Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR"

Wir sind zu spät. Als wir auf der Halbinsel ankommen, wo wir ins Wasser gehen wollten, geht die Sonne gerade hinter Rotholmen unter. Ein schönes Dämmerlicht schwebt über der klitzekleinen Insel, die aus der Entfernung fast wie ein Dschungel anmutet. Etwa 300 Meter trennen uns von ihr. Das Wasser des Mälaren-Sees schimmert dunkel und sieht alles andere als einladend aus. Es ist das erste Septemberwochenende, die Luft ist kühl und das Wasser noch viel mehr. Wir ziehen uns schnell um, stopfen unsere Klamotten leicht gestresst in die bereits zum Bersten gefüllten Packsäcke und fummeln uns die Schnüre zurecht, die uns als Bugsierleinen dienen sollen. Kristofer und Jacqueline schwimmen zuerst los, während ich an Land ein paar Fotos mache und mich erst etwas später ins kalte Nass wage. Doch in unseren Köpfen geht Ähnliches vor. Wie stark kühlt der Körper aus, bevor wir auf Rotholmen an Land gehen? "Nicht nachdenken, einfach loslegen!", sagt Jacqueline. Nach fünf Minuten sehe ich nur noch zwei schwarze Punkte weit draußen im Wasser. Als ich in den See gehe, schaltet mein Körper aufgrund der Kälte auf Schnappatmung um. So fühlt es sich zumindest an. Ich nehme die Felsklippe, auf der wir zelten wollen, ins Visier. Hoffentlich taucht nicht plötzlich ein verrückter Biber aus dem Nichts neben mir auf.

Planen und Packen

Die Idee ist einfach: Wir wollen ein Outdoor-Abenteuer "gleich um die Ecke" erleben – der maximale Abstand zu unseren Wohnungen darf nur einen Kilometer betragen. Ich besitze kein Auto und kann auch nicht einfach so länger von zu Hause weg sein. Trotzdem sehne ich mich permanent danach, mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Wir wohnen in Örnsberg, einem Stadtteil, der südlich der Innenstadt und nur wenige hundert Meter vom Mälaren entfernt liegt. Ganz in der Nähe befindet sich auch das kleine Naherholungsgebiet Vinterviken. Vor einiger Zeit habe ich angefangen, die Umgebung etwas genauer zu erforschen – mit Hilfe von Google und dem Onlinematerial des Landesvermessungsamts. Schließlich fand ich einen Ort, der das ideale Ziel für ein kleines Abenteuer vor der eigenen Haustür sein könnte: Rotholmen, laut Wikipedia benannt nach dem Uhrmacher John Gustaf Linderoth, etwa 150 Meter lang, 70 Meter breit und völlig unbebaut. Eine flache kleine Insel, an der ich schon oft mit dem Kajak vorbeigefahren war und wo die Laubbäume so wild und eng wachsen, dass man meinen könnte, die Insel sei ein kleiner Dschungel. Es gibt eine schmale, felsige Zunge, auf der man sicher ein Zelt aufbauen kann. Und das alles genau 930 Meter von meiner Haustür entfernt.

Gefühlte und gemessene Wassertemperatur: sehr kalt © NORR

Wenn wir die Vorgabe von 1.000 Metern nicht überschreiten wollen, gibt es nur einen Weg, dorthin zu gelangen: schwimmen. Es gelang mir, meinen Bruder Kristofer und seine Frau Jacqueline dazu zu überreden, mitzumachen. Wir wollten ein Zelt, Schlafsäcke, Proviant und Wechselklamotten mitnehmen, um die Nacht auf der Insel zu verbringen. Außerdem wollten wir uns was Leckeres kochen, die Insel entdecken und dann wieder nach Hause schwimmen. Bei einem Packtest mit einem 35-Liter-Schwimmsack stellten wir fest, dass für das Zelt kein Platz mehr war. Wir bekamen gerade noch das Innenzelt unter – das Außenzelt musste halt einfach zu Hause bleiben. Es durfte nur nicht regnen. Dann gingen wir runter ans Wasser, damit Kristofer und seine Frau einmal probeschwimmen konnten. Das Manöver war erfolgreich – alles hielt dicht und das Gepäck blieb trocken. "Und falls man einen Krampf kriegt, kann man den Sack als Rettungsring benutzen", resümierte mein Bruder hinterher.

Es gibt eine schmale, felsige Zunge, auf der man sicher ein Zelt aufbauen kann.

Noch einmal musste ich Google zur Vorbereitung heranziehen: "Biber beißt Frau im Vinterviken". Das war im letzten Sommer ein großes Gesprächsthema in Örnsberg. Genau dort, wo wir losschwimmen wollten, war eine Frau aus Stockholm von einem Biber in den Oberschenkel gebissen worden. "Ich bekam einen Schock und fing an zu schreien", berichtete die Frau der schwedischen Zeitung Aftonbladet. Hausiert der Biber vielleicht immer noch an der Stelle? Im Internet bekomme ich keine Antwort. Nur weitere Informationen: Im gleichen Sommer wurden einige Paddler in der Nähe von Rotholmen von einer Weißwangengans attackiert. Unser Vorhaben wird uns vielleicht nicht direkt eine Mitgliedschaft im "The Explorers Club" bringen, aber vielleicht haben wir ja Chancen auf den Titel "Abenteuer des Jahres in Örnsberg"?

Erschienen im Skandinavien-Magazin "NORR", Sommer 2017 © NORR

Doch dann kommen uns zwei Dinge in die Quere: die Arbeit und das Wetter. Die Wochen verstreichen. Auf einmal ist es schon recht herbstlich – und nachts nur noch zehn Grad. Nach einem kurzen Probeschwimmen im Mälaren ist mir hinterher mindestens eine halbe Stunde lang ziemlich kalt. Doch schließlich treffen wir eine Entscheidung: "Wir halten uns den Zeitraum ab nächsten Freitag bis einschließlich Dienstag frei. Da muss doch mal irgendwann 24 Stunden Regenpause sein." Und am ersten Freitag im September ist es dann tatsächlich so weit.

Die Sache mit dem Zelt

Weit draußen sehe ich, wie Kristofer und Jacqueline angehalten haben und auf mich warten. Sie tun mir aufrichtig leid und ich schwimme so schnell ich kann. Ab und zu kontrolliere ich den bis zum Bersten gefüllten Packsack. Wenn dort Wasser eindringt, fängt er sofort an zu sinken. Nach zehn bis fünfzehn Minuten im Wasser habe ich die beiden eingeholt. Sie sind nicht gerade in allerbester Stimmung – und frieren tun sie auch. Wir umrunden die Insel gegen den Uhrzeigersinn und erreichen die kleine Landzunge, auf der wir unser Lager aufschlagen wollen. "Kristofer und ich waren 17 Minuten im Wasser", stellt Jacqueline fest.