Als ich in den Flieger nach Tokio stieg, freute ich mich auf eine Weltstadt. Ich stellte mir ein New York des Fernen Ostens vor. Ausschweifungen und Kirschblüte. Versteckte Bars, coole Menschen, spektakuläre Gebäude. Freunde hatten mir vom tollen Essen vorgeschwärmt und vom wunderbaren japanischen Design, ich hatte Ghost in the Shell gesehen und war fasziniert von der spektakulär in Szene gesetzten Wolkenkratzerlandschaft.

In der Monocle, der Vielfliegerzeitschrift für guten Geschmack, stand, Tokio vereine "außergewöhnlichen Charme und atemberaubende Effizienz". Die Stadt sei "wie ein Traum", in dem modernes Design und traditionelle Kultur einen gleichberechtigten Platz hätten.

Und dann lief ich wenig später durch eine Tokioter Frühlingsnacht und konnte nichts davon wiedererkennen. Es war kurz nach zehn, ich spazierte vom "Trendviertel" Shinjuku zum Hotel zurück. Um mich herum ragten Betonkästen in die Höhe, ein paar Autos fuhren über die mehrspurige Straße, kein Mensch war auf dem Bürgersteig zu sehen – und ich dachte: In Buxtehude ist mehr los.

Tokio machte mich ratlos

Die Erzählung Mokusei! von Cees Nooteboom, die mir eine Freundin vor der Abreise in die Hand gedrückt hatte, hätte mich stutzig machen sollen. Darin wird gleich am Anfang das Missverständnis der Japan-Touristen beschrieben: "Sie wollen Ästhetik, und folglich müssen alle Hondas unsichtbar werden. Sie verschließen die Augen vor dem Vulgären, aus dem das Leben zu drei Vierteln besteht." Der abschließende Tipp des Erzählers: "Nicht zu lange in Tokio bleiben".  

Nooteboom bekam sein Recht. Tokio machte mich ratlos, enttäuschte und verwirrte mich. Ich sah kleine Spelunken, verdruckste Japaner und viel Architekturschrott. Ich spürte nichts von der Euphorie, von der andere berichtet hatten. Warum ließ mich die Stadt nicht an sie heran?

Zur ersten Irritation kam es schon im Taxi zum Hotel. Das Auto war ein grüner, eckiger Kasten, der wie ein Regierungsfahrzeug aus den Sechzigern aussah, große Rückspiegel waren auf der Motorhaube festgeschraubt. Der Fahrer sprach kaum Englisch, wollte aber trotzdem wissen, woher ich kam. "Germany." – "Ah, Jamaica!" – "No, no, Europe." – "Ah, United States." Um Gottes willen!

Am Straßenrand tauchten große Plakatwände mit Slogans in fremden Zeichen und Fußballspielern in blauen Nationaltrikots auf. Fußball geht fast immer, das hatte ich auf meinen Reisen gelernt. Und je komplizierter der Name, desto leichter die Wiedererkennung. "Schweinsteiger?", fragte ich vorsichtig. Und tatsächlich nickte der Taxifahrer.

Das Unbehagen wuchs

Eine Stadt mit acht Millionen Einwohnern kann ja nicht vollkommen unattraktiv sein. Und es stimmt: Es gibt den schneeweißen Kaiserpalast, auf einer Insel in der Form eines Puzzleteils, und dann ist da der Meiji-Schrein mit seinen gigantischen Holztoren, der sich in einem Wald mitten im Zentrum befindet. Das alles kann man schön nennen.

Der leise Anfangszweifel steigerte sich, als ich den völlig überlaufenen Park von Ueno besuchte. In der weitläufigen Grünanlage liegen verschiedene Museen und ein kleiner Teich, auf dem Hunderte Japaner in rosafarbenen Schwanenbooten hin- und herfuhren. Von Weitem sah es aus wie ein schwuler Flashmob. Aus der Nähe erkannte ich verkrampfte Pärchen und Familien, die sich bemühten, in ihren Tretbooten keinen Auffahrunfall zu verursachen. Ohne natürlich darauf zu verzichten, eine Instagram-Story mit Selfiestick zu kreieren.

Ein schwuler Flashmob? © Kim Kyung-hoon/Reuters

Ich fuhr nach Shibuya, ein Viertel, dem der Ruf vorauseilt, die Streetwear-Zentrale der Welt zu sein. Die Wirklichkeit ist erschütternd. Es gibt all die Ketten, die es überall sonst auch gibt: Zara, Uniqlo, Gap. In drei Straßen verkaufen Concept-Stores teure japanische oder noch teurere europäische Mode. Ich sah einen jungen Mann, der Sneaker mit angeklebten Flügeln trug.

Zum Glück entdeckte ich das Ragtime, in dem Designerkleidung aus zweiter Hand angeboten wurde. Ich hätte gerne etwas gekauft, aber als ich die Verkäuferin fragte, ob sie mir helfen könne, kicherte sie nur. "No English, no English." Es war ihr sehr peinlich. Genauso im Café nebenan und anderen Läden die Straße runter, überall die Bitte, Japanisch zu reden. Für ein Land, das so viel auf seine Bildung hält, tut Japan erschreckend wenig für die Sprachkompetenz seiner Bürger.