Ein Stadtrundgang mit Ivana Radić ist auch ein Trip in eine Parallelwelt. Sie beginnt morgens um zehn vor Dubrovniks Stadtmauer, in einer kleinen Bucht zwischen den Festungen Bokar und Lovrijenac. Am Kai holt Radić eine Mappe aus der Tasche, ihr wichtigstes Werkzeug. Die großformatigen Fotos darin dienen dem Abgleich der Wirklichkeit mit der Fantasywelt von Game of Thrones. Viele Szenen wurden hier in Dubrovnik gedreht, in jener Stadt, die inzwischen wohl besser bekannt ist als Königsmund.

Radić ist Archäologin und eine wunderbare Erzählerin. Das fundierte Wissen über ihre Stadt hat sie um ein beeindruckendes Detailwissen über GoT ergänzt. An einer Stelle deutet sie auf eine steinerne Treppe, die hinauf zur Jesuitenkirche Sankt Ignatius führt. Hier wurde der Gang der Buße gedreht, den die entkleidete und kurz geschorene Cersei Lennister zum Palast von Königsmund antreten muss. Staffel fünf, Episode zehn.

Seit der zweiten Staffel hat sich Dubrovnik fast Jahr für Jahr zur fiktiven Stadt Königsmund verwandelt. Die auf der Stadtmauer wehenden Flaggen der Häuser Baratheon und Lannister haben mittlerweile einiges verändert: Souvenirs, Speisen und Tour-Guides profitieren vom Ruhm des Epos über Macht, Intrigen und Sex. In den Straßen sieht man jede Menge Thronies auf Spurensuche.

Und plötzlich weltberühmt

Der Drehort Dubrovnik scheint vor allem GOT-Fans aus den USA anzuziehen. So zumindest wird interpretiert, warum der Anteil von US-Amerikanern unter den jährlich zwei Millionen Touristen stetig steigt. Schon 2015 hatten sie sich auf Platz zwei der Besucher-Hitparade vorgearbeitet, gleich nach den Briten. Und das obwohl es keinen einzigen Direktflug über den Atlantik gibt.

"Es ist unglaublich! Dubrovnik hat 2.000 Jahre bedeutsame und spannende Geschichte, aber erst jetzt kennt die ganze Welt unsere Stadt", sagt der Brite Mark Thomas, der vor 18 Jahren mit seiner Frau hierhin gezogen ist. Er ist Gründer der englischsprachigen Dubrovnik Times und amtiert als Honorarkonsul von Großbritannien und Nordirland. Der GoT-Effekt sei "wie plötzlicher Regen auf Dubrovnik gefallen", sagt Thomas. "Zuerst wusste hier niemand, wie man damit Geld verdienen kann. Es gab keine Öffentlichkeitsarbeit, keine Behind-the-scenes-Angebote, nichts." Das hat sich längst geändert. Dass der Produzent der Serie, der US-Sender HBO, seine Wahlheimat zum Drehort erkoren habe, sei wie ein Lottogewinn. 

Die Stadt an der Ostküste der Adria ist ein besonderer Ort, schon der irische Schriftsteller George Bernhard Shaw wusste das. Im Jahr 1929 notierte er: "Wer den Himmel auf Erden sehen will, muss nach Dubrovnik kommen." Was er nicht kennen konnte: Die Fahrt in der 2010 eröffneten Seilbahn auf den 405 Meter hohen Berg Srđ, wo man dem Himmel tatsächlich ein wenig näher ist und einen atemraubenden Blick auf die Stadt hat. Dort oben startet auch eine einstündige Buggy-Safari durch die umliegenden Berge, viele Ausblicke und noch mehr Staub inklusive.

Am Nachmittag empfiehlt sich eine Fahrt mit dem Bus oder Taxi zur Halbinsel Lapad zum erst 2016 eröffneten Coral Beach Club, für ein paar entspannende Stunden am Meer und den Sonnenuntergang. Wobei man vorher noch einen Tisch für das Dinner im Restaurant Stara Loza reservieren sollte. Als eines von nur zwei Dachterrassen-Lokalen in Dubrovnik ein absolutes Muss. Genauso wie ein Drink im Musikclub Revelin, der in den eindrucksvollen Gewölben einer 500 Jahre alten Festung untergebracht ist.

Auf gute Nachbarschaft

Der zweite Tag beginnt auf Wunsch dann etwas wackelig: auf dem knallgelben Seekajak von Ivica Glunčić, der mehrstündige Paddeltouren um die vor Dubrovnik liegende Insel Lokrum anbietet. Das üppiggrüne Eiland wurde einst vom Habsburger Erzherzog Maximilian Ferdinand bepflanzt. Eine Station auf der 7,5 Kilometer langen Tour ist ein Strand in einer Höhle, den man nur vom Meer aus erreicht. Am Abend, vom Schwimmen und Paddeln ganz erschöpft, zieht es einen in eine der Weinbars. Etwa ins schummrig gemütliche D'vino in der Altstadt mit seiner exzellenten Auswahl an kroatischen und internationalen Weinen. 

Dubrovnik, in dessen historischem Kern heute nur noch 800 Menschen wohnen, gilt als ein Musterbeispiel des Gemeinwesens. Die wenigen Bewohner, so erzählt es der australische Wirt im D'vino, würden einander helfen, wann immer es nötig ist. Das sei schon immer so gewesen, habe er gehört, ganz besonders während der monatelangen Belagerung und Bombardierung der Stadt durch die Jugoslawische Volksarmee Anfang der Neunziger Jahre.

Das Museum War Photo Limited in der Nähe der Weinbar dokumentiert die Zerstörung in Bildern. Die Folgen kann man auch noch 25 Jahre danach bei einem Spaziergang auf der zwei Kilometer langen Stadtmauer besichtigen. Fast zwei Drittel der Terrakotta-Dächer mussten nach dem Bürgerkrieg erneuert werden. Die "Perle der Adria", sie schimmert wieder – und hat es als Königsmund zu einer ungeahnten Berühmtheit gebracht.