Jessica Braun über die Bereicherung, sich selbst an fremden Orten immer wieder neu entdecken zu können:

Seit mehreren Jahren verreisen mein Mann Christoph und ich als Haustauscher. Elf Mal haben wir unser Berliner Zuhause schon Fremden überlassen – im Tausch mit Domizilen in Schweden, Mexiko, Australien, Kanada und nun Italien. An das Haus in Oakland, Kalifornien denke ich besonders gern. An das Klick, Klick, Klick der Katzenkrallen auf dem Parkett, das mich weckt. Den Geruch von Filterkaffee und Oatmeal in der großen Küche mit Erker. An den Blick vom Hügel auf das graue Meer. An die Wolken, die mit der Dämmerung wie Piratenschiffe angesegelt kommen, um sich erst die Golden Gate Bridge und dann San Francisco mit all seinen Lichtern einzuverleiben. Fast täglich versinkt die Bay im Winter im Nebel, Oaklands Straßen leuchten weiter im kupferfarbenen Abendlicht.

Oaxaca, Stockholm, Barcelona – dank des Haustauschs waren wir in vielen tollen Städten. Aber Oakland ist mein Sehnsuchtsort. Das Zuhause von Karen und Richard, unseren Tauschpartnern, trug viel dazu bei. In einer Straße hübscher Einfamilienhäuser gehörte es zu den älteren. Es war geschmackvoll eingerichtet, aber unordentlich genug, dass ich mich beim Fernsehen traute, die Füße auf den Tisch zu legen. Die Dellen in den Sofakissen, die Fotos im Flur, die lustigen Kaffeetassen im Schrank und das sonnenbeschienene Gemüsebeet erzählten von einer frohen, ein bisschen schrägen, linksliberalen Familie.

Einer Familie, in der ich mich vermutlich auch wohlgefühlt hätte. Als Tochter von Karen und Richard, aufgewachsen zwischen Tennisschlägern und Katzenspielzeug, "I love Obama"-Aufklebern und "Gay Rights"-Wimpeln, der Harry-Potter-Sammlung und Ratgebern wie dem Hippie-Handbuch, hätte ich es womöglich als Studentin bis nach Berkeley geschafft. Vielleicht hätte ich aber auch die Schule geschmissen, um mit einem surfenden Bäcker durch die Welt zu reisen und Bücher zu schreiben. Was wiederum der Beschreibung von Christophs und meinem Leben ziemlich nahekommt.

Man schlüpft in das fremde Leben, wie in eine getragene Jacke

Mit jedem Tag, an dem ich in Kalifornien morgens die New York Times vom taunassen Rasen klaubte, Waschmittel in die nach oben geöffnete Waschtrommel kippte oder Bananenbrot backend in der Küche stand, wuchs ich mehr in das Leben einer Kalifornierin hinein. Die Menschen, mit denen ich dort für meine journalistischen Artikel sprach – zum Beispiel mit einer irrwitzig klugen Wissenschaftlerin über die Wiederbelebung von Mammuts oder mit einem Designer über Roboterkämpfe –, haben keine Angst davor, groß und optimistisch zu denken. Ich spürte förmlich, wie sich mein Horizont weitete.

Das Haustauschen erlaubt es mir, den Alltag anderer Menschen anzuprobieren, wie eine getragene Jacke. Manche passen auf Anhieb. Andere nicht so. Aber dadurch lernen Christoph und ich immer etwas dazu. Wie viel Platz brauchen wir? Weniger als in Perth (sechs Zimmer), mehr als in Stockholm (eineinhalb Zimmer). Sind wir Hunde- oder Katzenmenschen? Beides! Und sicher auch Meerschweinchen- und Schildkrötenmenschen. Macht uns Gartenarbeit Spaß? Ja. Aber deswegen aufs Land ziehen? Eher nein. Dieses gemeinsame Entdecken schweißt uns zusammen.

Dazu gehören auch unsere Laufrunden. Zu Hause joggen wir zwei- bis dreimal in der Woche. Wenn wir tauschen, auch. In Oakland führte unsere Runde um den Lake Merritt, einen Salzwassersee mit kleinen Inseln, auf denen silberne Reiher nisten. Wenn die Sonne untergeht, wird in den am Ufer geparkten Autos heftig gekifft – und die Rauchwolken, die aus den geöffneten Fenstern wabern, sorgen für eine ganz andere Art von Runner's High. In Stockholm joggten wir entlang der Villen am Strandvägen und über verwunschene kleine Inseln aus Granitfelsen. Manchmal auch durch den Wald. Da kamen wir wegen der reifen Heidelbeeren aber nur mittelgut voran.

In Perth trieb die Sonne die Temperaturen an manchen Tagen über die 40-Grad-Marke. Da laufen nur Lebensmüde! Also packten wir die Badesachen in den mitgetauschten Jaguar und fuhren ins nächste Schwimmbad. Mit neonfarbenen Sunblockern bemalt wie Pool-Schamanen zogen wir im kühlen Wasser unsere Bahnen. Christoph machte das Bahnenschwimmen so viel Spaß, dass er zurück in Berlin dabeiblieb und nun regelmäßig ins städtische Hallenbad pilgert.

So werden wir zu Entdeckern – der neuen Umgebung und unserer selbst. Und was wir entdecken, gefällt uns fast immer. In einem 1975 veröffentlichten Essay schrieb der US-Autor Walker Percy: "Jeder Entdecker nennt seine Insel Formosa: schön. Sie ist schön, weil er der Erste ist. Er kann sie betreten und sie so sehen, wie sie wirklich ist. Für niemand anderen wird sie jemals so schön sein – mit Ausnahme vielleicht für denjenigen, dem es gelingt, sie wiederzuentdecken. Der weiß, dass sie wiederentdeckt werden muss."