Die Luft über Potosí flirrt in der Mittagshitze. Die Straßen sind menschenleer, nur ein Rudel nervöser Hunde und die Tristesse des Asphalts. Am Fuße des Berges Cerro Rico stehen die Baracken der Bergleute: Flachbauten mit Wellblechdächern, vergitterte Fenster, dahinter Geröllhänge. Hier leben jene Männer, die Boliviens Wirtschaft mit Zink und Silber versorgen.  

Potosí liegt auf 4.090 Meter und hat 160.000 Einwohner. Mit ihrer Altstadt im Kolonialstil, erbaut im 17. und 18. Jahrhundert unter den Spaniern, kann sich die Stadt sehen lassen. Ihr Reichtum aber ist teuer erkauft.

Am Ende der Straße befindet sich der Mercado de Mineros. Der wohl einzige Supermarkt weltweit, auf dem man legal Dynamit kaufen kann. Die Regale sind gefüllt mit Zigaretten, Cola, Keksen, Amoniumnitrat, Dynamitstangen, die Kokablätter sind in blauen Tüten abgepackt. Hier gibt es alles, was die Bergarbeiter brauchen, sagt die Verkäuferin Señora Maria. Ihr Zuckerrohrschnaps ist fast hundertprozentig, er soll die Wahrnehmung dämpfen, die Sinne schützen im beengten Labyrinth unter Tage.

Der Mercado de Mineros führt hochprozentigen Schnaps, Dynamit und Taschenlampen. © Aizar Raldes/Getty Images

Vor dem Eingang in den Berg stoppt Wilfredo Eloy Bracamonte den Toyota auf dem Schotterweg. Der ehemalige Bergarbeiter knipst die Taschenlampe auf seinem orangen Helm an, steckt die Hose in die Gummistiefel. In den Gängen musst du dich bücken, auf die Pfützen am Boden achten, aufpassen, dass du nicht ausrutscht, sagt Bracamonte. Er ist 30 Jahre alt, sein Vater starb mit 37 Jahren an Silikose, einer Art Staublunge, wie zuvor sein Großvater. Der Tod seines Vaters hat sein Leben verändert: Er fing als Hilfsarbeiter in der Stadt an, abends lernte er Englisch. Seit sieben Jahren führt er Besucher in die Minen.

Armer Berg

Schon die Inka beuteten den Cerro Rico aus, den "reichen Berg", Anfang des 16. Jahrhunderts übernahmen die spanischen Kolonialherren. Zwischen 1556 und 1783 sollen 45.000 Tonnen reines Silber gefördert worden sein. Die Spanier ließen die Einheimischen unter Tage arbeiten – und sie ließen sie sterben. Die Tunnel wurden immer tiefer in den Berg getrieben, die Mineros blieben oft tagelang in der Grube, sieben von zehn Arbeitern sollen gestorben sein.   

Damals suchte man Silber, später Erz. Heute sind die Erzvorkommen, aus denen man Zinn und Zink gewinnt, fast am Ende. Der reiche Berg ist arm geworden. Trotzdem arbeiten noch rund 15.000 Jungen und Männer in seinem Innern. Rund zehn Prozent von ihnen sind laut den Vereinten Nationen minderjährig. 

Der "Reiche Berg" überragt die Stadt Potosí. © Aizar Raldes/Getty Images

Wir treffen Leon aus La Paz, 20 Jahre alt, verschwitztes Gesicht, blauer Helm. Leon verdient erstmals eigenes Geld, mehr als seine Eltern, darauf ist er stolz. Trotzdem will er vom Fremdenführer wissen: Wie schafft man es aus den Stollen an die Universität? Habe ich auch eine Zukunft dort draußen? Er würde sein Minenarbeiter-Dasein am liebsten eintauschen, gegen Bildung, gegen eine Karriere im Tageslicht.

Hier unten gibt es nicht viel zu lernen. Aber das, was man weiß, ist existenziell: Wo wird gesprengt. Wo ist der nächste Ausgang. Das Koordinatensystem der Minenarbeiter ist überlebenswichtig, die Orientierungspunkte sind in ihren Köpfen eingebrannt. Wer zwischen den Steinwänden verloren geht, ist verloren.

Unten regiert der Teufel

In einer von Kerzen erleuchteten Kuhle thront der Eigentümer des Silbers. Vor 300 Jahren schufen indianische Sklaven die Steinstatue, sagt Wilfredo Bracamonte, den Tío, den Onkel. Die Bergleute schenken der gehörnten Gestalt, mit Zigarette zwischen den Lippen, Kokablätter, Zigaretten, Sprite, Cola. Sie behängen den Onkel mit Notizen, auf denen ihre Wünsche geschrieben stehen. Sie danken, bitten um Schutz, erzählen von ihren Sorgen. Bracamonte greift in seinen Plastikbeutel und lässt eine Handvoll Kokablätter auf den Tío herabrieseln. Er beträufelt die Statue mit 97-prozentigem Alkohol, bevor er die Flasche selbst zum Mund führt. Oben sind die Mineros Katholiken, hier unten beten sie den Teufel an.

Bracamonte gibt ein Handzeichen, es geht weiter, weiter rein. Man muss sich kleinfalten, um überhaupt in den Schacht zu gelangen. Bei einem Meter geht man gekrümmt, bei einer Höhe von 40 Zentimetern kriecht man auf Händen und Knien. Die Pfützen liegen groß und schlammig am Boden. Von der Decke tropft Säure. Vermoderte Stützbalken. 35 Grad. Staub. Sauerstoffmangel. Je weiter man in die Stollen kommt, je tiefer man hinabsteigt, desto dicker und trockener wird die Luft. Die Enge zerhackt die Minuten, zieht Energie.

Mehr als 100 Meter unterhalb des Mineneingangs arbeitet eine Gruppe kokakauender Mineros. Javier, 37, Romeo, 20, und Roberto, 16, der mit ausgebeulter Backe aus einer Colaflasche trinkt. Romeo rast mit vollbeladener Schubkarre durch den halben Meter engen Schacht, vorwärts. Javier, der den Karren belädt, hält schweißgebadet inne, um sich dann wieder mit dem Pickel auf die Wand zu stürzen. Der fünffache Familienvater schuftet seit fünfzehn Jahren in den Minen. Mitunter sieht er das Tageslicht lange nicht.

Der Stolz der Mineros

An Weihnachten nehme ich mir ein paar Tage frei, um meine Frau und Kinder zu sehen, sagt Javier, und blickt aus müden Augen. Woher kommen Sie? Deutschland? Das ist ein gutes Land, sagt er ernst. Dort haben die Menschen alles. Dann macht er sich wieder an die Arbeit. Die Zeit ist zu kostbar für viele Worte. Die Schubkarre muss befüllt werden. Kein Erz, kein Geld.

Es ist schwer, einen anderen Job in Potosí zu finden. Nahezu die ganze Stadt wird von der Mine ernährt, und das seit 500 Jahren. Die Mineros sind stolz auf ihre seit Generationen bestehende Tradition, auf ihre Kultur, ihre Solidarität, sagt Bracamonte, der Fremdenführer. Er weiß das, er war ja selbst mal einer von ihnen. Er weiß aber auch, dass er die meisten seiner ehemaligen Kollegen überleben wird. Das Durchschnittsalter der Mineros hier liegt bei 40 Jahren.