Unsere Reise ans Ende der Welt beginnt in Bluff. Einem Küstenort voller verwitterter Holzhäuser an der Südspitze Neuseelands. Wer es als Tourist bis ganz hier unten geschafft hat, der hat keine Erwartungen mehr an Neuseeland. Der hat sich sattgesehen an spitzen Vulkanen, furchigen Gletschern, hellblauen Seen und lindgrünen Herr der Ringe-Drehorten. Und doch wartet da noch etwas Spektakuläres: Stewart Island, Neuseelands drittgrößte Insel. So groß wie Teneriffa und doch von den meisten Reisenden übersehen. Wer nach Rakiura, der "Insel des glühenden Himmels", wie Stewart Island in der Sprache der Maori heißt, reisen will, der muss es wirklich wollen: Die Fahrt über den tosenden Foveaux Strait, das unberechenbare Wetter und die absolute Einsamkeit.

Wir reiten über Wellenberge hinweg, vorbei an Austernbänken nach Oban, dem einzigen Ort auf Stewart Island. Alle 381 Bewohner leben hier. Der Rest der Insel besteht aus unberührter Wildnis, die noch immer so aussieht wie vor Tausenden von Jahren. Am Fähranleger ist das Wasser so klar, dass wir bis auf den Grund schauen können. Die in unserer Vorstellung von Stürmen zerzauste Insel wirkt auf den ersten Blick erstaunlich friedlich. Das Meer schwappt sanft an den goldenen Strand von Halfmoon Bay und auf den Strommasten zwitschern Tuis und Wood Pigeons.

Wir fühlen uns sehr weit weg von allem, stellen aber schnell fest, dass andere Deutsche vor uns hier waren. Holger Lachmann aus Sachsen betreibt auf Stewart Island den südlichsten Fish-&-Chips-Laden der Welt. Und Annett Eiselt, die Besitzerin unserer Unterkunft, hat lange Zeit als Theaterproduzentin an der Hamburger Reeperbahn gearbeitet. Trotzdem beflügelt uns das Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem erst seit kurzer Zeit Menschen leben. Vor 700 Jahren kamen die ersten Maori und im 18. Jahrhundert Walfänger und Robbenjäger europäischer Abstammung auf die Insel.

Der letzte Stopp vor der Antarktis

Über einen schmalen Pfad durch den Regenwald laufen wir in die nächste Bucht, um baden zu gehen. Das smaragdgrüne Meer glitzert verheißungsvoll in der grellen Sommersonne, ist aber trotzdem eiskalt. Im heißen Sand wärmen wir uns auf und blicken zum Himmel empor, der uns dreimal so hoch wie anderswo erscheint. Das hier soll der letzte Stopp vor der Antarktis sein? Unfassbar.

Wie ungemütlich es auf Stewart Island werden kann, spüren wir erst nach Sonnenuntergang. Bei Nieselregen und eisigem Wind fahren wir mit einem Boot in den blauschwarzen Nachthimmel hinein. Unser Ziel: ein abgelegener Teil der Insel, in dem sich nachts Kiwis auf Nahrungssuche begeben. 20.000 der scheuen Vögel leben auf Stewart Island, weil sie hier kaum Feinde wie Katzen, Ratten oder Opossums haben.

Den scheuen Kiwi bekommt man nur nachts und mit Glück zu Gesicht. © Life on white/getty images

Im Schein unserer Taschenlampen folgen wir unserem Guide über einen matschigen Pfad in die Dunkelheit. Das Neuseeland vor tausend Jahren können wir nur schemenhaft erkennen, aber dafür fühlen, riechen und hören. Zarte Regentropfen fallen durch das dichte Dach des Waldes, es duftet nach feuchtem Moos und in der Ferne hören wir das Donnern der Brandung. Weil Kiwis zwar nicht fliegen, aber dafür sehr gut hören können, darf keiner von uns ein Wort sagen. Nicht einmal, als wir nach fast zwei Stunden endlich einen Kiwi sehen, der an einem Strand mit seinem Schnabel nach Sandflöhen bohrt.