschläge in Istanbul und der Osttürkei, der Putschversuch, und jetzt auch noch der inhaftierte Journalist Deniz Yücel und die diplomatischen Verwerfungen zwischen Ankara und Berlin: Die türkischen Touristiker können einem nur leid tun. Und es geht noch weiter. Bis zur Abstimmung über die Verfassungsreform in der Türkei am 16. April sind noch 30 Wahlkampfauftritte in Deutschland geplant, was einer schnellen Entspannung im Weg stehen dürfte.

Warum passieren solche Sachen?

Und was sagen die türkischen Reiseveranstalter auf der ITB dazu? Erst einmal sehr wenig, die Frauen und Männer hinter den Ständen entschuldigen sich, sie seien ja nur Manager einzelner Hotels oder Regionen, keine Politiker. Dafür verteilen sie Visitenkarten von Vorgesetzten, die vielleicht ein Statement abgeben, falls sie heute noch mal auftauchen. Tayyar Cengiz, ein kräftiger Mann mit Magnolie im Knopfloch, sagt zunächst auch, dass er hier sei, um über Gastfreundschaft zu sprechen, nicht über Nazivergleiche.

Er will dann aber doch was loswerden, schließlich sei er nicht nur Repräsentant der Stadt Didim an der Ägäis, wo das Geschäft nach wie vor gut laufe, sondern auch Türke. Er denke also auch an seine Kollegen, etwa in Antalya, die nicht wüssten, wie sie ihre Gästebetten voll bekommen sollen. Und ja, er mache sich Sorgen. "Warum passieren solche Sachen zwischen unseren Ländern, ich verstehe das nicht", sagt er. Es sei wie unter Nachbarn: Ist die Beziehung erst einmal schlecht, wolle man nichts mehr miteinander zu tun haben.

Tayyar Cengiz, Reiseveranstalter aus Didim an der Ägäis © Alexander Krex/Zeit Online

Die deutschen Touristen seien sehr, sehr wichtig, sagt er, die Verbindung zwischen den Völkern historisch und eng. Momentan aber mache man es den Deutschen schwer. "Wenn sie hören, was unsere Politiker über ihr Land und über ihre Regierung sagen, wie können sie da kommen?" Terror wie in Istanbul sei schlimm, aber die Leute würden so etwas wieder vergessen, nicht nach Tagen, aber nach Wochen und Monaten. "Dann kommen sie wieder, das wissen wir." Diplomatische Verwicklungen seien da schädlicher für die Branche, weil Beleidigungen eine Beziehung langfristig vergiften können. Wenn sich Tayyar Cengiz etwas von den Politikern wünschen könnte, dann, dass sie auch mal schwiegen. Das würde helfen, meint er.

Als er vor wenigen Tagen am Flughafen Tegel in Berlin ankam, habe er kurz gedacht, ob ihn der Polizist fragen werde, was er als Türke überhaupt hier wolle. Der Beamte hat dann aber nur gelächelt und gesagt: Herzlich willkommen. Das habe Cengiz Mut gemacht.

"Fragen Sie die Türken auf der Straße"

Ein paar Meter weiter hält Nizamettin Şen die Stellung, er lehnt an einem der Stände in der Antalya-Ecke. Die berühmte türkische Riviera mit ihren langen Sandstränden geht doch eigentlich immer, oder? Ja, schon, sagt Şen, aber die Politik spiele eben auch eine Rolle. Letztes Jahr seien viele Besucher aus Russland ausgeblieben, Grund war der Abschuss eines russischen Kampfjets nahe der syrischen Grenze durch türkische Soldaten. Jetzt, da sich das Verhältnis wieder normalisiert habe, kämen die Russen wieder.

Der Schlagabtausch zwischen türkischen und deutschen Politikern werde der Branche nicht in dem Maße schaden, glaubt Şen. "Das ist nur Politik, das ist nur Reden", sagt er. "Kommen Sie in die Türkei und fragen Sie die Menschen auf der Straße, was sie über Deutschland denken. Sie werden nur Gutes hören."

Dass die Türkei auf der diesjährigen ITB so viel Raum einnimmt, bringt er nicht mit der internationalen Kritik an der Regierung Erdoğan in Verbindung. Man habe schon immer groß geworben, sagt er, und der Tourismus im Land werde als Geschäftszweig immer wichtiger. "Wir haben einfach mehr Betten als früher, allein in Antalya sind es 60.000." Deshalb hofft er, wie so viele in Halle 3.2, dass sich die Deutschen doch wieder für einen Urlaub in der Türkei entscheiden. Auch wenn es erst in letzter Minute ist.