Falls sich irgendjemand an die Benjamin-Blümchen-Folge mit der Rolltreppe erinnert, die irgendwo im fiktiven Neustadt gen Himmel führt: Marburg hat, neben einigem anderen, zwei ganz ähnlich erhebende Bauwerke. Die Stadtaufzüge katapultieren einen in wenigen Sekunden von ganz unten nach fast ganz oben, kostenlos und bis tief in die Nacht hinein.

Kritiker bezeichnen Marburgs Aufzüge allerdings als "versifft" oder gar "Schande" für die Stadt; wer entsprechende Ansprüche an einen Aufzug mitbringt, sei hiermit also gewarnt. Komfortabel sind sie allemal: Niemand muss sich schweißbeperlt den steilen Weg in Marburgs historischen Kern hinaufquälen. Und der Stadtrundgang geht auch mit Kinderwagen oder im Rollstuhl (kleine Einschränkung: Kopfsteinpflaster.)

Marburg liegt in Oberhessen und zwar ziemlich genau zwischen Kassel und Frankfurt, ein überaus pittoresker Ort, dessen Idylle dem Gelegenheitsbesucher aber nicht gleich die Luft abschnürt. In der Oberstadt, zu Fuße des stadtprofilgebenden Schlosses, kraxelt man zwischen viel Fachwerk hoch und wieder runter und isst ein überbackenes Gericht im programmatischen Café Auflauf. Anschließend nimmt man einen Kaffee auf der Terrasse der Konditorei Vetter ein. Oder man sitzt drinnen in Sichtweite der prächtigen Kuchentheke und lässt das Farbkonzept auf sich wirken – eine Mixtur aus grau, beige und rosa – das, wenn nicht zeitlos, dann doch wenigstens interessant genannt werden muss.

Unter den 70.000ern ganz weit vorn

Fest steht: In der Liga deutscher 70.000er Städte liegt Marburg weit vorn, was selbstverständlich auch an seiner akademischen Tradition liegt. Die beginnt mit der Gründung der Universität im Jahr 1527 durch Philipp den Großmütigen. Heute ist die nach ihm benannte Philipps-Universität die älteste protestantische Bildungsinstitution weltweit und einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Stadt. Berühmt ist etwa das Zentrum für unerkannte und seltene Krankheiten am Uniklinikum, das sich allerdings gleich auf seiner Homepage von Dr. House distanziert, indem es Betroffene darauf hinweist, dass die Diagnose zunächst anhand der eingereichten Unterlagen und nicht wie in der Lieblingsserie aller Hypochonder und Alarmisten am lebenden Exemplar gestellt wird.

Auch in den Medienwissenschaften lässt man sich nicht lumpen: Welche Stadt dieser Größenordnung vergibt schon einen eigenen Kamerapreis? Überhaupt ist es um den Film ganz gut bestellt. Neben dem Multiplex sind in Marburg zwei Programmkinos beheimatet, eines lässt im Sommer Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum über die Open-Air-Leinwand am Schlosspark laufen. Und als quasi viertes Lichtspielhaus könnte man das Stehkino von Professor Giesenfeld anführen, das jeden Sonntag ab 17 Uhr im privaten Kameramuseum kostenlos Stummfilme und Archivaufnahmen präsentiert.

Nix für Schickimicki-Typen

Dennoch scheint sich die Studentenschaft nicht mehr so richtig mit Marburg zu identifizieren. Das liegt natürlich erst einmal daran, dass die Stadt nicht die Strahlkraft von Berlin oder Los Angeles hat. Aber auch an der Bologna-Reform, meint ein DJ des Studentenclubs. Die Bachelorstudenten stehen im Ruf, sich vor allem um Studienpunkte und Regelstudienzeiten zu sorgen, wobei Müßiggang und Exzess auf der Strecke bleiben. Bei dieser Priorisierung ist die Stadt, in der die Uni steht, nur noch Kulisse – wenn die Studenten überhaupt dort wohnen und nicht nach Köln oder Frankfurt pendeln. Früher war eben alles besser, und natürlich war’s das auch in Marburg. Früher hat hier noch der Joschka Fischer gewohnt, erklärt einer, der vor Jahrzehnten in Marburg studiert hat. Früher hat man sich noch halluzinogene Pilze ins Omelett gerührt. 

Durchgehalten hat der kollektiv geführte Buch- und Comicladen Roter Stern samt gleichnamigem Café. Besonders hübsch im Frühling und Sommer, wenn man draußen am Fluss sitzen kann – gern auch stundenlang. Denn weder Gäste noch Mitarbeiter sollen sich zu irgendetwas verpflichtet fühlen, kein sogenannter Konsumzwang, keine von oben angeordnete Spritzigkeit, auch mal kein Danke fürs Trinkgeld. Dafür gibt es euphorische Onlinebewertungen oder diese rührende Warnung: "Nix für Schickimicki-Typen!"

Wo wir schon mal so nah an der Lahn sind, sollten wir gleich noch ihre unbetonierten Ufer erwähnen, Büsche, Bäume, Kiesel, mitten in der Stadt. Man kann verweilen, flussabwärts Kanufahren oder in beide Richtungen mit dem Rad. Die Stadt erstreckt sich einigermaßen weitläufig über mehrere Kilometer entlang der Lahn, es fällt einem also nicht so schnell der Himmel auf den Kopf. Und wenn doch, dann fährt man eben mit dem Aufzug in die Oberstadt, läuft noch ein Stück und ist dann wirklich ganzoben: Vom Landgrafenschloss hat man einen Blick, der den Himmel wieder weitet – und manchem vielleicht auch das sprichwörtliche Herz.