Langsam, ganz langsam kommen die fünf Reiter näher. Aus dem leichten Traben von eben ist ein vorsichtiger, zögerlicher Schritt geworden. Die Pferde wirken angespannt, die Menschen auf den Pferden auch. "Da sind sie", flüstert Jessie, und spricht dann betont laut weiter, "es ist besser, wenn sie uns kommen hören." Was aus der Ferne wie eine flache, dunkelbraune Erdkuppe aussah, ist in Bewegung.

Ein paar hundert Meter voraus ziehen gemächlich gut 2.000 Bisons über das dürre Grasland des San Luis Valley im Süden Colorados. Ein überwältigender Anblick. Eine Landschaft, geformt aus Tausenden massiven schwarzbraunen Körpern, jeder von ihnen eine Tonne schwer. Die Reiter verharren, beobachten, fotografieren, staunen. Einige Tiere drehen ihre mächtigen Köpfe, dann äsen sie weiter. Nach einer Weile sagt Jessie, "Okay, let's give them the space they need". Auf Deutsch heißt das so viel wie "Kommt, lasst uns verschwinden!" Die Gruppe dreht ab und macht sich auf den Zwei-Stunden-Ritt zurück zur Ranch. 

Es ist dieses Behutsame und Ehrerbietige gegenüber der Natur, das die Zapata Ranch und ihre Besucher so besonders macht. Kein Wunder, der gut hundert Jahre alte Hof wird von der Nature Conservancy betrieben, einer der größten Umweltschutzorganisationen der USA. Die Guest Ranch hat sich dem Naturschutz verschrieben.

Zwei Wrangler der Zapata Ranch treiben Pferde über Land. © Katie Matheson

Das Land wird über Jahrzehnte hinweg ökologisch bewirtschaftet und später einmal Teil des angrenzenden Nationalparks Great Sand Dunes werden. Die Umweltschützer sind dabei, den Teil des Ranchgeländes, der einst ein Golfplatz war, zu renaturieren. Hier sollen bald wieder Präriegräser wachsen. Die meisten Pferde sind aus Tierschutzgründen unbeschlagen, das heißt, sie tragen keine Hufeisen. Und auf den großen Holztisch, an dem alle Gäste zusammen essen, kommen nur lokal angebautes Gemüse und Biofleisch. 

Zapata liegt auf 2.300 Metern Höhe in einem Hochtal mitten in den Rocky Mountains, der nächste Ort ist einige Dutzend Kilometer entfernt. Das Ranchland umfasst mehr als 400 Quadratkilometer, das ist größer als das Stadtgebiet Münchens. Allein die Bisonweide ist 200 Quadratkilometer groß. "Manchmal sehe ich die Herde drei Wochen lang nicht", sagt Jessie Hallstrom und lächelt unter ihrem Cowboyhut hervor. Sie ist 27 und Wranglerin, eine Pferdetreiberin. "Man könnte Bisons als Extrem-Kühe bezeichnen", erzählt Jessie, "sie können extrem schnell rennen, bis zu 50 Stundenkilometer, und mit ihrem Rammbockkopf oder den Hinterbeinen töten sie sogar Bären und Wölfe."

Das Herz der Zapata Ranch ist das Blockhaus unter Pappeln. © Duke Phillips

Die Ranch liegt zwischen dem Hochgebirge, dessen Gipfel auch im Juli noch schneebedeckt sein können, und den 230 Meter hohen Sanddünen des Nationalparks. Den erreicht man auf einem Ausritt, der zunächst durch dichte Espenwälder führt. Wer es 35 Kilometer im Sattel aushält, der kann auch Crestone besuchen, einen kleinen Ort, an dem sich Ökotouristen und Sinnsucher in Zen-Zentren, Ashrams und Meditationsworkshops versammeln. Wer danach "saddle sore" ist, also einen schmerzenden Hintern hat, der kann am nächsten Tag am Rio Grande das Fliegenfischen lernen oder auf dem wilden Arkansas River Rafting ausprobieren. 

In den USA boomen die Ranchaufenthalte, viele expandieren. Die Betreiber der Zapata Ranch haben ein Zeltcamp errichtet, weil es nur 15 Zimmer in den Holzhäusern gibt. Immer mehr Besucher entscheiden sich dazu, mit anzupacken. Statt bei geführten Ausritten hinter einem Wrangler herzuzockeln, ziehen sie mit den Berufscowboys los und flicken Zäune, platzieren Salzlecken für Kühe, impfen Bisonkälber. Im April und im Mai kann man beim Brandmarken der Tiere helfen, später dann beim Treiben des Viehs auf die Sommerweiden.

Cowboys außer Dienst © Katie Loewen

In der Morgenkälte steht man dann an der Scheune, eine Blechtasse schwarzen Kaffee in der Hand und beobachtet die Cowboys, die mit Kaffeekrümel-Lächeln die Pferde satteln für einen langen Tag mit Wind, Sand und Sonne. Und wenn man seine Sache gut gemacht hat, hört man am Abend vielleicht ein kurzes "Well done!".  

Es fühlt sich ein wenig wie in den alten Bonanza-Filmen an, was vor allem daran liegt, dass das Zapata-Haupthaus ein wenig an die Ponderosa Ranch erinnert. Umstanden von Pappeln, die im Herbst gelb leuchten, urgemütlich, mit tiefen Sesseln, in denen man versinken kann, um in Büchern wie The Indian Tipi oder Pioneer Women zu blättern. Abends am Kaminfeuer, nach dem Büffel-Steak, gibt es Cowboysongs, die Wrangler erzählen von dreibeinigen Kojoten, von Gordon, dem Bison-Waisen oder den Gespenstern, die in den verfallenden Gebäuden der nahegelegenen Medano Ranch umgehen sollen.

Spät am Abend, auf dem Weg ins Bett, taucht der Mond die Prärie in ein milchiges Licht. Und in der Ferne, fast schon am Horizont, scheint sich ein dunkler Hügel zu bewegen. Ganz langsam. Richtung Westen.